Albert Almering

SF im Allgemeinen und Lem im Besonderen

(Examensarbeit)

2. SF: Entwicklung, Spielregeln, Motive

2.1. Engagierte SF zwischen „Futuria“ und „Utopia“
2.1.1. Die Betrachtung „von außen“
2.1.2. Die „ideologiekritische“ Betrachtung
2.2. Fiktive Geschichte: Was wäre (geschehen), wenn...?
2.3. Wissenschaftliche Fantastik (WF)
2.4. Öffentlichkeit und SF
2.5. Eine Zwischenbilanz: Spielregeln und Motive der SF

Es ist häufig nicht leicht SF von verwandten Gattungen deutlich abzugrenzen. In der wissenschaftlichen Forschung zur phantastischen Literatur unterscheidet man auf der obersten Ebene die Phantastik, die Utopie und die SF. Ihre Wurzeln reichen zurück bis zur Romantik und der Märchenerzählung. Die utopische Erzählung ist noch wesentlich älter, aber es ist nicht möglich, in dieser Arbeit bis an die Wurzeln zurückzugehen. Auf das Verhältnis von Utopie und SF soll im folgenden Kapitel dieser Arbeit näher eingegangen werden.

Die Phantastik - der Schauerroman beispielsweise - konzentriert sich vornehmlich auf tiefenpsychologisch interpretierbare Handlungskonstruktionen, so beispielsweise die Berührung latenter Ängste in den Werken Poes. Psychologische und psychoanalytische Ansätze, die die Phantastik beispielsweise als Wiederkehr des Verdrängten interpretieren[30], sollen in dieser Arbeit wenig Beachtung finden, da nicht die Individualproblematiken der Werke im Vordergrund stehen. Vereinfachend kann man sagen: SF bemüht sich um die Plausibilität des Erklärbaren,  Phantastik bemüht sich um die Plausibilität des Nicht-Erklärbaren (vgl. Kurtz 1992, S. 87).

In der neueren SF sowie in der Utopie wird die Perspektive häufig auf einen (kosmo-) politisch-soziologischen Rahmen gelenkt und die auftretenden Phänomene werden (pseudo-) wissenschaftlich erklärt. Die Betonung liegt auf dem rationalen Element[31]: Tote entsteigen nicht wie in der Phantastik dem Grab, sondern werden wie im „Futurologischen Kongreß“ aus einem Kälteschlaf erweckt. Es gibt allerdings immer wieder Beispiele in der SF, wo Horrorelemente eingeführt werden, die sich nicht ganz durch die Ratio auflösen lassen.[32] Letztlich ist es seit Verne und Wells das Verfahren der SF, „Unglaubliches plausibel zu erklären“ (Hienger 1972, S. 16), obwohl dadurch aus einer Erzählung noch kein SF wird.

Die Begriffe SF, Utopie und Phantastik sind zu unterschiedlichen Zeiten entstanden und hatten zunächst jeweils einen relativ klaren und eng begrenzten Bezugskontext. Schließlich wurden sie aber im Spiel mit der Gattung immer mehr „entgrenzt“, so daß die Unterscheidung in manchen Grenzfällen schwer ist.

Bei der Gattung SF ist es ebenso schwer, eine Abgrenzung nach „außen“, gegen verwandte Gattungen vorzunehmen, als eine klare innere Einteilung zu finden. Neben der chronologischen gibt es auch unterschiedliche regionale Entwicklungen, die im folgenden nur grob und bezogen auf diese Arbeit entwickelt werden können (zum Beispiel das Verhältnis von „Wissenschaftlicher Fantastik“ und SF der europäischen und amerikanischen Stilrichtung).

Das Kapitel über „Fiktive Geschichte“ steht an sich außerhalb des gesteckten Rahmens; auf keinen Fall läßt sich beispielsweise „Fiktive Geschichte“ unter eine phantastische Literaturgattung einordnen, denn dieser Begriff beschreibt einen sich entwickelnden Zweig der historischen Wissenschaften. Durch die literarische Bearbeitung einer solchen Thematik beispielsweise durch Carl Amery kann dieser Zweig für die Belletristik vereinnahmt und der Trias von Spiel, Zeit und Kunst als wissenschaftliche Fiktion mit eigenem Charakter zugeordnet werden.

Die Wurzeln der SF sind schwer zu fixieren; Hugo Gernsback gilt als offizieller „Erfinder“ des Begriffes[33]; seine Definition lautet: „By ´scientification´ I mean the Jules Verne, H. G. Wells and Edgar Allan Poe type of story - a charming romance intermingled with scientific fact and prophetic vision.“[34] Eigentümlich ist die Erwähnung Poes in dieser Reihung, der nach der damaligen als auch der heutigen Begrifflichkeit eher dem Horror oder den „Weird Tales“, der Phantastik zuzurechnen ist. Lange Zeit war SF besonders in den USA tatsächlich eine vorwiegend kommerzielle Gattung, in der sich Grenzen zu den „Weird Tales“ oder zur Fantasy leicht verwischten.

„Die Frage aller Fragen lautet: Und wenn auch die SF als ´pulp´ im Rinnstein geboren ist und vom Kitsch sich jahrelang ernährte, warum vermag sie nicht, sich von ihm endgültig loszureißen?“ (Lem 1987, S. 44) Lem irrt in diesem Punkt: die Wurzeln der SF liegen nicht im „Pulp“; angefangen mit Verne und Wells gab es lange vor ihm „literatisierte Formen“[35]. Dennoch ist seine These vom „Eisernen Vorhang“, der sich in den 1920er Jahren zwischen die „mainstream“- Literatur und die SF, den Wildwestroman usw. legte, durchaus zutreffend.

„Mit Science Fiction ... wird häufig das gleichnamige Subgenre der Trivialliteratur bezeichnet.“ (Gottwald 1990, S. 15) Gottwald bemüht sich wie bereits erwähnt in ihrer Arbeit um eine Differenzierung zwischen „SF als Literatur“ und „SF als Trivialliteratur“ Dabei stellt sie als Problem der Unterscheidung die Heterogenität des Genres heraus; so „verwandelt“ Lem in „Kyberiade“ Fabeln mittels der Verwendung typischer SF-Motive (Roboter, Raumfahrt) in das andere Genre.

Nach Gottwald gibt es zwei Möglichkeiten, die Gattung zu umgrenzen:

1. in einer weiten Fassung, die viele Werke miteinbezieht, aber dafür auch wenig Trennschärfe besitzt (vgl. auch 2.1.1.) und

2. in einer Definiton von notwendigen und hinreichenden Bedingungen für SF als Literatur, ohne dabei Grenzen fest zu umreißen (vgl. 2.1.2.).

