Albert Almering

SF im Allgemeinen und Lem im Besonderen

(Examensarbeit)

1. Einleitung

1.1. Die grundlegenden Ideen
1.2. Zu den Materialien und Quellen
1.3. Carl Amery - Zu Person und Werk
1.4. Stanislaw Lem - Zu Person und Werk
1.5. Warum Science Fiction?

Science Ficion[1], als literarische Gattung betrachtet[2], wird wie kaum eine andere Gattung in der Literaturkritik kontrovers behandelt.

Die Mehrzahl der Kritiker der SF konzentrieren sich vor allem auf den Massenproduktionsaspekt, bei dem die anspruchsvollen Werke durch eine Flut von sogenanntem „Pulp“ verdeckt werden - letzterer wird aber dann von diesen Kritikern als repräsentativ für die ganze Gattung betrachtet. Beim „Pulp“ steht das Abenteuer im Vordergrund, das so gestaltet ist, daß es beim Leser eine Bedürfnisbefriedigung erwirkt, die aus einem veränderten Erleben der Wirklichkeit besteht. Doch ist in diesem Punkt der These Jörg Hiengers zu folgen, wenn er feststellt: „Weisen die Abenteuer allzu nachdrücklich über sich hinaus, so daß ihre Voraussetzungen  und Folgen wichtiger werden, als sie selbst, dann sind sie schon nicht mehr bloße Abenteuer.“ (Hienger 1972, S. 214)

Obwohl der Unterhaltungscharakter der Gattung ein wichtiges Element ist, wird doch die Untersuchung der SF besonders an den Stellen interessant, wo das bloße Abenteuer verlassen wird. In diesem Zusammenhang soll in dieser Arbeit geklärt werden, ob und inwiefern beispielsweise die utopische Tradition in der SF fortgeführt wird.

Die Gegenposition zu der oben genannten Kritikern der SF neigt wiederum dazu, die Leistungsmöglichkeit der SF in das Gegenteil zu übertreiben; besonders in der Tradition der amerikanischen SF existieren Ansätze, die SF durch die Möglichkeiten des Gedankenspiels der übrigen Literatur überzuordnen.

Eine vertretbare Position liegt zwischen den beiden Extremen; eine Einschätzung der Grenzen der Möglichkeiten soll in 2. 1. (Engagierte SF zwischen Futuria und Utopia) anhand des Begriffs „Engagierte SF“ beschrieben werden, in Verbindung mit einem Querschnitt durch verschiedene Positionen innerhalb der Literaturkritik (vgl. 2. 1.1. und 2. 1. 2.). Der Begriff „Engagierte SF“ wurde der Dissertation von Ulrike Gottwald (Gottwald 1990, S. 23) zur SF als Literatur in der Bundesrepublik der siebziger und achziger Jahre entlehnt. Im Unterschied zu Gottwald soll in dieser Arbeit das Engagement neu definiert werden, besonders im Hinblick auf ihre These, daß sich die Aspekte des Spiels und die Aspekte des Engagements umgekehrt proportional zueinander verhalten. Als ebenso problematisch erweist sich ihr Versuch, definitorische Kriterien zu finden, die „SF als Literatur“ von „SF als Trivialliteratur“ sachlich zu unterscheiden. Den Einwänden zum Trotz soll die SF-Definition von Gottwald aber im Kern beibehalten werden, da sie im Kern zutreffend ist: SF bedient sich der Methode der „erkenntnisbezogenen Verfremdung“ und hat grundsätzlich unterhaltenden Charakter.  

Es zeigt sich, daß der Begriff SF vor allem auf zwei Wegen zu definieren versucht wird: die „integrative“ Position (vgl. 2.1.1.) bestimmt den Begriff sehr umfassend (beispielsweise durch die Rezeption der Leser); die „ausgrenzende“ Position (vgl. 2.1.2.) sucht nach textimmanenten und eindeutigen Kriterien für eine Definition. Die letztere Position hat sich schließlich als ergiebiger für die Diskussion (besonders im Hinblick auf die Frage der Literatizität) erwiesen, da in ihr die Ideologien, die die Gattung begleiten, aufeinandertreffen.  

„Engagierte SF“ ist ein Hilfsbegriff der innerhalb dieser Arbeit auf einer Arbeitshypothese basiert: da es nahezu unmöglich ist, triviale SF von literarischer SF definitorisch zu unterscheiden, soll dieser Begriff eine Tendenz, eine nicht einheitliche Strömung innerhalb der Gattung beschreiben, die über die Abenteuerdarstellung zu vorwiegend kommerziellen Zwecken hinausgeht (das soll nicht bedeuten, daß Engagierte SF nicht kommerziell erfolgreich sein darf; man denke an die hohen Auflagen Lems).

Alle Regeln und Ordnungen unserer erfahrbaren Wirklichkeit sind in der SF veränderbar; die in der SF dargestellte Wirklichkeit ist aber selbst nicht ohne Regeln und Ordnung und sollte sie es sein, so gibt es dafür eine rationale Erklärung (zum Beispiel halluzinatorische Erlebnisse des Erzählers in Lems Werk „Der Futurologische Kongreß“). Dabei sollte nicht außer acht gelassen werden, daß neben der Rationalität die Handlung zusätzlich über emotionale Faktoren bestimmt wird, vergleichbar mit jeder beliebigen Erzählung, die nicht aus dem SF-Bereich stammt.  

Die Plausibilität der Erklärung ist ein entscheidendes Kriterium für die Qualität eines SF-Romans oder einer Kurzgeschichte, auch bezogen auf ein mögliches Engagement. Die Ausnahme davon bilden die satirischen Darstellungen, in denen das rationale Element bewußt auf den Kopf gestellt wird. 

Neben dem Element des Abenteuers und der Rationalität ist das dritte prägende Element der SF die Darstellung. Eine Besonderheit ist, daß die SF-Erzähler im Prinzip keine anderen Formen der Kurzgeschichte oder des Romans benutzen, als Erzähler, die mit unserem Realitätsbegriff übereinstimmende Begebenheiten fingieren. Das SF-Verfahren ist seit Verne und Wells, „Unglaubliches plausibel zu erklären“ (Hienger 1972, S. 16), obwohl nicht allein dadurch aus einer Erzählung eine SF-Erzählung wird.

Das Unglaubliche läßt sich in einem relativ klar eingrenzbaren Fundus von Motiven und Requisiten wiederfinden (vgl.: 2. SF: Entwicklung, Spielregeln, Motive), entscheidend ist die Art und Weise, wie es dem Leser präsentiert wird. Der Begriff „Engagierte SF“ ist so weit gefaßt, daß er auch das künstlerische Spiel mit der Wirklichkeit als Engagement umfaßt. Das Engagement ist also nicht so eng zu verstehen, daß es sich auf das didaktische Moment konzentriert, daß eine „Botschaft“, die über das SF-Modell transportiert wird, das literarische Spiel in den Hintergrund drängt[3].

