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Stanislaw Lem

Biographie

Das Bild dessen, was Menschen Menschen antun, um sie zu peinigen, zu erniedrigen, zu vernichten, sie in krankem und gesundem Zustand auszubeuten, in ihrem Alter, ihrer Kindheit, ihrem Siechtum, und zwar ununterbrochen, in jeder einzelnen Minute - dieses Bild kann selbst dem eingefleischtesten Menschenfeind den Atem rauben, der glaubte, keine menschliche Niedertracht sei ihm fremd.
(Lem)

Am 12. September 1921 wurde Lem als Sohn eines Arztes in Lwow (Lemberg) in Polen (heute GUS) geboren. Mit einem Intelligenzquotienten von 180 soll er das intelligenteste Kind in ganz Südpolen gewesen sein. Schon als Kind fürchtete er sich vor "unlogischen und unvorhersehbaren" Handlungen alles Lebendigen, liebte es, mechanisches Spielzeug zu zerlegen und betrachtete seine Schulklasse als einen Mechanismus, "der nach den Gesetzen der Sozialpsychologie funktioniert."

Von 1939 bis 1948, unterbrochen vom zweiten Weltkrieg,  studierte er in Krakow Medizin und schloss es mit dem Absolutorium ab. Doch abgesehen von einer kurzen Zeit, in der er als Geburtshelfer arbeitete, war er nie als Arzt tätig. Am Krakauer Konservatorium für Wissenschaftslehre wurde dem jungen Lem ein Selbststudium ermöglicht, in dem er sich mit intensiv mit Fragen der Physik, der Biologie, der Kosmologie und er Philosphie beschäftigte.  Seine  erworbenen Kenntnisse  vertieft er noch heute durch regelmäßige Lektüre des "Scientific American" - einer wichtigen Quelle für seine Ideen.

In der Zeit, als Polen von Deutschland besetzt war, arbeitete er als Automechaniker und gehörte auch der polnischen Widerstandsbewegung an. Während dieser Zeit entstand, noch ohne an eine Veröffentlichung zu denken, sein erster Roman. "Der Marsmensch" erschien 1948 in einem polnischen Romanheft wurde dann aber wieder vergessen. Erst 1989 erschien der Roman in einer Neuauflage.

Nach der Beendigung seines Studiums arbeitete er am "Konserwatorium Naukoznawcze" als Assistent für Probleme der angewandten Psychologie. Nebenbei beschäftigte er sich privat mit den Problemen der Mathematik und der Kybernetik und übersetzte wissenschaftliche Veröffentlichungen. Von 1947 bis 1950 veröffentlichte er Essays und Gedichte in Zeitungen und wissenschaftlichen Zeitschriften. 1951 erschien nach einem zufälligem Gespräch über den Mangel an polnischer Science Fiction Literatur mit einem polnischen  Verleger sein Roman "Die Astronauten". Zuvor schrieb Lem einen zeitgenössischen Roman "Czas nieutracony" der aber erst 1955 erscheinen konnte.

1956 erlebt Lem den "Polnischen Oktober" mit; er zieht Diskussionen über die Probleme des polnischen "Sozialismus" nach sich (der in Polen nie so streng durchgesetzt wurde wie in anderen sozialistischen Ländern jener Zeit). Die Konsequenzen für das Werk Lems sind unübersehbar: in den "Astronauten" ist der Glaube an den unbegrenzten menschlichen Verstand (und die kommunistische Idee) ehrlich, sogar fast naiv und nicht versetzt mit Ironie. Das Jahr 1956 und die ihm folgende Ernüchterung inspirieren Lem zu einer "reiferen", differenzierteren Art der Darstellung. Im gleichen Jahr verfaßt er die "Dialoge", in denen er sich mit den Möglichkeiten der Kybernetik auseinandersetzt. Einen besonderen Akzent legt er dabei auf die Übertragbarkeit menschlichen Bewußtseins auf Maschinen, beziehungsweise auf das artifizielle Bewußtsein überhaupt.

Bis 1956/57 ist es in Polen fast unmöglich, Bücher aus dem westlichen Ausland zu erwerben, so daß Lem bis dahin kaum Vergleiche zu ausländischer SF ziehen kann. Die polnische SF-Tradition selbst ist wenig ausgeprägt, man kann Lem somit beinahe als Autodidakten betrachten. Zur gleichen Zeit erlebt allerdings die sowjetische "Wissenschaftliche Fantastik" eine Blüte, an der Lem sich sicherlich orientiert hat.

Die anschließende Zeit zwischen 1956 und 1968, Lems "zweite Phase", ist mit neunzehn Projekten besonders produktiv; in dieser Periode entstehen viele der Fabeln aus "Kyberiade" und die "Summa technologiae" (1964).

Der Erfolg im Ausland zeigt sich zunächst bei den russischen Lesern. Im Vergleich zur sowjetischen Literatur sind die Übersetzungen der Werke Lems weitgehend unzensiert, obwohl sie ein kritisches Potential enthalten (so die allgemeine Tyranneikritik in den "Kyberiaden"). In dieser zweiten Schaffensphase entstehen auch die großen Erfolgsromane wie "Solaris" (1961) und "Der Unbesiegbare" (1964). Die Auseinandersetzung mit der Gattung SF ist in dieser Zeit am deutlichsten, während er sich in der folgenden "dritten Phase" enttäuscht von ihr zu distanzieren versucht (ohne sich allerdings lösen zu können).