Dabei definiert sie für „SF als Literatur“ folgende Kriterien als notwendig: einen differenzierten Sprachgebrauch, eine Appellation an die gedanklich aktive Mitarbeit des Lesers, den Verzicht auf Klischees und überbordende Phantastik in Bildhaftigkeit und Motivik. (vgl.: Gottwald 1990, S. 29, 30). Gerade die Anwendung von Klischees, die überbordende Phantastik und die gleichzeitig ihr gegenübergestellte banale Welt sind es, die die Komik in Lems „Kyberiade“ erzeugen. Gottwald hat in ihrer Definition die (häufig vorkommende) satirische Variante der SF nicht mitberücksichtigt.

Im folgenden sollen die Meinungen weiterer Kritiker zu dem Problem der Möglichkeiten in der SF verglichen werden. Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu betrachten, wie sich die moderne SF zu der Tradition der Utopie verhält, in die sie besonders von den Enthusiasten häufig gestellt wird. Sicherlich kann man von einer direkten Anknüpfung absehen, da sich die Parameter für eine Utopie in der gegenwärtigen Welt geändert haben, aber vielleicht kann man von einer Fortsetzung mit anderen Mitteln und an die gegenwärtige Weltsituation  angepaßt sprechen.

Verbunden mit dem Begriff der „Engagierten SF“ soll zunächst einmal eine qualitative Grundlage angenommen und entwickelt werden, die einen Vergleich mit der Utopie zuläßt. Im Sinne Gottwalds ist dieser Begriff immer noch sehr weit gefaßt und unterscheidet nicht eindeutig notwendige und hinreichende Bedingungen (die bei ihr entgegen den eigenen Absichten schon zu fest umrissen sind). Sie beschreibt eine Teilströmung innerhalb der Gattung, deren Konturen bei Hienger sehr ungenau mit „adult SF“ im Unterschied zu SF für den „juvenilen Geschmack“ (vgl. Hienger 1972, S. 240) umschrieben werden. 

2.1. Engagierte SF zwischen „Futuria“ und „Utopia“[36]

Nachdem die Literaturwissenschaft SF und Phantastik lange ignoriert hatte, stieg das Interesse in den fünfziger Jahren - mit völlig verschiedenen Ergebnissen von Land zu Land:

> In Frankreich wurde SF als Weiterentwicklung der „contes fantastiques“ interpretiert; ihre Unterordnung unter die Phantastik (nicht zu verwechseln mit dem Oberbegriff der phantastischen Literatur) findet sich in dieser Arbeit beispielsweise bei Todorov wieder, soll aber nicht eingehend untersucht werden.

> In Deutschland wurde eine enge Bindung zwischen dem utopischen Roman und der SF in den Vordergrund gestellt (so daß die Begriffe oft als Synonyme verwendet wurden, z. B. bei Schwonke 1957).

> Die amerikanische Forschung ging so weit, daß sie „SF selbst zu einer Leitkategorie erhob, ihr nicht nur die Phantastik, sondern auch und vor allem die ´normale´ Literatur unterordnete.“ (Thomsen/Fischer 1980, S. 17/18). Diese Tendenz ist inzwischen wieder rückläufig, doch erkennt man bei einigen Verfechtern dieser Richtung (zum Beispiel Darko Suvin) noch heute Ansätze, SF möglichst abstrakt und umfassend zu definieren.

Die Utopie hat im Gegensatz zur SF eine lange und eigenständige Tradition, darüberhinaus fest umrissene definitorische Grenzen. Der Sprachwissenschaftler Heinz Vater definiert den Begriff in einer Studie zur Raumlinguistik sehr zutreffend  so:

„Die literarische Gattung der ´Utopie´ hat sogar ihren Namen von räumlichen Verhältnissen, denn es geht hier wörtlich um den ´Nicht-Ort´. Die 1516 von Thomas Morus veröffentlichte ´Utopia´, die dieser Gattung den Namen gab, behandelt einen konstruierten Idealzustand der Gesellschaft, der im Nirgendwo angesiedelt ist.“ (Vater 1991, S. 2)

Diese Definition bezieht sich allerdings nur auf die positive Utopie, doch kann die Definition leicht ergänzt werden, indem man auch die Möglichkeit eines nicht-idealen Zustand einer Gesellschaft zur Konstruktion einer Gegenutopie integriert. Auffällg ist die Exklusion der Utopie aus der Geschichte; SF ist in vielen Fällen historisch an den Geschichtszeitstrom angebunden, sei es, daß eine ferne Zivilisation Reste der menschlichen Kultur findet, oder daß Menschen von einem historischen Zeitpunkt aus in die Zukunft reisen, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Die Beziehung zwischen Utopie und SF ist zwar nicht eindeutig, aber besser zu umreißen, als vergleichsweise die Beziehung von Phantastik oder gar Fantasy zu SF. Im Unterschied zur SF ist die Utopie nicht vorwiegend Spiel, sondern will richtungsweisend andeuten, wie eine Gesellschaft sein kann und soll - auch wenn sie dabei genau das Gegenteil der angestrebten Ziele darstellt und vor diesen gegenteiligen Entwicklungen warnt. Kennzeichnend für die literarischen Utopien ist jeweils verschiedenes Mischverhältnis von politischer Philosophie und Erzählung. Die Engagierte SF lebt vielfach ebenso von philosophischen Ideen, die aber durch den Charakter der Erzählung viel stärker abstrahiert werden. Hier ergeben sich durchaus Anknüpfungspunkte an die utopische Tradition, auch wenn SF viel stärker als die Utopie an die Spielregeln der Gattung (diese werden in 2.4. kurz zusammengefaßt) gebunden sind. Wie der „Krimi“ ist auch die SF im Hinblick auf ihre Motive eine Variationsgattung. Somit muß der SF-Autor nicht nur die gesellschaftlichen Zustände analysieren und sie in einem fiktiven Rahmen kritisieren oder  optimieren, er muß auch - um mit Amery zu sprechen - die richtige „Attitüde“[37] entwickeln. Obwohl die SF als Gattung des Veränderungsdenkens gilt, hat der SF-Autor andere Tribute an die Gattung zu entrichten, als der Utopist an seine.