Die Didaktik wird auf einer tieferen, verborgenen Ebene durch einen Mechanismus vermittelt, der auf „Lernen durch Analogien“ basiert, eine Methode, die in jüngster Zeit in der Gedächtnis-, Lern- und Denkpsychologie starke Beachtung findet. Das Lernen durch Analogien leitet sich von der Annahme kognitiver Schemata ab, die durch das Erkennen verwandter Strukturen übertragen, ausgebaut und umstrukturiert werden können:

„Die Schemata des vorhandenen Wissens dienen dabei als Schablonen, die die Elemente des neuen Wissens provisorisch aufnehmen und ihnen teilweise die Struktur des alten Wissens aufprägen. Dadurch entstehen a priori Zusammenhänge, die Ausgangspunkt für weitergehende korrigierende, differenzierende oder integrierende Verarbeitungsprozesse sein können.“ (Rüppell 1991, S. 13)

Die bekannten „Aha“-Erlebnisse (jemand erkennt: „Das ist ja genau wie...“) gehen meist auf die erfolgreiche Umgestaltung eines Schemas zurück. Die Gattung SF ist besonders dafür geeignet, Modellstrukturen zu entwerfen, ohne daß die Variabeln, die ein solches Beziehungsnetz enthält, eindeutig definiert werden müssen (jeder hat ein Konzept, wie er sich gegenüber einem „Fremden“ verhält, doch wie reagiert man bei der Begegnung mit einem „Alien“?). Ein eigenes Kapitel über die Didaktik der SF hätte den Rahmen dieser Arbeit gesprengt, doch sei verwiesen auf die Kapitel 7.1. bis 7.4., in denen Konstruktion und Intention von Modellen exemplarisch anhand der besprochenen Werke nachvollzogen werden wird.

Neben einem Engagement für die spezifisch literarische Seite der Gattung, das bei Lem ausgeprägt, bei Amery aber nur andeutungsweise vorhanden ist, wurden mit diesen beiden Autoren bewußt solche ausgesucht, bei denen sich hinter dem künstlerisch-spielerischen merklich etwas wie eine „Botschaft“[4] verbirgt. Den Rückschluß auf diese „Botschaft“ erlaubt bei beiden Autoren die die belletristischen Werke begleitenden diskursiven Schriften, zusätzlich aber auch ihr jeweiliges, auch außerliterarisches Engagement in Politik und Wissenschaft. Daher sollen die Werke von Carl Amery und Stanislaw Lem zusätzlich auf die bestimmten Kriterien hin untersucht werden, die auf dieses „Engagement 2. Ordnung“, das über die SF-Erzählung hinaus wieder auf die Wirklichkeit verweist, referieren, auch wenn dieser Arbeit die Gefahr droht, sich vom Allgemeinen (der Untersuchung der Möglichkeiten der SF) im sehr Speziellen zu verlieren.

Abgesehen von der unterschiedlichen literarischen Gestaltung lassen sich bei beiden Autoren unterschiedliche philosophische Positionen extrahieren, die zunächst auf eine umfassende Kulturkritik, aber auch auf eine Untersuchung des transzendentiellen Faktors als kulturstabilisierendem Element hinauslaufen. Die beiden Aspekte Transzendenz und Kultur werden in 7.2. (Transzendenz und Kultur) und 7. 3. (Kulturkritik durch Geschichte, Zukunft und fiktive Welten) gesondert und in 7. 4. (Zwei Mahner) im Zusammenhang und in bezug zu den analysierten Werken untersucht. Dabei ergeben sich bei aller Verschiedenheit der Autoren Berührungspunkte, die im einzelnen herausgearbeitet werden, so vor allem im Moment der literarischen Umsetzung philosophischer Ideen, in einer umfassenden Zivilisationskritik und (damit verbunden) einer Suche nach Transzendenz als kulturstabilisierendem Faktor. Es muß zugegeben werden, daß die ausgewählten Autoren mit ihren anspruchvollen Ansätzen eher die Ausnahme als die Regel unter den SF-Autoren darstellen; Lem[5] ist bemüht, losgelöst von der Geschichte die Grenzen der Gattung zu sprengen, um so den Bereich des Erfahrbaren, die Perspektive zu erweitern. Amery dagegen ist mehr an einer neuen Fokussierung historischer Ereignisse gelegen. Eine Durchleuchtung seiner wissenschaftsorientierten Methode des „Was wäre gewesen, wenn..“ wurde in 2.2. versucht.

Künstlerische Aspekte in Sprache und Stil werden jeweils in den Punkten 3.1., 4.1, 5.1. und 5.2. im Bezug zu den einzelnen Werken, schließlich vergleichend in 7.1. angesprochen werden. In den verschiedenen Ansätzen zur Abstraktion ihres „Engagements“ zeigen sich große programmatische Divergenzen der beiden Schriftsteller, die dann in der Aussage zum Teil konvergieren:  

> in der Kritik an bestehenden Zuständen kulturellen „Mismanagements“; zur Herausarbeitung            dieses Punktes wurden besonders Amerys „Der Untergang der Stadt Passau“ und Lems     „Der Futurologische Kongreß“ zum Vergleich ausgewählt,

> für die Suche nach absoluten Werten[6] und Transzendenz, aber auch für Kritik an Wertverfall            und -mißbrauch werden vor allem die „Kyberiade“ Lems und „Das Königsprojekt“ Amerys   vergleichend herangezogen.

Diese Unterscheidung kann nicht mit voller Konsequenz beibehalten werden, da sich in jedem Werk mehrere verschiedene Aspekte belegen lassen.           

1.1. Grundlegende Ideen

Genauer betrachtet ist das Verfassen einer Zukunftsgeschichte ein unmögliches Unterfangen. Erzählen lassen sich nur „vergangene“ Geschichten, deren Umrisse sich durch den Rückblick auf bereits Erfahrenes formen. In der SF-Geschichte muß sich der Erzähler meistens an eine Zukunft „erinnern“, die logischerweise niemals stattgefunden haben kann[7]. Somit präsentiert sich dem Leser von Anfang an eine paradoxe Erzählsituation, die er geneigt sein muß, hinzunehmen, wenn er ein Buch dieser Gattung aufschlägt. „... der Erzähler und sein Publikum müßten eigentlich Zeitgenossen der Romanhelden sein, um sich über deren Taten verständigen zu können.“ (Jehmlich/Lück 1974, S. 22) Sie sind es jedoch in den seltensten Fällen. Dennoch ist das Interesse vorhanden, an einer Zukunft teilzuhaben, die noch nicht die eigene ist, die es durchaus sein könnte, die aber auch völlig verschieden sein kann.