In der "dritten Phase" (die Phaseneinteilung dient nur der Übersichtlichkeit) ab 1968 versucht Lem verstärkt, die Grenzen der Gattung hinter sich zu lassen, zum Beispiel durch Rezensionen fiktiver Bücher, fiktiver Lexikoneinträge oder Einleitungen zu nichtexistenten Werken ("Die vollkommene Leere" 1971; "Imaginäre Größen" 1973).

Mit ihr einher geht aber auch eine Krise im Schaffen Lems. Er beginnt, seine Unzufriedenheit mit seinem bisherigen Werk, aber auch dem anderer SF-Autoren zu formulieren. Es entstehen theoretische Werke, an denen Lem, wie er im Nachwort der "Dialoge" feststellt, weit mehr liegt, als an seinem fiktionalen Werk.

Bezogen auf die Darstellung von "Welten" läßt sich ein Tryptichon in den belletristischen Werken feststellen: es gibt Werke, die sich direkt auf die Zukunft des Menschen beziehen ("Der Futurologische Kongreß"), Werke, in denen Menschen mit fremden Kulturen zusammentreffen (vor allem die "Sterntagebücher", in denen Ijon Tichy Abenteuer im Weltraum und in den verschiedensten Kulturen erlebt und schließlich Werke, in denen die fremde Kultur im Vordergrund steht (z.B. "Eden"; in "Kyberiade" wird ebenfalls eine fast menschenlose Kultur beschrieben).

Parallel zu seinen Experimenten innerhalb der Gattung entwickelte Lem in verschiedenen theoretischen Werken seine eigene Metatheorie zur SF. Diese Werke beziehen sich allerdings nicht nur auf diesen Bereich.

1982 war er Stipendiat in Berlin am Institut für Advanced Studies. In den Jahren 1982 bis 1988 wohnte er in Wien. Seit dem lebt er in Krakow, wo er auch seit 1973 Dozent am Lehrstuhl für polnische Literatur an der Universität Krakow ist. Außerdem ist er Mitglied der polnischen Gesellschaft für Kybernetik und Mitglied im Ausschuß Polen 2000 für polnische Literatur an der Universität Krakow.

Bemerkenswert ist die Mischung aus typischen SF-Motiven wie der Raumfahrt, aus Motiven der erlebbaren Realität wie Bürokratie und Militär und abstrakten Themen aus Wissenschaft und Philosophie. Lems Kunst besteht vor allem darin, diese verschiedenen Elemente zu einem homogenen Text verschweißen zu können, obwohl ihm Kritiker vorwerfen, seine Romane durch überbordende diskursive Einschübe unlesbar zu machen. Tatsächlich tritt das Abenteuer häufig in den Hintergrund, doch wird dies zumeist mit einer phantasievollen Führung durch die Ideenwelt des Autors ausgeglichen.

Ausgezeichnet mit vielen Literaturpreisen und eine Weltauflage seiner Bücher von über 30 Millionen in 30 Sprachen ist er der erfolgreichste polnische Autor der Gegenwart und einer der erfolreichsten SF-Autoren weltweit und doch zugleich einer der größten Kritiker dieser Literaturgattung.

Der polnische Autor hat den Science-Fiction-Roman "literaturfähig" gemacht und ist mit seinen Utopien weit über die Phantasien seiner "Väter" Jules Verne und H.G. Wells hinausgegangen. Die wissenschaftliche Fundierung seiner Romane ist ihm heilig und zugleich das, was er bei den meisten der anderen Autoren vermißt; sie produzierten gefälligen, kommerzialisierten "infantilen Schund", der der Science Fiction ihre Chance nehme, tatsächlich durch die Beschreibung des (Un-)Möglichen ihre gesellschaftliche Legitimierung zu finden. In erster Linie will Lem mit seinen Romanen nichts anderes erreichen, als jeder andere Autor auch: den Leser zu unterhalten, denn "Unterhaltung ist ein Wert an sich". Lem selbst hat sich dafür mit mehreren wissenschaftlichen und technischen Disziplinen auseinandergesetzt.

Lem schildert - im Gegensatz zu seinen Vorbildern - weniger technische Utopien, sondern verarbeitet Grenzprobleme beinahe aller Erkenntniszweige, etwa der Mathematik, Soziologie, Mikrobiologie und Kernphysik. So kreiert er erfundene Forschungsgebiete, schildert maginäre Entdeckungen, Irrwege, Scheinlösungen, Kontroversen und erläutert akribisch eine von A bis Z völlig frei erfundene Bibliographie. In Form einer Rezension von 16 nicht existenten zukünftigen Büchern konstruierte er sich eine "Bibliothek der Zukunft". Aber man könne den Weg der Menschheit nicht dadurch verbessern, daß man Prognosen schreibe, konstatiert er. 1988 hat sich der erfolgreichste Science fiction-Autor der Gegenwart daher entschlossen, mit dem Schreiben von Belletristik aufzuhören - "weil es in der Welt Wichtigeres gibt". "Da stehe ich wie mit einem Löffel voll Wasser vor dem Atlantik und will noch etwas dazugießen!", kommentiert er seine Arbeit als Schriftsteller, "Ich halte mich heute lieber an die empirischen Wissenschaften als Rettungsanker, damit es mich nicht fortspült".

Stanislaw Lem verstarb am 27. März 2006 im Alter von 84 Jahren.

Daniel Weigelt / Albert Almering

"Ich glaube nämlich nicht, daß die Menschheit ein für immer hoffnungsloser und unheilbarer Fall ist."
(Stanislaw Lem in "Mein Leben", 1983)

Auszeichnungen:

Biographie bei der Botschaft der Republik Polen in Berlin