Der Soziologe Schwonke hat einen großen Teil dazu beigetragen, in der Forschung die Bindung zwischen SF und der Utopie zu festigen. Ihm zufolge geht es bei der Fortsetzung der Utopie in der  SF nicht um das Fortleben der literarischen Utopietradition, sondern um das Weitergeben des utopischen Denkens[38], das in der Gegenwart sich auf neue Dimensionen ausweiten muß. Das utopische Denken lebt sicher noch in der SF-“Attitüde“ weiter, denn die meisten Autoren müssen immer noch ihre Helden in eine soziale Ordnung (der Zukunft) plazieren. Leider zeigt diese allzu häufig feudalistische Züge (beispielsweise in „Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert), man muß unterstellen, der Einfachheit halber - aber auch, um den Protagonisten (und den Leser) einen rapiden sozialen Aufstieg erleben zu lassen.  

Platon versuchte in der „Politeia“ die Gestalt der Idealstruktur einer Gesellschaft zu entwerfen, die allein von sittlichen Normen der Einsicht in die Vernunft bestimmt war. Sein Modell war über die Wirklichkeit gestellt als Norm, nach der man sich richten kann, die sich aber nicht verwirklichen läßt. Das Denken, das sich nach der Zukunft orientiert, ist einer Zeit fern, die von einem festgefügten Weltbild ausgeht. Plato wird somit zum Begründer der statischen Utopie, wie sie sich bis in die heutige Zeit tradiert hat. Der Entwurf des idealen Staates[39], der bei Thomas Morus noch Gegenstand ernstzunehmender Überlegungen war, ist nicht mehr zeitgemäß; der Glaube an einen allgemeingültigen Gesellschaftsentwurf (wie das Beispiel des kommunistischen Niedergangs zeigt) hat in neuester Zeit wenig Wert, da feste Definitionen viel zu schnell von der Wirklichkeit überholt werden. Utopien müssen sich zu dynamischen Systemen wandeln.

Engagierte SF beschreibt - wenn die Ordnung nicht nur für den Hintergrund der Handlung konstruiert wird - in den seltensten Fällen ein statisches System; das perfekte statische System ist vielleicht ein Endziel der Handlung (zum Beispiel die Schöpfung einer vollkommen glücklichen Gesellschaft in Lems „Kyberiade“). Viel häufiger dagegen werden Ordnungen (Gesellschaften, Galaxien, usw.) in ein Ungleichgewicht gebracht, das entweder in den Untergang führt, das eine Metamorphose einleitet oder das zu einer Restabilisierung führt.

In der Entwicklung der SF nimmt die Bedeutung von Gesellschaftsordnungen zu: Asimov unterteilt die Geschichte der SF (unter Ausgrenzung des deutschen Raumes) in drei Perioden: die „abenteuer - dominante“ Periode bis 1938, die „wissenschaftlich-dominante“ Periode bis 1950 und die „soziologisch-dominante“ Periode ab 1950 (Schulz 1987, S. 119). Diese letzte Periode setzte nach dem II. Weltkrieg ein und fügte Themen aus der Anthropologie, Psychologie und Soziologie in das Genre ein. Parallel zu Asimov unterteilt Krysmanski die SF in verschiedene Etappen speziell in bezug zu dem deutschsprachigen Raum:  bis ca. 1910 stand die „soziale Frage“ im Vordergrund; die technische Problematik blieb bis zum Ende der dreißiger Jahre aktuell und ab 1940 wurden die Möglichkeiten einer globalen Industriegemeinschaft erkundet. (Krysmanski 1963, S. 108) Neben dem Schrecken des Totalitarismus waren nach Krysmanski in erster Linie der Atomkrieg Gegenstand des deutschen „utopischen Romans“, der deutschen SF (leider geht Krysmanskis Untersuchung nur bis 1963 und kann die sich anschließende Blüte der SF in den siebziger Jahren nicht miteinbeziehen).

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß es übertrieben ist, mit Schwonke die SF direkt in die utopische Tradition zu stellen; sicherlich sind aber Züge des utopischen Denkens in der „Attitüde“ vor allem der Engagierten SF enthalten.

In den nächsten beiden Kapiteln dieser Arbeit soll nun näher auf verschiedene Interpretationsansätze dieser „Attitüde“ eingegangen werden. In 2.1.1. werden Versuche beschrieben, das Wesen der SF nach äußeren Kriterien (zum Beispiel die Erwartungshaltung der Leser) zu definieren, während die „ideologiekritische“ Betrachtung die Potentiale der SF in den Werken selbst sucht.

Auffällig dabei ist, daß nicht klar unterschieden wird, ob es sich bei der SF um eine ästhetische Kategorie handelt oder eine Gattung. Ulrike Gottwald hat dieses Problem erkannt; sie versucht die Bewältigung der Heterogenität der SF durch die Aufteilung in zwei Klassen: SF als Genre untersucht sie durch die Kennzeichnung von Merkmalen und SF als Literatur betrachtet sie unter dem Aspekt der ästhetischen Wertung. Eine ähnliche Unterscheidung soll auch für diese Arbeit gelten. 

„Gleichviel, ob man die Definition so weit faßt, daß sämtliche Werke darunter subsummiert werden können ... oder einen Aspekt des Genres herausgreift, ihn zum Kriterium ´guter´ Science-fiction ernennt und durch Ausgrenzung eines Teils der Werke homogenisiert (wie Lem, Suvin und Gottwald) - die grundsätzlichen Probleme der Gattungsdefinition bleiben davon unberührt.“ (Kurtz 1992, S. 56/57)

Folgerichtig fordert Kurtz eine „beschreibende Definition“; aus diesem Grund wird in dieser Arbeit auf einen eigenen konkreten Definitionsversuch verzichtet. Statt dessen wird versucht, den Begriff der „Engagierten SF“ in Abgrenzung zu bestehenden Ansätzen zu umschreiben und dabei beide oben genannten Positionen, sowohl die integrative, als auch die „ausgrenzende“ zu vereinen.

2.1.1. Die integrative Position

Der pragmatische Ansatz hat gegenüber der ideologiekritischen Betrachtung, die mit verschiedenen Kontroversen belastet ist, den Vorteil der Kürze und der Unkompliziertheit. Die Gattung wird von außen kategorisiert, durch das Lese- und Konsumverhalten beispielsweise; nachteilig ist, daß durch diese Methode keinerlei Trennschärfe erreicht wird.

Der französische Strukturalist Todorov wählt in seiner „Theorie des Phantastischen“ die induktive Methode zur Definition der Gattung: „... man stellt eine verhältnismäßig begrenzte Anzahl von Fällen zusammen, leitet davon eine allgemeine Hypothese ab und verifiziert diese an anderen Werken.“ (Todorov 1972, S. 7, 8.). Todorov ist sich dessen bewußt, daß seine Beobachtungen nicht erschöpfend sein können, dennoch hält er seine Vorgehensweise als „allgemeinverbindliche wissenschaftliche Wahrheit“ (Todorov, ebenda) für legitim. Das Werk wird von ihm auf drei Aspekte hin untersucht: den verbalen, den syntaktischen und den semantischen Aspekt (Todorov 1972, S. 21). Die höchste Abstraktionsebene, zu der Todorov sich in seiner Analyse hinwendet,  ist die thematische Ebene; einer Interpretation möglicher Bedeutung oder der ästhetischen Komponenten will er sich nicht widmen. Das entspricht den strukturalistischen Prinzipien, schränkt aber den Aussagewert stark ein.  