Aus der vorausgesetzten Bereitschaft, sich auf die „Spielregeln“ der Erzählung einzulassen, ohne das Erzählte sogleich mit Empörung als Absurdität von sich zu weisen, löst sich die Irrationalität der Erzählsituation. Hier zeigt sich am deutlichsten die Verwandtschaft der SF mit dem Märchen: niemand würde sich bei der Lektüre eines Märchens über eine Gans aufregen, die goldene Eier legt. Im Unterschied zum Märchen muß in einer SF - Erzählung wenigstens angedeutet werden, warum denn eine Gans goldene Eier legt[8]. Für die Begründung darf die SF als Kunstgriff sogar falsche Hypothesen verwenden, nur muß die Erklärung letztlich akzeptabel sein, um der Gattung gerecht zu werden.

Anhänger der SF wie Robert A. Heinlein[9] und Darko Suvin, der mit Lem „Contributing Editor“ der „Science Fiction Studies“ (vgl. 1. 2.) ist, sehen in der SF eine Möglichkeit, über die Grenzen der realistischen Literatur hinauszugehen. Sie gehen sogar so weit, SF letzterer als angemessener Ausdruck der gegenwärtigen Stituation und ihrer Entwicklung überzuordnen.

Tatsächlich ergeben sich für die „realistische“ Literatur Probleme aus dem Zwiespalt, auf eine allegorische Darstellung der Wirklichkeit zu verzichten, auf der anderen Seite aber für die „Wahrhaftigkeit des Individuellen“ einzutreten und über den psychologischen Wahrscheinlichkeitsbegriff den Weg zu einer „schrankenlosen Subjektivität“ zu öffnen (vgl.: Dieter Penning in: Thomsen/Fischer 1980, S. 41). Wenn also der „realistische“ Roman niemals realistisch sein kann und auch die erfahrbare „Wirklichkeit“ durch ihre Komplexität kaum noch Ausblicke auf größere Zusammenhänge erlaubt, scheint es folgerichtig, sich einer Literaturgattung zu widmen, die das Signum des Fiktionalen demonstrativ trägt. Der vordergründige Verzicht auf den Anspruch, die Realität wiederzugeben, macht es dem Leser somit leicht, sich auf neue Perspektiven einzulassen und sich einem subtilen, modellhaften Realismus hinter der fiktionalen Fassade auszusetzen. Das allerdings hieße die Problemstellung verkürzen. Häufig beschränkt sich die Spekulation über die Zukunft darin, die Neugier des Lesers (und des Autors) zu befriedigen und die Veränderung um der Veränderung willen auszuspielen, nicht aber, um eine Sinnfrage in der Veränderung zu klären.

Bei Lem und Amery wird schon durch das begleitende diskursive Werk deutlich, daß sie in ihrem belletristischen Werk die Entwicklung der Neuzeit zu beleuchten versuchen. „Es ist ein durchgängiger Befund der folgenden Studien, daß im Maße als die eigene Zeit als eine immer neue Zeit, als ´Neuzeit´ erfahren wurde, die Herausforderung der Zukunft immer größer geworden ist.“ (Kossellek 1979, S. 12.) Die Zukunft ist spürbar greifbarer geworden, so daß Versuche entstehen, sie zu verwalten (man denke an den populär gewordenen Begriff des „Zukunftsministers“).

Viele literarische Fiktionen, wie beispielsweise Vernes Mondreise, sind bereits von der Wirklichkeit überholt worden; im Fall von Orwells „1984“ hat die Wirklichkeit einen anderen Verlauf genommen, ohne daß das Werk seine Aktualität völlig verloren hätte (obwohl Huxley´s „Brave New World“ den modernen Verhältnissen weit besser entspricht, wie noch dargelegt werden wird). Da sich SF vorwiegend in der Zeit bewegt, ist eine gewisse Übertragbarkeit des Dargestellten trotz aller spielerischen Elemente möglich. Insofern ist SF eine gute Möglichkeit, auf gegenwärtige Probleme aufmerksam zu machen; wie gut dies gelingt, ganz gleich ob als auf die Realität bezogene Literatur oder als SF, hängt vom einzelnen Werk ab. Inwieweit die in dieser Arbeit besprochenen Werke diese Möglichkeit nutzen, ist ein wesentlicher Bestandteil der Untersuchung. 

1.2. Zu den Materialien

Bevor die eingangs genannten Werke von Amery und Lem näher untersucht werden können, müssen einige Prämissen geklärt werden :

> Amery ist von der Kritik und der rezensierenden Literatur kaum beachtet worden;  eine „literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Carl Amery findet nicht statt“ (Kurtz 1992, S. 4)[10]. Bei Lem dagegen ist die Auswahl unter den Rezensenten schwierig: Von den halbwissenschaftlichen Veröffentlichungen bis zu Universitätsschriften findet er internationale Beachtung, so daß eine vollständige Sichtung kaum möglich ist. Den meiner Ansicht nach besten Überblick bietet die Bibliographie von Wolfgang Thadewald  (Thadewald in: Marzin 1985, S. 179-322)[11].

> Lem ist gebürtiger Pole, ist des Deutschen jedoch fließend mächtig[12]. Dennoch mußten die meisten seiner Werke übersetzt werden. Die Übersetzungen von Jens Reuter, Caesar Rymarowicz, Karl Dedecius, Klaus Staemmler, die die Fabeln der „Kyberiade“ bearbeiteten und die Übersetzung des „Kongreß“ von Ingrid Zimmermann-Göllheim, die als Vorlage verwendet wurden, sind vom Autor autorisiert worden, aber letztlich konnten vermutlich nicht alle Eigenheiten des polnischen Orginals berücksichtigt werden.

> Lem und Amery stehen in verschiedenen Traditionen, sowohl im politischen, kulturellen als auch literarischen Bereich (vgl. 2.2 und 2.3.).

Die vier Werke stammen aus dem relativ dichten Zeitraum von 1974 - 1983. Diese Zeitangabe ist allerdings gemessen am Erscheinungsdatum der Werke in Deutschland; Lem wird vielfach falsch beurteilt, weil man bei ihm den großen Verzugszeitraum zwischen Verfassungstermin und dem Erscheinen nicht berücksichtigt. Da es aber in dieser Arbeit vorwiegend um die Rezeption im deutschsprachigen Raum geht, ist die oben angegebene Zeitgrenze als Arbeitsgrundlage für diese Arbeit legitim.

Seit 1985 werden die „Gesammelten Werke in Einzelausgaben“ Carl Amerys in der Süddeutschen Verlags-GmbH (Süddeutscher, Nymphenburger und List-Verlag) herausgegeben.

Lem wird in der BRD hauptsächlich als gebundene Ausgabe vom Insel-Verlag und als Taschenbuchausgabe von Suhrkamp publiziert. Diese Publikationen wurden als Grundlage für diese Arbeit verwendet; zitiert wird entsprechend den Erscheinungsdaten der deutschen Ausgabe.

