Erschienen bei Insel (1992)
Obwohl Stanislaw Lem nach einer Phase seiner Entwicklung, in der
das Erzählen zugunsten des öffentlichen Grübelns hintan
stand, wieder zum Schreiben von "richtigen" Geschichten zurückgekehrt
ist, läßt ihm der Essayist und vertrackte Gedankenakrobat, der
auch in ihm steckt, keine Ruhe. Dieses Insel-Paperback versammelt fünf
seiner neueren Essays, die bis auf einen (die deutsche Erstveröffentlichung
"Dreißig Jahre später") bislang nur verstreut erschienen sind.
SF- und sonstige Leser, die sich wider aller Vernunft (aber wer ist
schon immer vernünftig) immer noch für Texte interessieren, die
sich mit dem Unerkennbarsten aller Dinge, der Zukunft, befassen, werden
an Lems Auseinandersetzungen mit der Futurologie der letzten dreißig
Jahre ihre zweifelhafte Freude haben. In "Dreißig Jahre später"
und "Die Vergangenheit der Zukunft" macht Lem etwas mit der Futurologie,
was Futurologen bislang tunlichst vermieden haben: Er klopft diverse Aussagen
über die Zukunft auf ihren Wahrheitsgehalt hin ab. Das bietet Gelegenheit
zu diversen Seitenhieben auf die etablierten Namen dieser selbsternannten
Wissenschaft, nicht ohne den Unterton der Verbitterung, ist Lem doch selbst
mit seinen einschlägigen Texten - vor alle, der "Summa technologiae",
aber auch den "Dialogii" und dem zweibändigen "Phantastik und Futurologie"
- fast völlig unbeachtet geblieben.
Das Vergnügen, auf den heute nur noch komisch wirkenden Fehl-Voraussagen
der Herren Toffler und Co. herumzureiten, gönnt Lem sich und dem Leser
nur ansatzweise. Viel interessanter ist es ihm, seine eigenen Prognosen
herzunehmen und an der Wirklichkeit zu messen. Eine Person allerdings demontiert
Lem in "Dreißig Jahre später" voller Befriedigung. In einer
der wenigen Reaktionen, die Lem seinerzeit auf die "Summa technologiae"
bekommen hatte, schrieb ein Professor Leszek Kolakowski davon, daß
Märchen und Information in Lems Buch kaum trennbar seien und daß
Lems Gedankenexperimente, diese Eruption wirklicher Extrapolation, letztlich
das Ziel verfolgten, die Philosophie zu liquidieren.
Lem untersucht nun - in der ihm eigenen, speziellen Art der Bescheidenheit
- sein eigenes Buch. Dabei gerät ihm natürlich seine Phantomatik
zum Beispiel der Widerlegung des (inzwischen von Marxisten zum Christen
gewendeten) Professors - was sind Cyberspace, Virtual Reality und all die
neuen technologischen Spielzeuge der computergenerierten Zweitrealitäten
schon anderes als die Anfänge der Lemschen Phantomatik? Natürlich
hat wieder einmal kein Mensch bei der ganzen Diskussion über Virtual
Reality und die philosophischen Konsequenzen dieser Technologie auf den
"Weisen aus Krakau" verwiesen, der das alles schon vor dreißig Jahren
vorausgesagt hat, im Jahre 1962, als selbst die Voraussage, in jedem zweiten
Haushalt stünden 1992 Computer herum, belächelt wurde.
Und er wäre nicht Lem, würde er nicht auch die heute bereits
existierenden ersten Anfänge der mentalen und semantischen Verwirrung
phantomatischer Technologie hinweisen, etwa darauf, daß in einem
VR-Labor in den USA heute ein Autofahr-Programm existiert, dessen Benutzer
für eine gewisse Zeit nach dem Verlassen der Simulation ein striktes
Verbot haben, in ihr eigenes Auto zu steigen - ungeachtet der Tatsache,
daß man sogar einen amerikanischen Highway nur schwerlich mit einer
der heute in VR-Maschinen verwendeten Vektorgrafik verwechseln kann. Kann
man sich eine schönere Möglichkeit vorstellen, den Professor
Kolakowski zu widerlegen?
Dieser Selbstbestätigung, die eine von vielen denkbaren Fußnoten
zur "Summa technologiae" darstellt, folgt der Titelessay der Sammlung.
Hierin zeigt Lem anhand prominenter Beispiele - etwa den völlig danebenliegenden
Voraussagen des Futurologie-Gurus Herman Kahn - das gloriose Scheitern
der Futurologie und analysiert die Gründe für das Desaster: Nur
die Grundlagenforschung ist langfristig und fundiert zugleich, um Voraussagen
zuzulassen, während im Bereich gesellschaftlicher Entwicklungen jede
Voraussage nicht die Zukunft, sondern höchstens die Gedankenwelt des
jeweiligen Propheten bloßlegt.
Nebenbei ist die Akzeptanz solcher Voraussagen laut Stanislaw Lem
direkt proportional zum finanziellen und organisatorischen Aufwand, den
der Prophet betrieb - deswegen wurden die falschen Visionen des Hudson
Institute und der Rand Corporation überall beachtet, während
die skeptischeren und im Alleingang erstellten Lemschen Ideen seit ihrer
Veröffentlichung sozusagen im Dunkeln standen. Es kann nicht falsch
sein, wofür man Millionen ausgegeben hat - die Palmströmsche
Logik.
"Leben in der AIDS-Zeit" zeigt uns Lem von einer Seite, die nahezu
in Vergessenheit geraten ist: Schließlich ist der Mann Arzt, wenn
auch seit dem "Hospital der Verklärung" einige Zeit vergangen ist
(allerdings lautet der Originaltitel dieses frühen Romans wörtlich
"Die nichtvergangene Zeit"). Lem widerlegt zunächst die wohlfeile
und immer wieder kolportierte These, wonach HIV ein entwichenes Produkt
aus der biologischen Waffenentwicklung sei, und entwickelt aus allen ihm
bekannten Daten ein schlüssig erscheinendes Bild von AIDS, nicht ohne
darauf hinzuweisen, daß nicht die Krankheit selbst ein Produkt der
modernen Gesellschaft ist, sondern die Folgen des Virus.
Der Band schließt mit zwei weiteren Versuchen Lems, in die
von ihm so heftig geschmähte Gilde der Futurologen nicht aufgenommen
zu werden. "Versuch einer Prognose bis zum Jahr 2000" kann man schon in
wenigen Jahren auf den Prüfstand der Wirklichkeit spannen. Dieser
Text trieft von Ironie und Sarkasmus, etwa wenn Lem behauptet, daß
der zweite Golfkrieg - die sogenannte Rettung der sogenannten Demokratie
in Kuwait - eher philosophische denn militärische Gründe hatte,
und daß Derridas Dekonstruktivismus nichts weiter als eine Anhäufung
verschnörkelten Unsinns sei.
"Vorschau auf das nächste Jahrhundert" ist demgegenüber
schwärzer und pessimistischer. Allein wegen der Passagen, die Deutschland
behandeln, hätten Lems Gedankenspiele hierzulande ein größeres
Publikum verdient. Aber natürlich wird dieser Essayband nur von den
ganz harten Lem-Fans gelesen werden, und für das restliche Menschenvolk
sind es nur die marginalen Gedanken eines Mannes, der SF schreibt und deswegen
nicht wahrgenommen werden muß.
Übernommen von kruschelx2