Suerbaum leitet die Definition der SF von der rezeptionellen Seite ab: „...konstitutiv für eine Gattung ist es, daß Autoren und Publikum die Texte bewußt als zusammengehörig und aufeinander bezogen, als Teile eines gemeinsamen Feldes betrachten.“ (Schulz 1986, S. 127) Auch Carl Amery, befragt durch Ulrike Gottwald, schließt sich diesem Ansatz an: „Ich habe nur ein einziges sf - Buch geschrieben: ´Der Untergang der Stadt Passau´. Alle anderen .... wurden von der deutschen sf - Meinung adoptiert. Ich finde das hübsch und richtig: was sf im einzelnen ist, wird durch die Erwartungshaltung bestimmt.“ (Gottwald 1990, S. 251) Dieser Position schließt sich Franz Rottensteiner, der Herausgeber des „Quarber Merkurs“ und Freund Lems an. Für ihn ist SF alles, was von Verlagen unter diesem Namen verkauft wird (vgl. Gottwald 1990, S. 19).

Auch Pehlke und Lingfeld definieren SF nach den Marktgesetzen (im Unterschied zu Rottensteiner aufgrund eines kommunistisch geprägten Blickwinkels): „Zur Science Fiction ist zu rechnen, was die Verlage unter diesem Namen auf den Markt werfen.“ (Pehlke/Lingfeld 1970, S. 16) Produktion und Rezeption der SF unterliegen tatsächlich besondere Regeln, die aber nicht ausreichen, um die Gattung zu definieren; auf die Produktionsverhältnisse, die mit zur Definition der Engagierten SF als Unterstömung der gesamten SF beitragen, soll in 2.4. (Öffentlichkeit und SF) näher eingegangen werden. An dieser Stelle wird nur festgehalten, daß tatsächlich kaum eine andere Gattung so sehr von der Marktlage geprägt ist, wie die SF, und daß dies zu starken Qualitätsgefällen wesentlich beiträgt. Nun ist die Leseöffentlichkeit aus verschiedenen Gründe nicht ganz unvoreingenommen gegenüber der SF: sie gilt mit recht auch als Konsumgut, dementsprechend werden viele anspruchsvolle SF-Romane nicht als der Gattung zugehörig gekennzeichnet.

Abgesehen von Todorovs Methode der stichprobenartigen, quasi statistischen Analyse von SF zur Entdeckung von Wesensmerkmalen zielen die Ansätze von Suerbaum, Amery, Pehlke/Lingfeld und Rottensteiner alle mehr oder weniger darauf ab, die Gattung über die Erwartungshaltung, die an sie gerichtet wird, zu definieren. Dieser Ansatz dringt aber noch nicht zum Wesen der SF-“Attitüde“ vor.

2.1.2. Die „ausgrenzende“ Position

Im folgenden sollen von den Kritikern bis zu den Enthusiasten Urteile über die Möglichkeiten gesammelt werden, die in der SF verborgen sind oder auch nicht. Immer wieder wird dabei der Bezug zur Utopie hergestellt, die sicherlich mehr enthält als bloßen Unterhaltungswert. Welche Potentiale können in der SF zwischen billiger Unterhaltung und prognostischer Orientierung tatsächlich gefunden werden? 

Der Soziologe Schwonke vertritt in seinem bereits genannten Werk eine geistesgeschichtlich - positivistische Utopie-Theorie, die in der SF weiterlebt. Er konstatiert allerdings einen Funktionswandel[40] in der „utopischen Literatur“[41]: vom „Leitbild des Handelns“ entwickelte sie sich  zur „prognostischen Orientierung“ durch die steigende Bedeutung des technisch-naturwissenschaftlichen Weltbildes. „Die Veränderung der Welt ist nicht mehr das direkt angesteuerte Ziel, die programmatische Forderung gegenüber den konservativ eingestellten Gegnern, sondern eine selbstverständlich gewordene Gegebenheit, mit der man sich auseinanderzusetzen hat.“ (Schwonke 1957, S. 146) Aus diesem Grund wird seiner Ansicht nach die utopische Tradition über das utopische Denken auch in Zukunft nicht verlöschen und die Vision Mannheimers von einer zukunftslosen Welt, die sich nur noch selbst reproduziert, erfüllt sich nicht. Die SF wird bei Schwonke zum notwendigen Ausdruck eines politisch ungebundenen Utopismus. SF-Autoren werden in die Lage versetzt, auch mit falschen Hypothesen zu arbeiten, da nicht die Wahrheit, sondern eine „Steigerung des Bewußtseins“ (Schulz 1986, S. 84) angestrebt wird.

Krysmanski plaziert den utopischen Roman zwischen Literatur und Sozialwissenschaften. Damit funktionalisiert er die Gattung insoweit, daß es seiner eigenen Forderung von der Freiheit des Spiels entgegenwirkt (vgl.: Krysmanski 1963, S. 136/137), denn die Interdisziplinarität in SF hat ein viel größeres Gewicht als er beschreibt, denn „Science“ kann sich ebensogut auf historische und kybernetische Denkspiele beziehen. 

Von einem weniger beschränkten SF-Begriff ausgehend konstatiert Krymanski ebenfalls einen (geschichtlich bedingten) Verlust des teleologischen Prinzips der Utopie; der Realisierungsanspruch der traditionellen Utopie existiert nicht mehr.