Das Zeitschriftenmaterial zur SF allgemein gliedert sich in die „Fanzines“[13] (aus „Fan“ und „Magazine“, gekennzeichnet durch ausgedehnten Leserbriefanteil und vielfach unkritischen Insider-Berichten), die halbprofessionellen Veröffentlichungen und die Universitätsschriften. Die ersteren scheiden für diese Arbeit aus, da weder Lem noch Amery in ihnen größere Beachtung finden.

Von den halbprofessionellen Veröffentlichungen sind im deutschen Sprachraum vor allem interessant:

> Die „Science Fiction Times“, 1958 gegründet von Rainer Eisfeld, heute herausgegeben von Alpers und Hahn: neben biographisch orientiertem Material bietet sie vor allem Angaben zu Detailproblemen; eine spezielle Rubrik „Sozialistische Alternative“ stellt sozialistische SF im Gegensatz zu „bürgerlicher SF“ vor (zu letzterem wird beispielsweise der Heroismus in „Perry Rhodan“ gezählt).

> Der „Quarber Merkur[14] Franz Rottensteiners bewegt sich bereits im halbwissenschaftlichen Bereich:

„Obwohl der Quarber Merkur im wesentlichen ein Ein-Mann-Unternehmen ist und keinen institutionalisierten Bezug zu einer Universität hat, verschafft er von allen Amateurzeitungen doch den besten Überblick über den derzeitigen Forschungsstand.“ (Jehmlich/Lück 1974, S. 57.)

Nicht nur der amerikanische Markt, auch Literatur aus den sozialistischen Ländern und die europäische SF finden in ihm Beachtung. Die Auflage bewegt sich zwischen 25 und 300 Exemplaren; der Herausgeber der „Science Fiction Times“ ist zugleich auch Herausgeber, Verleger und Drucker des „Quarber Merkurs“.[15]

Den halbprofessionellen Veröffentlichungen ist gemeinsam, daß sie sich nicht nur an eine Fangemeinde richten, sondern allgemein die Diskussion der literarischen Gattung ermöglichen.

Von den Universitätsschriften ist für diese Arbeit besonders die von Mullen und Survin (Lems Übersetzer ins Englische) redigierte „Science Fiction Studies“ von Bedeutung, in der auch Lem häufig publiziert. Sie erscheint an der Indiana State University. Ein deutschsprachiges Dependant gibt es leider noch nicht. Wichtig ist besonders die dort ausgedehnt geführte Methodikdiskussion, die sonst im Bereich der SF wenig behandelt wird.

1.3. Carl Amery - Zu Person und Werk

Christian Anton Mayer, der seinen Namen später in Carl Amery ändert, wird am 9. April 1922 in München geboren. Nach Abschluß seiner Schulzeit in Freising und Passau zieht man ihn zum Kriegsdienst ein, aus dem er nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft (1943-1945) zurückkehrt.

In München studiert er Neuere Philologie und erhält 1948 ein Studienstipendium für Literaturkritik  und -theorie  an der Catholic University  in Washington. Seit 1950 lebt Amery als freier Schriftsteller in München und arbeitet dort zeitweilig als Dramaturg und Redakteur.

1954 veröffentlicht er seinen ersten Roman „Der Wettbewerb“; vier Jahre später folgt „Die große deutsche Tour“, eine ironische Reflexion auf den mißlungenen Neubeginn in der Bundesrepublik. Amery beginnt, sich politisch zu engagieren: in der Gruppe 47 (1955-67) und in der neugegründeten „Gesamtdeutschen Volkspartei“ Gustav Heinemanns. 

In den sechziger Jahren richtet Amery mit einer Reihe von Streitschriften und Essays sein kritisches Augenmerk auf die Institution der katholischen Amtskirche: „Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute“ (1963), eine Streitschrift, mit der er auf sich aufmerksam macht, die Essaysammlung „Fragen an Welt und Kirche“ (1967) und „Katholizismus und Faschismus. Analyse einer Partnerschaft.“ (1970).

Von 1967 bis 1971 leitet Amery die Städtischen Bibliotheken in München, engagiert sich im Verband Deutscher Schriftsteller (VDS), zugleich beteiligt er sich 1969 und 1972 an der Sozialdemokratischen Wählerinitiative.

In den siebziger Jahren erweitert sich der Bezugsrahmen der Werke Amerys: der gesellschaftskritische Ansatz nimmt globalen Charakter an. Diese Tendenz beginnt in „Das Ende der Vorsehung. Die gnadenlosen Folgen des Christentums“ (1972) und tritt in seinem zweiten großen Essayband „Natur als Politik. Die ökologische Chance des Menschen“ (1976) vollends in den Mittelpunkt. 

Zwischen diesen beiden theoretischen Veröffentlichungen liegen die für diese Arbeit ausgewählten Romane „Das Königsprojekt“ (1974) und  „Der Untergang der Stadt Passau“ (1975), eine Weltkatastrophenerzählung des SF-Genres[16]. Vier Jahre später erscheint der Alternativwelt-Roman „An den Feuern der Leyermark“ (1979).

1974 tritt Amery aus der SPD aus, da sie ihm zu „industriefreundlich“ erscheint. Im gleichen Jahr übernimmt Amery zunächst den Landesvorsitz des Verbandes deutscher Schriftsteller (jetzt VS) und 1976/77 den Bundesvorsitz. Zusätzlich arbeitet er im „Komitee gegen Atomrüstung“ und in der „E. F. Schumacher-Gesellschaft für politische Ökologie“ und ist Gründungsmitglied der Grünen.

Nach 1980 verfaßt Amery noch einige kurze SF-Erzählungen („Im Namen Allahs des Allbarmherzigen“ 1981 und „Nur einen Sommer gönnt ihr Gewaltigen“ 1984; die bei Gottwald 1990 genannte Erzählung „Begegnung am Strand“ von 1986 kann nicht auf Amery zurückgeführt werden) und den phantastisch-historischen Roman „Die Wallfahrer“ (1986), den er persönlich für den wichtigsten seiner Romane hält;  „Das Geheimnis der Krypta“ (1990) ist sein vorerst letztes nicht-theoretisches Werk. Es gehört bereits nicht mehr zur Gattung SF. Als Nachfolger des verstorbenen Martin Gregor-Dellin wurde Amery 1989 für zwei Jahre  zum Präsidenten des P.E.N.-Zentrums gewählt.

1994 erschien in der Reihe der „Gesammelten Werke“ „Die Botschaft des Jahrtausends. Von Leben, Tod und Würde.“ Dieser jüngste diskursive Band soll besondere Beachtung in dieser Arbeit finden, da er sich in einer „Prognose auf kurzer Distanz“ versucht, mit der Amery die Menschheit vor die Wahl zwischen Leben und Tod stellt. Im gleichen Jahr wird Amery zu einem Gastvortrag auf den 40. Deutschen Historikertag[17] nach Leipzig eingeladen.