„Die Endlichkeit, das teleologische Prinzip, ist in diesem Prinzip aufgelöst: die ´unendliche Möglichkeit´ (Jonas) der Zwecke tritt in ihr Recht (Krysmanski 1963, S. 115) und:

„Doch der Wert des utopischen Romans liegt gerade darin, daß er nicht ´politisch´ im enthusiastischen Sinne des Wortes wurde, und daß er sich weigerte, Konzessionen an irgendeine ´Verwirklichbarkeit´ zu machen. Mit seiner Denkweise bewahrt er sich die Chance der Loslösung von der sozialen Wirklichkeit, um mit ihren Elementen ´nach Belieben´ spielen zu können.“ (Krysmanski 1963, S. 120)

Krysmanski entdeckt sehr früh das Spielelement als Möglichkeit der Erweiterung der SF-Perspektiven. Schwonke und Krysmanski stellen beide die SF in die utopische Tradition. Krysmanski spricht (ähnlich wie Lem) von der Phantasie als nutzbarer Kraft, in der man durch das „fiktive Modell“ die Möglichkeit einer kommenden Wirklichkeit erkennen kann (vgl.: Krysmanski in: Barmeyer 1972, S. 47-56). Doch daß sich das Bewußtsein tatsächlich auf diese Weise steigern läßt, wird nicht nur von entschiedenen Gegnern bezweifelt: „Eigentümlich geschichtslos, dem Geist der Utopie nicht weniger fremd als dem Geist der Tradítion, ist diese Literatur, die von nichts anderem erzählt, als von großen Veränderungen.“ urteilt Hienger (Hienger 1972, S. 241) Diese Kritik bezieht sich auf die Praxis, Veränderungen um der Veränderung willen einzuführen und sich der Begeisterung darüber hinzugeben, die Zukunft mittels der eigenen Phantasie (die sich in solchen Fällen häufig als sehr mager erweist) zu gestalten. Die Möglichkeit des „leeren Spiels“ wird in diesem Kapitel noch besprochen werden. 

Manfred Nagl, der allerdings vorwiegend den Aspekt der SF als Massenliteratur untersucht, die in Deutschland vornehmlich durch „Perry Rhodan“ repräsentiert wird, geht in seiner Kritik noch einen Schritt weiter. Nach Nagl war SF nach dem II. Weltkrieg ein Mittel über das Geschehene hinwegzutrösten und gleichzeitig eine Möglichkeit des Transportes faschistoider Ideen:

„Martin Schwonke setzte voraus, daß es zumindest der angloamerikanischen Science Fiction  um ernsthafte und kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Gesellschaftsproblemen gehe. Zu seiner Verwunderung mußte er aber feststellen, daß Science Fiction und Gegenutopie ... den Weltkrieg erstaunlich schnell vergessen haben. Diese Beobachtung gilt auch für den deutschsprachigen Science Fiction, und sie wird verständlicher, wenn man davon ausgeht, daß gerade die Bagatellisierung und Rechtfertigung von Kriegen, die Entlastung von Kriegsschuld und Verantwortung zu den eigentümlichen Funktionen der Science Fiction gehört.“ (Nagl 1972, S. 195)

Nicht als die Erweiterung des Bewußtseins, nicht einmal als literarisches Spiel will Nagl die SF gelten lassen: sie wird bei ihm zum „kulturellen Dienstleistungsbetrieb“ degradiert, der zum technischen Wissenschaftsoptimismus ohne Basis und Verantwortung beigetragen hat. Dabei wird dem Leser eine „Teilaufklärung“ (Nagl 1972, S. 221) und politische Aktivität durch pseudo - wissenschaftliche Metaphysik ersetzt. Zum Teil sind die Vorwürfe Nagls durchaus richtig, aber letztlich doch völlig undifferenziert. Das Fundament, auf dem er die SF plazieren will, ist vor allem die Massen- und Schemaliteratur. Autoren einer Engagierten SF wie Lem und Jefremov werden als Ausnahmen zwar lobend erwähnt, aber nur in einem einzigen Satz.

Darko Suvin[42], als enthusiastischer Anhänger der Gattung, zählt zum SF auch die klassischen Utopien und Anti-Utopien. Wells ist dabei für ihn die Zentralgestalt der Neuzeit; die Geschichte der Gattung führt nach Suvin von den ältesten griechischen Vorstellungen über die Utopie zum Staatsroman[43] der Renaissance, dem Planetenroman, den Erneuerungsbestrebungen der Romantik direkt zu Verne, Wells und Capek (vgl. Suvin 1979).  Suvin definiert SF als literarisches Genre,

„dessen notwendige und hinreichende Bedingung die Wechselwirkung von Verfremdung (enstrangement, ostranenie, distanciation) und Erkenntnis und dessen hauptsächliches formales Hilfsmittel ein imaginativer Rahmen ist, der zur  empirischen Umwelt des Autors eine Alternative darstellt.“ (Berthel 1976, S. 157)

Diese erkenntnisbezogene Verfremdung läßt der Gattung den notwendigen Spielraum, setzt ihr aber auch Grenzen: notwendige Bedingung ist die Existenz eines „erzählerischen Novums“, das prinzipiell verschieden sein muß von der naturalistischen und empirischen Belletristik (vgl.: Suvin In: Barmeyer 1972, S. 90). Weiterhin fordert Suvin von der SF, sie müsse „Erziehungsliteratur“[44] sein (vgl.: Gottwald 1990, S. 23.).Die Möglichkeit, daß SF auch erzieherischen Charakter haben kann, wird durch eine falsche Setzung der Prämissen mit dem Begriff „Erziehungsliteratur“ verzerrt; erst der spielerische Umgang mit den Möglichkeiten der Gattung läßt diese so interessant und komplex werden, daß es sich für den Leser „lohnt“, erkannte Strukturen zu übertragen.

Gottwald vermißt bei Survin die Möglichkeit, „das Spielerische als Selbstzweck ohne erzieherische Intentionen“ gelten zu lassen (Gottwald 1990, S. 24)[45]. Wie sehr Selbstzweck müßte das Spielerische aber sein, um keine Meinung zu entfalten? Selbst im primitiven Heroismus der kommerziellen „Space Opera“ verbirgt sich etwas wie eine Weltanschauung, wenn auch meist ohne tiefe Einsichten.  

Suvin und Nagl vertreten in der SF-Kritik antagonistische Positionen, zwischen denen sich die ganze Bandbreite der Diskussion auffächert. Sowohl Schwonke, als auch Krysmanski tendieren mehr zur Position Suvins, gehen aber nicht so weit wie er. Obwohl, wie bereits in 2.1. beschrieben, die direkte Anknüpfung an die utopische Tradition nur eingeschränkt in Form der Tradierung utopischen Denkens als Tendenz innerhalb der spezifischen SF - „Attitüde“ vollzogen werden kann, sind die Versuche der Anbindung recht häufig.  