Reclams Science-Fiction-Führer bemerkt zu Amery:

„A. ist einer der wenigen wichtigen deutschen Gegenwartsautoren, der sich der SF nicht nur annähert und ihre Form als Verfremdung benutzt, sondern den auch SF-Thematik als solche interessiert, der ihre Möglichkeiten nutzt, um historische Materialien aufzuarbeiten, Geschichtsabläufe transparent zu machen und mit historischen Alternativen Gedankenspiele zu betreiben.“ (Alpers/Fuchs/Hahn 1982, S. 13.)

Diese Aussage stimmt nur zum Teil: Amery ist, wie richtig beschrieben, historisch interessiert, im Gegensatz zu Lem aber nicht an der SF-Thematik als solcher[18]. Für Amery ist SF sowohl eine Gattung, als auch vor allem eine „Attitüde“, die für den literarisch Tätigen entscheidend ist. Die letztliche Einordnung ist seiner Ansicht nach abhängig von der Erwartungshaltung des Lesers (Amery-Interview 1995, S. 15-17).[19] 

1.4. Stanislaw Lem - Zu Person und Werk[20]

 Stanislaw Lem wird am 12. September 1921 in Lwów geboren. Seine Kindheit, in der er sich schon früh für mechanisches Spielzeug und später für Elektronik interessiert, beschreibt Lem autobiographisch in „Das hohe Schloß“ (1975). Trotz seiner Vorlieben für Physik studiert er aus familiärer Tradition[21] Medizin. Während des Krieges ist Lem als Autoschlosser tätig; seine Erlebnissse mit den deutschen Besatzern sind für ihn, der bis dahin wohlbehütet aufgewachsen ist, prägend[22]. Von 1946 bis 1948 beendet Lem sein Medizinstudium ohne Abschlußprüfung (vgl.: Lem 1986, S. 23).

Sein erster großer SF-Roman, die „Astronauten“ (in einer anderen Ausgabe Planet des Todes 1954), wird 1951 veröffentlicht; nach dessen Erfolg blieb Lem der Gattung SF treu, obwohl er selbst gerade diesen Roman später kritisiert.

Lems persönliche Situation in den frühen fünfziger Jahren ist trotz des Erfolges der „Astronauten[23] alles andere als vielversprechend:

„During the early 1950s, Lem was in a delicate situation politically as a person without a visible career. He had been expelled from the Authors League in 1951 for not having a published book to his credit, he had no medical diploma, and he had no job because he had been forced to relinguish his editorial position with Zycie Nauki (eine staatlich finanzierte Zeitschrift, für die Lem arbeitete, AA).“ [24] (Ziegfeld 1985, S. 6)

Durch die Arbeit für diese Zeitschrift wird  Lem mit der Wissenschaft konfrontiert, die sein ganzes literarisches Schaffen prägen soll: der Kybernetik[25].

1956 erlebt Lem den „Polnischen Oktober“ mit; er zieht Diskussionen über die Probleme des polnischen „Sozrealismus“ nach sich (der in Polen zugegebenermaßen nie so streng durchgesetzt wurde wie in anderen sozialistischen Ländern jener Zeit). Die Konsequenzen für das Werk Lems sind unübersehbar: in den „Astronauten“ist der Glaube an den unbegrenzten menschlichen Verstand (und die kommunistische Idee) ehrlich, sogar fast naiv und nicht versetzt mit Ironie. Das Jahr 1956 und die ihm folgende Ernüchterung inspirieren Lem zu einer „reiferen“, differenzierteren Art der Darstellung. Im gleichen Jahr verfaßt er die „Dialoge“, in denen er sich mit den Möglichkeiten der Kybernetik auseinandersetzt. Einen besonderen Akzent legt er dabei auf die Übertragbarkeit menschlichen Bewußtseins auf Maschinen, beziehungsweise auf das artifizielle Bewußtsein überhaupt.  

Bis 1956/57 ist es in Polen fast unmöglich, Bücher aus dem westlichen Ausland zu erwerben, so daß Lem bis dahin kaum Vergleiche zu ausländischer SF ziehen kann. Die polnische SF-Tradition selbst ist wenig ausgeprägt, man kann Lem somit beinahe als Autodidakten betrachten. Zur gleichen Zeit erlebt allerdings die sowjetische „Wissenschaftliche Fantastik“  eine Blüte, an der Lem sich sicherlich orientiert hat (vgl. 2. 3.).

Die anschließende Zeit zwischen 1956 und 1968, Lems „zweite Phase“, ist mit neunzehn Projekten besonders produktiv; in dieser Periode entstehen viele der Fabeln aus „Kyberiade“ und die „Summa technologiae“ (1964).

Der Erfolg im Ausland zeigt sich zunächst bei den russischen Lesern. Im Vergleich zur sowjetischen Literatur sind die Übersetzungen der Werke Lems weitgehend unzensiert, obwohl sie ein kritisches Potential enthalten (so die allgemeine Tyranneikritik in den „Kyberiaden“). In dieser zweiten Schaffensphase entstehen auch die großen Erfolgsromane wie „Solaris“ (1961) und „Der Unbesiegbare“ (1964). Die Auseinandersetzung mit der Gattung SF ist in dieser Zeit am deutlichsten, während er sich in der folgenden „dritten Phase“ enttäuscht von ihr zu distanzieren versucht (ohne sich allerdings lösen zu können).

In der „dritten Phase“ (die Phaseneinteilung dient nur der Übersichtlichkeit) ab 1968 versucht Lem verstärkt, die Grenzen der Gattung hinter sich zu lassen, zum Beispiel durch Rezensionen fiktiver Bücher, fiktiver Lexikoneinträge oder Einleitungen zu nichtexistenten Werken („Die vollkommene Leere“ 1971;  „Imaginäre Größen“ 1973).

Mit ihr einher geht aber auch eine Krise im Schaffen Lems. Er beginnt, seine Unzufriedenheit mit seinem bisherigen Werk, aber auch dem anderer SF-Autoren zu formulieren. Es entstehen theoretische Werke, an denen Lem, wie er im Nachwort der „Dialoge“ feststellt, weit mehr liegt, als an seinem fiktionalen Werk.

Bezogen auf die Darstellung von „Welten“ läßt sich ein Tryptichon in den belletristischen Werken feststellen: es gibt Werke, die sich direkt auf die Zukunft des Menschen beziehen („Der Futurologische Kongreß“), Werke, in denen Menschen mit fremden Kulturen zusammentreffen (vor allem die „Sterntagebücher“, in denen der Pilot Pirx Abenteurer im Weltraum und in den verschiedensten Kulturen erlebt und schließlich Werke, in denen die fremde Kultur im Vordergrund steht (z.B. „Eden“; in „Kyberiade“ wird ebenfalls eine fast menschenlose Kultur beschrieben). 