Lem betrachtet die SF als „Inkubator für erkenntnismäßig haeretische Gedanken“ (Schulz 1986, S. 102). SF präsentiert sich bei ihm als „perspektivische Literatur“. Die Verschiebung extrapolativer Mimesis zur Metapher, die bewußte Schaffung kognitiver Modelle ist eines seiner literarischen Hauptziele. Eine Gefahr in der aktuellen SF entsteht nach Lem durch den wachsenden Abstand von Spezialisten und Laien: immer mehr „Attrappen“ mehren sich in diesem Genre, die Wissenschaft durch den „Warp“-Antrieb (aus „Star Trek“) ersetzen, der einfach für sich steht und keiner logischen Erklärung bedarf. Diese Entwicklung ist nicht neu, doch zeigt sich in der Sorge des Autors die Absicht, mit seiner Belletristik Entwicklungstendenzen der Wirklichkeit zu deuten. Die besondere Art des „Wirklichkeitsbezuges“ hinter der Fiktion ist gleichzeitig die große Chance und das Hauptproblem der anspruchsvollen SF, denn Brüche in der Rationalität lassen gerade ein fiktionales Gefüge schnell zusammenbrechen.

Im Unterschied zu Lem hat sich Amery wenig mit der literarischen Gattung SF auseinandergesetzt. In seinem neuesten Werk „Die Botschaft des Jahrtausends“ (1994) bekennt sich Amery allgemein zum Utopismus, nachdem ihm von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorgeworfen wurde ein Utopist zu sein:

„Wenn man allerdings, wie etwa die kaltäugigen Wahrsager der Frankfurter Allgemeinen, jeden von einer übergeordneten Idee oder auch nur humanistische Anteilnahme befeuerten Versuch, den gegenwärtigen Kurs auf den Abgrund  etwas umzulenken, schon als Utopie anschwärzt, dann fordern es schon die guten Manieren, daß man sich im Gegenzug ohne Zögern zum Utopismus bekennt...“ (Amery 1994, S. 111)

Dabei hat er genaue Vorstellungen von dem, was er die „platte“ SF nennt: SF, die ohne Ambitionen und Kritik geschrieben wurde. „Die platte Science Fiction kennt solche Paradiese (gemeint sind die Paradiese einer zukünftigen happy family. A.A.) längst; in anglo-amerikanischen Zukunftsbildchen...“ (Amery 1994, S. 143).

Nun ist die Unterscheidung in „platte“ SF und ambitionierte SF bei Amery leider nicht weiter ausgeführt, doch stehen sich die „Attitüde“ Amerys und die perspektivische SF Lems auf der Bedeutungsebene recht nah, denn die neue Perspektive kann nur durch eine Vorbereitung mit einer Zielvorstellung gefunden werden. Der Unterschied der Autoren liegt darin, daß sich die „Attitüde“ auf die Grundhaltung des Autors bezieht, während die Einordnung des Werkes zur SF „zu 90 Prozent aus der Erwartungshaltung“ (Amery-Interview 1995, S. 5) des Lesers stammt. So viel möchte Lem dem Leser nicht überlassen: die Konturen seiner „häretischen Gedanken“ werden ausführlich im umfangreichen diskursiven Werk erklärt - tatsächlich sind sie auch dann nicht leicht zu verstehen. 

Subsummierend läßt sich mit Gottwald feststellen, daß die Interpretation der SF als Negation der utopischen Tradition sich nicht halten läßt (im Gegensatz vor allem zu Nagl, vgl. Gottwald 1990, S. 52). In ihrer Ansicht, daß nur die sozial engagierte SF eine Weiterentwicklung der Utopie sein kann, ergeben sich dagegen einige Unschärfen, denn eine feste Bindung an das soziale Element würde eine zu einseitige Fokussierung hervorrufen.

Eine weitere Auslegung des Begriffs, beispielsweise als Typologisierung an sich, könnte sowohl politisches, soziales und philosophisches Engagement als auch die Bemühung um literarische Kunstfertigkeit in sich verbinden.  

Bei genauer Betrachtung der Definition von SF bei Gottwald[46] wird deutlich, daß ein Schwerpunkt auf der „erkenntnisbezogenen Verfremdung“[47] liegt, ein Begriff, der andere Lösungen[48] an Klarheit übertrifft. Der Begriff „Gedankenspiel“ integriert zwar bereits das spielerische Element, erklärt aber bei Hienger den Gedanken zum Selbstzweck, nicht als mögliche Erkenntnis. Die „perspektivische Literatur“ bei Lem ist eine vorsichtige Version von Schwonkes Begriff der „prognostischen Orientierung“ in der Hoffnung, eine Perspektive auf die Zukunft eröffnen zu können, wenn es Lem auch schon bewußt ist, daß er keine Prognosen stellen kann.

Eine „erkenntnisbezogene Verfremdung“[49] ist eine auf einem Zeitstrahl verschobene Alternative wenn nicht zu einer bestehenden, dann doch zu einer denkbaren Situation (d. h. eine Situation mit einem begründbar positiven Wahrscheinlichkeitsgrad) innerhalb eines imaginativen Rahmens. Der Begriff soll auch für diese Arbeit das grundlegende Kriterium für SF sein; allerdings muß der Einwand vorweggenommen werden, daß schließlich Literatur an sich eine Verfremdung der Wirklichkeit ist - auch die sogenannte „realistische Literatur“. In  SF ist allerdings die Verfremdung im Gegensatz zu beispielsweie „realistischer“ Literatur das erklärte Ziel. Zudem ist SF eine Variationsgattung, die sich eines Kanons von spezifischen Motiven bedient, die charakteristisch sind. Der Verfremdungseffekt wird durch die Kombination bestimmter Situationen (ein Kranker wird eingefroren, bis die Wissenschaft ihn heilen kann) mit diesen Motiven (durch den Kälteschlaf erlebt der Kranke eine Zeitreise) erzielt. Die veränderte Situation läßt einen weiten Interpretationsspielraum für den Autor offen. Das SF-Motiv kann auch außerhalb der Handlung stehen (z. B. eine weit zurückliegende Weltkatastrophe), muß aber wenigstens erwähnt werden.

Der Interpretationsspielraum kann auf verschiedene Weisen angelegt werden:

1. mit einer affirmativen Bedeutung, bei der keine kritische Potenz entwickelt wird und Elemente der Geschichte unkritisch in die Zukunft übertragen werden (Galaxien, die wie das römische Reich organisiert werden)

2. mit einer Bedeutung, die das tatsächliche / vermutlich tatsächliche Geschehen in Frage stellt, indem die alternative Situation einen anderen (besseren oder schlechteren) Weg beschreibt. Somit träfe die kritische Potenz von SF die wenn nicht direkt, dann indirekt zum Tragen kommt durch das Aufzeigen von Alternativen, auf ein viel größeres Quantum von SF-Werken zu, als Gottwald angibt[50] (vgl. auch 2.2.).

3. die satirischen SF, die eng mit 2. verbunden ist durch die Darstellung einer „verkehrten Welt“. Die Begriffe „Science“ als Variable für (wissenschaftliche) Rationalität und „Fiction“ als Motiv der imaginativen Fähigkeit des Menschen sind oft in der einen oder anderen Weise zu wörtlich genommen worden und stehen durch ihre angenommene Gegensätzlichkeit einer Definition im Wege. Aus diesem Grund hatte bereits 1936 Robert Heinlein versucht, den Begriff durch „Speculative Fiction“ zu ersetzen.[51]

Der Topos einer Utopie hat sich verändert: die Bezüge haben sich erweitert von einer Gesellschafts- zu einer Weltperspektive (und darüber hinaus)[52]. „Die jetztige totale Wendung bedeutet, daß der Mensch nicht mehr von seinem Standpunkt aus handeln kann, sondern von den Grenzen unserer Erde ausgehend denken und handeln muß. Wir nennen diese radikale Umkehr die Planetarische Wende.“  (Gruhl in: Apel, Karl-Otto; Böhler, Dietrich; Berlich, Alfred 1980, S. 453). Mit dem Eintritt in das Atomzeitalter hat der Mensch die Verfügungsgewalt über den Planeten erhalten; er kann damit entscheiden, ob die menschliche Geschichte weitergeht oder an einem Punkt für immer beendet wird. Dieser Umstand macht Prognosen über die Zukunft geradezu lebensnotwendig, denn das Bewußtsein um das Ausmaß einer solchen Verantwortung ist noch gering.

In diesem Zusammenhang übernimmt die SF einen weiten Bereich der Utopie-Tradition; diese wird sogar noch ergänzt  durch das Spiel, das die Möglichkeit eröffnet, auch falsche Hypothesen als Ausgangspunkt nehmen zu können. Gottwald verwehrt sich gegen diese These mit der Begründung, daß sich Aspekte des Spiels und des Engagements umgekehrt proportional zueinander verhalten.

„Beide Definitionen (Hiengers und Suvins, AA.) beziehen lediglich zwei entgegengesetzte Pole des gesamten, sehr breiten Spektrums der SF-Literatur: engagierte, pädagogisch motivierte SF auf der einen und spielerische, nicht erzieherische auf der anderen Seite.“ (Gottwald 1990, S. 24/25)

Als Beispiel dafür zieht sie unter anderem auch Carl Amery heran, bei dem doch gerade Engagement und spielerische Vielfalt einander bedingen. Gerade im gekonnten Spiel mit Alternativen zeigt sich eine kritische Potenz, die einem Engagement entspricht. Das Gegenbeispiel soll durch die spielerisch hochverdichteten Texte von Lem erbracht werden (vgl.: 4. und 6. ) Lem unterscheidet (semantisch) leere und sinnvolle Spiele. Die leeren Spiele beschränken sich auf eine innere Semantik (wie ein Schachspiel); leere Spiele[53] können folglich nur in einem sehr abstrahierten Rahmen entstehen. „Das literarische Spiel wird besonders dadurch kompliziert, daß sich seine Regeln in mehrere Richtungen zugleich semantisch (aufzeigend) orientieren können.“ (Lem in: Quarber Merkur 1979. S. 18)

Märchen, obwohl mit einer eigenen Regelwelt versehen, wären nicht interessant, gäbe es nicht eine Relation zur wirklichen Welt; um diese entdecken zu können, muß man allerdings zunächst zulassen, daß im Märchen Wunder geschehen können, ebenso, wie man sich in der SF auf den phantastischen Rahmen einlassen muß.  

Die Möglichkeit eines „leeren Spiels“, die ein literarisches Kunstwerk mechanistisch wie ein Schachspiel beschreibt, ist lediglich eine theoretische Möglichkeit, da immer Begriffe und Worte benutzt werden, die eine Referenz im Erfahrbaren haben. Wenn das Wort „Krieg“ benutzt wird, muß man davon ausgehen,daß es zu Kampfhandlungen kommt - außer es ist Ziel der Erzählung, dem Wort eine neue Bedeutung zu geben.

„Geht man davon aus, daß sich in der Literatur die Abbilder gesellschaftlicher Verhältnisse sedimentieren, der Grad des Wissens oder Nicht-Wissens über Gesellschaft zum Ausdruck kommt, dann können vorherrschende wie auch unterschwellige Inhalte der Literatur auch als Indiz gelten.“ (Lück 1977, S. 325)

Da es zum Wesen der SF gehört, mit den Grenzen der Gattung spielerisch umzugehen, dürfte die Feststellung Barmeyers immer noch Relevanz haben: „Bisher kann noch keine SF - Definition Anspruch darauf erheben, dem monströsen Gegenstand in seiner ganzen Ausdehnung kritisch - präzise gerecht zu werden.“ (Barmeyer 1972, S. 7) Dennoch sollte dieser Exkurs zumindest die Konturen, soweit sie diese Arbeit betreffen, umreißen. 

2.2. Fiktive Geschichte: Was wäre (geschehen), wenn...?

Im vorherigen Kapitel ist von den Möglichkeiten der SF die Rede, so kann der folgende Exkurs über „Fiktive Geschichte“ nur lose angefügt werden: „Fiktive Geschichte“ bezieht sich eigentlich auf einen neueren Ansatz der historischen Wissenschaften. Da Amerys Methode sich auf die Konstruktion von „alternative time-streams“ (Amery-Interview 1995, S. 2) bezieht, ist dieser Exkurs nötig geworden. „Nebenbei: ein solcher ´Was-wäre-wenn´-Stoff trägt im SF-Gewerbe den Gattungstitel ´Parallelwelt-Roman´.“ (Amery 1991, S. 282) Von allen spekulativen Stoffen hält Amery diesen für den „wissenschaftlichsten“. Die typischen Motive der SF (Zeitreise, Parallelwelten) rücken in den Hintergrund, sie sind Mittel zu dem Zweck, eine Situation hervorzurufen, in der sich die Frage stellen läßt: „Was wäre (geschehen), wenn...?“.     

Lem definiert fiktive Geschichte als „Political Fiction“ (PF), als „die Literatur, die darüber berichtet, was für einen alternativen Gang die Geschichte genommen hätte, wenn gewisse entscheidende Ereignisse im Zeitgeschehen nicht so verlaufen wären, wie es der Fall war...“ (Lem 1981 b, S. 26) Der Begriff  der „Fiktiven Geschichte“ umfaßt dagegen einen viel weiteren Bereich, zumal auch die literarische Auseinandersetzung mit ihr ebenso wie die SF einen Spiel- und Unterhaltungscharakter hat.