Parallel zu seinen Experimenten innerhalb der Gattung entwickelte Lem in verschiedenen theoretischen Werken seine eigene Metatheorie zur SF. Diese Werke beziehen sich allerdings nicht nur auf diesen Bereich:

> In „Summa technologiae“ (1964) faßt Lem Ergebnisse bereits bestehender futurologischer Konzeptionen zusammen und entwickelt eigene Varianten durch die Auswertung der Invarianten einer zukünftigen Welt

> In der „Philosophie des Zufalls“ (1968) versucht er, eine empirisch begründete Theorie des literarischen Werkes zu formulieren. Im Vordergrund steht dabei eine Analyse des Begriffes „Kultur“.

> In „Phantastik und Futurologie“ (1970)äußert Lem seine Enttäuschung sowohl über die belletristische, als auch die sich als Wissenschaft ausgebende Literatur, weil beide nicht auf den „tatsächlichen Verlauf der Dinge“ hinweisen. Lem fordert, daß die Literatur ihre Verbindung mit der Wissenschaft pflegt und damit Verantwortung über die Auseinandersetzung mit der heutigen Welt übernimmt.

Während Lem die „Philosophie des Zufalls“ verfaßte, bemerkte er, wie wenig er von linguistischen Theorien versteht. Er beschäftigt sich daraufhin ein ganzes Jahr mit deren Problemstellungen und stößt somit zwangsläufig auf die Theorien des Strukturalismus, den er schärfstens ablehnt[26]. Die Auseinandersetzung mit der theoretischen Seite der Sprache beeinflußt vor allem das späte belletristische Werk (beispielsweise in den fiktiven Lexikoneinträgen)

> „Lems Bibliothek des 21. Jahrhunderts“, auf drei Bände angelegt, besteht bisher aus zwei Bänden:

Eine Minute der Menschheit“ ist vordergründig eine fiktive Rezension; besprochen wird das auf dem Mond (!) verlegte „One Human Minute“ von Johnson und Johnson: Letztlich beschreibt es eine auf realen Fakten basierende statistische Erfassung des Weltgeschehens in einer Minute: die Zahl der Tode und Todesarten, die Zahl der Zeugungen und Geburten etc. .

Das Katastrophenprinzip“ bezieht sich auf Waffensysteme, Militärtechnologie und Strategien der Zukunft.

Der letzte und dritte Band „Die Entdeckung der Virtualität“ über die Standortbestimmung des Menschen in der Welt steht noch aus; entgegen der Ankündigung des Verlages erschien das Buch weder im Februar 1995, noch später. Die Einsicht in ein Vorexemplar wird vom Verlag ebenfalls nicht gestattet.

> Die „Essays“ liegen in zwei Versionen vor: als Sammlung im Insel-Verlag und als Triologie späteren Datums im Suhrkamp-Verlag ( „Sade und die Spieltheorie; Über außersinnliche Wahrnehmungen; Science Fiction: Ein hoffnungsloser Fall mit Ausnahmen“); sie beziehen sich auf verschiedene Bereiche der Gattung und enthalten Rezensionen zu den Werken anderer SF-Autoren.

Lem engagiert sich in der polnischen kybernetischen Gesellschaft, auch ist er Mitbegründer der polnischen Gesellschaft für Astronautik; ein direktes politisches Engagement wie bei Amery liegt nicht in seinem Interesse, da er sich bis heute lieber aus der Öffentlichkeit zurückzieht. 

Ziegfeld faßt die für Lem interessanten Themen wie folgt zusammen:

„He regularly raises the subject on the individual and his relationship to other man, to the universe, to other nonhuman civilisations, to space, and to machines. He is just as likely, however, to worry over bureaucracy, the military, communication, mysterious phenomena, biological (and technical AA.) evolution, particle theorie, and the orign of the universe. Space travel, statistical probability, genetic theory, the state of western science fiction, and the philosophical theories on God, epistemologie, and ethics are also major concerns.“ (Ziegfeld 1985, Introduction IX.)

Bemerkenswert ist die Mischung aus typischen SF-Motiven wie der Raumfahrt, aus Motiven der erlebbaren Realität wie Bürokratie und Militär und abstrakten Themen aus Wissenschaft und Philosophie. Lems Kunst besteht vor allem darin, diese verschiedenen Elemente zu einem homogenen Text verschweißen zu können, obwohl ihm Kritiker vorwerfen, seine Romane durch überbordende diskursive Einschübe unlesbar zu machen. Tatsächlich tritt das Abenteuer häufig in den Hintergrund, doch wird dies zumeist mit einer phantasievollen Führung durch die Ideenwelt des Autors ausgeglichen.

1.5. Warum Engagierte SF?

„Jenes letzte Stadium der Erschöpfung, für uns noch so unglaublich weit entfernt, ist für die Marsbewohner eine Tagesfrage geworden.“ (Wells 1974, S. 8) schrieb bereits 1898 Wells in der Einleitung zu „Der Krieg der Welten“; er hatte bereits die Bedeutung der SF in der Bildung von Analogien erkannt. SF-Literatur läßt sich (ebenfalls analogisch) auf der Ebene der Bedeutung in einer gedachten „Skala“ bewerten, deren unterste Werte die Perpetuierung von Denkgewohnheiten unter dem Deckmantel der Phantastik beschreiben. Ein Beispiel dafür ist die häufig beschriebene Eroberung fremder Welten durch den Menschen, bei der dieser sich nicht anders verhält, als seine imperialistischen Vorbilder aus dem 19. Jahrhundert - nur daß er nicht mit Dampfschiffen anlandet, sondern mit Raumschiffen. 

Die oberen Werte dieser Skala, für die sich natürlich keine Maßzahl angeben läßt, beziehen sich auf den Grad, inwieweit die Darstellung auf eine Einübung in das analogische Denken hinausläuft, das heißt in diesem Fall: wie kunstvoll der Autor seine Modelle gestaltet. Diese Skala ist in beide Richtungen offen, wobei sich Lem und Amery am oberen Ende aufhalten. Lem bemerkt zu Wells: „Er ist ja diesen ersten Feldherrenhügel hinaufgestiegen, von dem aus man die Gattung in einer Extremlage beobachten kann“ (Lem 1987, S. 16.) Diesen Ausgangspunkt, die Betrachtung der Gattung in Extremlage, will Lem weiterentwickeln; so sind nach eigener Aussage seine ersten Werke eine Revolte gegen die Paradigmatiker der Gattung, wie sie sich in den USA entwickelt hat[27]. Lem durchbricht die Grenzen durch eine betonte Loslösung von der Geschichte, während Amery besonders das historische Moment betont, das er nach eigenen Ansichten gestaltet.

Einer der Ausgangspunkte für diese Arbeit ist die SF-Definition, die Ulrike Gottwald in ihrer Dissertation entwickelt (Gottwald 1990). Es gelingt ihr, das Veränderungsdenken terminologisch klar zu gliedern, doch zieht sie dabei gleichzeitig wieder Grenzen, die gerade durch den Veränderungscharakter der Gattung durchbrochen werden müssen; als Beispiele werden die in dieser Arbeit analysierten Werke herangezogen werden. Ulrike Gottwald  unterscheidet für die Gattung der SF in der BRD drei Bipolaritäten (Gottwald 1990, S. 183-188), nach denen sich die wichtigsten Tendenzen sichtbar machen lassen:

1. Prägung durch amerikanische versus Prägung durch deutsche Tradition (im Falle Lems müßte die polnische Tradition hinzugefügt werden, die aber nicht sonderlich ausgeprägt ist und in der Wissenschaftlichen Fantastik aufgeht, vgl. 2.3.),

2. politisch sozial engagierte versus spielerische SF,

3. literarische versus trivial-literarische SF.   

Diese nach binären Oppositionen getroffenen Unterscheidungen sind besonders in den Punkten 2. und 3. problematisch in der Anwendung: Aus welchen Gründen müssen Spiel und Engagement definitorisch getrennt werden[28]? Die hier von Gottwald verwendete Bezeichnung des Engagements gab die Anregung für den Titel dieser Arbeit - allerdings mit einer Erweiterung in der Bedeutung. Der in dieser Arbeit verwendeten Begriff der „Engagierten SF“ soll die im Punkt 2. aufgeführten Gegensätze zu einem Ganzen vereinen. Gleichzeitig soll er die Diskussion umgehen, die Gottwald in Punkt 3. angeworfen hat: Die Frage der Trivialität ist letztlich nicht befriedigend zu klären[29].

„Trivial ist, wenn man so will, dann doch durch den Anspruch zu messen, die Welt, wenn nicht zu verändern, dann doch zusätzlich zu beleuchten, eine Erfahrung zu erweitern.“ (Amery-Interview 1995, S. 17) Ein Beispiel aus der Zeitgeschichte ergab sich durch die folgende, häufig angeführte Anekdote:

Als Orson Welles 1938 den Roman „Krieg der Welten“ als Hörspiel im Radio übertrug, brach Panik in der Bevölkerung aus, denn man glaubte an das Ende der Welt. Diese beeindruckende Wirkung veranschaulicht sicherlich, welche Eigendynamik eine geschickt formulierte Erzählung entwickeln kann, die Rationalität und Emotionalität (in diesem Falle die Furcht vor einer Invasion) plausibel verbindet. In diesem Fall ist die Wirkung sicherlich an das Medium Radio gebunden, doch erschien die Eroberung der Erde durch Marsbewohner keinesfalls als etwas völlig Unglaubwürdiges. Letzlich ergab sich die überraschende Wirkung nur im Hinblick auf eine allgemeine Anspannung am Vorabend eines großen Krieges, der alle Vorstellungen übertraf - nur nicht die der Fiktion.


FUSSNOTEN

  1.  Im Folgenden soll die Bezeichnung „Science Fiction“ durch das Kürzel SF ersetzt werden.

  2. Die Möglichkeit, SF als ästhetische Kategorie zu interpretieren, wird im Folgenden noch gesondert betrachtet werden.

  3. „Für engagierte SF, die einen politischen oder erzieherischen Auftrag wahrnehmen will, eignen sich einfachere Strukturen ... weitaus besser, da bei diesen die Vermittlung des Inhalts vordergründig ist.“ (Gottwald 1990, S. 64) Gottwald übersieht die Erwartungshaltung, die der Gattung entgegengebracht wird: ein „Kenner“ wird einem Autor eine schlecht konstruierte Zeitreise auch dann nicht verzeihen, wenn er einen sozialkritisch hohen Anspruch in dem Werk entdeckt. Insofern bedingen sich Spiel und Kritik durchaus gegenseitig; zudem ist das Argument recht fragwürdig, daß einfach strukturierte Darstellungen bestimmte Inhalte besser ausdrücken können, als komplexe.  

  4. Der an sich zu hochgreifende Begriff ist hier als Anspielung gedacht auf das jüngste diskursive Werk von Amery „Die Botschaft des Jahrtausends“ (1994), das eine maßgebliche Richtlinie für die Interpretation seiner belletristischen Werke innerhalb dieser Arbeit ist. 

  5. Zusätzlich zur Eigenart des Ansatzes ist bei Lem zu berücksichtigen, daß er durch die Tradition der Wissenschaftlichen Phantastik beeinflußt wurde, die tendenziell der westlichen SF ähnelt, aber doch ein markantes Eigenprofil besitzt. In 2.3. (Wissenschaftliche Fantastik WF) sollen diese Eigenarten, die in Verbindung stehen mit einem anderen politischen Hintergrund, kurz skizziert werden. 

  6. Der Begriff „Wert“ wurde hier bewußt wegen seines allgemeineren und übergreifenden Charakters dem Begriff „Norm“ vorgezogen, da beide Autoren Tendenzen und Strömungen der Zeit übergreifend und nur zur Veranschaulichung im Detail betrachten.

  7. Im „Königsprojekt“ Carl Amerys liegt eine besondere Situation vor, auf die noch eingegangen wird, denn dort werden historische Element und SF-Technik auf besondere Weise verbunden; der Leser wird während der Lektüre im Unklaren gelassen, ob sich am Ende des Romans nicht seine ihm bekannte Gegenwart verwandelt hat - beispielsweise zu einer Gegenwart mit einem katholischen englischen Königshaus.

  8. Nicht alle Phänomene müssen erklärt werden: eine Strahlenpistole beispielsweise gibt es nicht in unserer Gegenwart, doch ist es für die Handlung meist unwichtig, ob sie nun Strahlen oder Kugeln schießt. In den meisten Fällen ließe sie sich durch einen gewöhnlichen Revolver ersetzten, ohne eine größere Veränderung der Handlung zu bewirken. Dagegen kann eine Zeitreise nicht einfach geschehen, sondern muß erklärt werden.

  9. Mit ihren Gedankenspielen erfülle die vielfach belächelte Science Fiction eine sehr ernste Aufgabe, der sich die allgemein ernst genommene Literatur weitgehend verschließe... „ (Hienger 1972, S. 240) Hienger faßt so die Position Heinleins zutreffend zusammen.

  10. Nur vier Titel sind hier zu zitieren:
    - der KGL - Artikel von Smith - Töteberg (1988)
    - eine Rezension von Kiermeier - Debre (1984)
    - ein Kapitel in Gottwald (1990)
    - die Staatsarbeit von Kurtz (1992)
    Desweiteren sind noch bis 1988 in verschiedenen Tageszeitungen 64 Artikel zu fest umrissenen Themenbereichen erschienen. Wegen des Umfanges wurde auf die Aufführung im Anhang verzichtet, die Liste kann aber auf Anfrage eingesehen werden.

  11. Die Bibliographie deckt zwar nur den Zeitraum bis 1985 ab, erfaßt aber alle wichtigen Werke sehr systematisch; in den letzten zehn Jahren war die literarische Produktion Lems weit spärlicher.

  12. So schrieb er für RIAS Berlin einige Stücke direkt in Deutsch, vor allem Rezensionen. Zu einem Schriftsteller, der in Deutsch schreibt (und oft erst später die Texte ins Polnische übersetzte, zum Beispiel die Kritik an Todorov) entwickelte sich Lem durch die Zusammenarbeit mit Franz Rottensteiner im „Quarber Merkur“.

  13. Die „Fanzines“ sind Bewahrer einer SF-Tradition, die von der Variation des Abenteuers, nicht aber von Innovation lebt. Die Fans haben eine Erwartungshaltung, die sie nicht durch Experimente mit der Gattung  enttäuscht sehen wollen. Vermutlich ist das der Grund für die weitgehende Abwesenheit von Lem und Amery.

  14. Der Name stammt vom Redaktionssitz in einem winzigen Talabschnitt in Niederösterreich.

  15. Der Verdacht der Kartellbildung, den die kritischen SF-Forscher an die „Fanzines“ richten, kann somit gegen die Kritiker selbst angewendet werden.

  16. Nur dieser Roman wurde vom Verlag in der ersten Ausgabe auch als Science Fiction gekennzeichnet; den anderen (gebundenen) Ausgaben fehlte dieses Signum. Erst die Taschenbuchausgaben wurden wieder als SF gekennzeichnet.

  17. Der 40. Historikertag hatte einen eigenen Themenbereich „Alternativ- und Parallelgeschichte“, der von dem Kieler Historiker Michael Salewski geleitet wurde. Seine Einführung behandelt das Thema „Wie ist es eigentlich gewesen?“ und spricht damit die Relativität der Geschichtsinterpretation an. Alternativgeschichte ist weit weniger abwegig, als vielfach von „ernstzunehmenden“ Historikern angenommen wird: „Der großgermanische Seekrieg gegen die USA und Japan im Jahr 1949“  (Salewskis Vortragsbeispiel) ist als Plan der Seekriegsleitung als „Generalplan Fern-Ost und Süd des Führers“ quellenmäßig belegt, zumal erstere schon statistisch die Flottenstärken gegeneinander aufgerechnet hatte. Neben Amery und Salewski sollte auch Alexander Demandt aus Berlin, dessen Traktat „Ungeschehene Geschichte“ (1984) einen wichtigen Beitrag zum Kapitel „Fiktive Geschichte“ dieser Arbeit leistet, einen Vortrag halten. Amerys Vortrag „Mit Pierre in Borodino, oder Lew Tolstoj und andere SF-Autoren“ entfiel leider, da er an einem Aortaleiden erkrankt war.

  18. In einem einzigen Aufsatz „SF - Ware und Erwartungshaltung“ (in Amery 1991) ist seine Einstellung gegenüber der Gattung zusammengefaßt.

  19. Für nähere Informationen zu seiner Einstellung gegenüber der SF, zu seiner kulturkritischen und politischen Einstellung und seiner Interpretation des Katholizismus der Gegenwart stellte sich mir Carl Amery am 08. Juni 1995 in München für ein Interview zur Verfügung. Das Verlaufsprotokoll des Interviews ist im Anhang beigefügt und wird im Folgenden mit „ Amery-Interview 1995“ zitiert werden.

  20. Die Ausführlichkeit diese Kapitels ist nicht zu interpretieren als Gewichtung zugunsten Lems, sie ergibt sich vielmehr aus seinem weit umfangreicheren und weniger kohärenten literarischen Schaffen.

  21. Sein Vater, den Lem sehr bewunderte, war Arzt; an einer Stelle seiner Biographie führt Lem aus, daß er vorwiegend deswegen Atheist wurde, weil sein Vater Atheist war. Dieser Aspekt soll noch in 7.2. bedeutsam werden.

  22. In „Hospital der Verklärung“ (1948) versucht er, seine Kriegserlebnisse zu verarbeiten; in „Provokation“ (1981) setzt er sich mit dem Genozid auseinander (vgl.: Rottensteiner in: Marzin 1985, S. 74)

  23. Die offizielle Literaturkritik in Polen lehnt den Roman allerdings ab, da trotz aller kommunistischer Tendenzen die ideale Gesellschaft nicht identisch war mit der kommunistischen Gesellschaft. Der Erfolg in der Öffentlichkeit ließ sich dadurch nicht beeinflussen.

  24. Die bibliographischen Angaben zu Lem sind durchaus widersprüchlich: in den Klappentexten der Suhrkamp-Bände war er „nach dem Staatsexamen als Assistent für Probleme der angewandten Psychologie tätig.“ Nach eigenen Angaben beendete er sein Studium niemals, um nicht zum Dienst als Militärarzt gezwungen zu werden. Zwischen 1948 und 1951 brach Lem sein Studium ab und widmete sich ausschließlich der Schriftstellerei.

  25. Der heutige Sinn des Wortes wurde 1947 von Norbert Wiener eingeführt; wie die Evolutionstheorie ist die Kybernetik keine Einzelwissenshaft. Die Kybernetik ist eine Sammlung von Ideen und Theorien, deren Zusammengehörigkeit um die Mitte dieses Jahrhunderts entdeckt wurde, im Kern aber ist sie eine mathematische Wissenschaft mit den spezifischen Teilgebieten der Informationstheorie, der Theorie der Regelsysteme und der Automatentheorie (vgl.: Anschütz 1967, S. 9, 10).

  26. Am deutlichsten zeigt sich diese Ablehnung in seinem Kommentar zu Todorovs „Theorie der Phantastik“ (vgl. 2.1.).

  27. Dazu gehört zu Beispiel sein Werk „Die Astronauten“ (1974), in dem eine „böse“ Welt in eine „gute“ verwandelt werden sollte; Lem distanziert sich heute von diesen Anfängen.

  28. Amery, von Gottwald in einem Fragebogen zur Stellungnahme zu SF gebeten, weist sie auf die Einheit von Spiel und Engagement hin: „SF soll die Fähigkeit zur ´schmuckreichen Lüge´ und zur intelligenten wissenschaftlich-historischen Spekulation besitzen.“ (Gottwald 1990, S. 260)

  29. In 8. (Öffentlichkeit und SF) soll dennoch eine Antwort versucht werden, die sich aus den Marktgesetzen ergeben könnte, aber auch nicht erschöpfend ist. Amery umschreibt das Literarische als  „ ´mainstream´wie man in Amerika sagt, die Literatur, die von Reich-Ranicki und Karasek rezensiert wird.“ (Amery-Interview 1995, S. 16) Es sind also nicht zuletzt die Kritiker, die bestimmen, was literarisch ist. Sogleich relativiert Amery seine Aussage: „Von den Werkzeugen, die ich haben muß, wenn ich einen guten Krimi oder eine gute SF schreiben will, davon hat die Schule Reich-Ranicki keine Ahnung...“. (Amery-Interview 1995, S. 17) Diejenigen, die den SF zur Literatur erheben können, verstehen nichts von dessen Eigenheiten.