In seiner strukturgeschichtlichen Studie zur Semantik historischer Zeiten führt der Historiker Kossellek aus:

„... deshalb (wegen der immer größeren Herausforderung der Zukunft, AA.) wird speziell nach der jeweiligen Gegenwart und ihrer damaligen, inzwischen vergangenen Zukunft gefragt. Wenn dabei im subjektiven Erfahrungshaushalt der betroffenen Zeitgenossen das Gewicht der Zukunft anwächst, so liegt das sicher auch an der technisch-überformten Welt, die den Menschen immer kürzere Zeitspannen aufnötigt, um Erfahrungen zu sammeln ...“. (Kossellek 1979, S. 12)

Mutmaßungen über ungeschehene Geschichte sind in den kistorischen Wissenschaften schlecht angesehen; hypothetische Alternativen zum „wirklichen“ Geschehen gelten als unseriös. Überdies hat sich eine Erforschung des Ungeschehenen einer unübersichtlichen Anzahl von Alternativen zu stellen, deren Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit nicht leicht zu beurteilen ist. Eine belletristische Bearbeitung dagegen hat die Chance, sich über die Wahrscheinlichkeit im Scherz zu erheben, indem sie Zufälle einfügt,  einen betont deterministischen Verlauf der Geschichte verfolgt, oder beides kombiniert. 

Die historische Wissenschaft versucht, mit Hilfe von Quellenforschung und Quellenkritik, tatsächliche Vorgänge zu rekonstruieren. Diese Begebenheiten sind nicht unmittelbar zugänglich, aber ihre gegenwärtigen Präsenzen referieren auf eine vergangene Wirklichkeit. Seit dem 19. Jahrhundert versuchen die historischen Wissenschaftler mit den Naturwissenschaftlern gleichzuziehen. Dieser Wille zur Ordnung in der Geschichte wird für Amery zur Zielscheibe satirischer Darstellungen.

Der Historiker Demandt weist ironisierend auf den offiziellen, kulturstabilisierenden Charakterzug der Geschichtsschreibung hin:

„Die Geschichte überhaupt und daß wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht, verdanken wir doch der Tatsache, daß immer die richtige Seite gesiegt hat, die richtigen Entscheidungen getroffen wurden, die richtigen Leute gelebt haben. Dies alles umdenken wollen, ist das nicht eine frivole Undankbarkeit gegen die Norm?“. (Demandt 1984, S. 14)

Amery ist ein Schriftsteller, der es sich zum Ziel gemacht hat, diese Norm umzudenken, indem er mit den Kunstgriffen, die ihm die SF zur Verfügung stellt, Alternativen in der Geschichte als Modelle konstruieren und zu Ende denken kann.

Der Vorwurf der Unendlichkeit der Alternativen ist berechtigt; ändert man (sei es auch nur spekulativ) den Strom der Geschichte, so ändert der Interpret nicht zuletzt auch den Zeitstrahl, auf dem er sich selbst bewegt. Diesen Aspekt umgeht Amery mit seiner belletristischen Bearbeitung der Geschichte: nicht die Darstellung der Tatsächlichkeit ist wichtig, sondern, frei nach Dürrenmatt[54], das folgerichtige Beenden einer begonnenen Geschichte, die Erweiterung der Perspektive.  

Nach Demandt kann die ungeschehene Geschichte Bedeutung in vier Dimensionen erlangen:

1. für das Verständnis von Entscheidungssituationen,
2. für die Gewichtung von Kausalfaktoren,
3. für die Begründung von Werturteilen und
4. für die unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten eines Geschehens.

Zu 1.: Wird eine historische Figur für eine Handlung verantwortlich gemacht, ist davon auszugehen, daß sie Alternativen zu diesem Handeln hatte. In der Geschichtsschreibung sind diese Entscheidungssituationen die Gelenkstellen der Geschichte. Bei ihrer Interpretation aber muß von einer Doppelperspektive ausgegangen werden: zum einen vom Rückblick des Interpreten, zum anderen aber auch von der Perspektive der historischen Figur, die von sich aus gesehen in die Zukunft blickt und versucht eine Prognose zu stellen. „Der Gehalt an Zukunft in einer Situation wird zunächst durch die Wünsche und Absichten der Beteiligten bestimmt.“ (Demandt 1984, S. 17). Am klarsten kommen diese Wünsche nach Demandt in literatisierten Utopien zum Ausdruck, die nicht an die Grenzen der Realität gebunden sind.

In „Kyberiade“ versucht Trurl, aus überkommenen Idealen und seinem technischen Geschick, Utopien zu realisieren. Das Ergebnis ist wie oben beschrieben. Die Utopien des Trurl orientieren sich an den humanistischen Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Diese werden in verschiedenen Versionen durch Lem ad absurdum geführt. Immer wieder verliert sich die gesteuerte Evolution durch die Eigenwilligkeit der Schöpfung und/oder die Einwirkung des Zufalls in chaotischen Zuständen (vgl.: 4.3. „Experimenta Felicitologica“). 

Zu 2.: Kausalitätszusammenhänge haben Bedeutung, wenn das Zustandekommen eines Vorganges oder die Bedeutung eines Vorganges aus seiner Nachgeschichte ermittelt werden soll. Zur Untersuchung einzelner Faktoren können diese aus dem Zusammenhang herausgerissen werden, um dann zu beurteilen, ob der Fortgang der Geschichte sich verändert hätte. Im „Königsprojekt“ wird, wie noch zu zeigen sein wird, aufgrund einer bestimmten Regel die Änderung der Geschichte mittels der Zeitmaschine nur auf solche Geschehnisse beschränkt, deren Bedeutung für den Hauptgeschichtsstrom verschwindend ist. Als im „Königsprojekt“ ein größerer Eingriff gewagt werden soll, zeigt sich, daß die Dynamik der Kausalzusammenhänge die punktuellen Eingriffe und die Diagnose der Theoretischen Abteilung des Vatikans überwältigt. „Alle in einem historischen Ereignis wirksam gewordenen Vorgänge sind dafür, daß es genauso, wie es kam, gekommen ist, kausal notwendig“. (Demandt 1984, S. 19) Natürlich sind nicht alle Ereignisse gleich wichtig; so ist die vom Vatikan unter Fälschung der Quellen geänderte Geschichte eine andere Geschichte, aber die Hauptadern konnten nicht umgeleitet werden. Füßli, der Protagonist im „Königsprojekt“, der in die Vergangenheit desertiert, ist sich dessen bewußt; für etwa dreißig Jahre meidet er die Hauptadern der Geschichte und führt ein zurückgezogenes Leben.

3.: „So wie die Kausalurteile über Ereignisfolgen, so beruhen auch Werturteile über Wünschbarkeiten auf Alternativkonstruktionen.“ (Demandt 1984, S. 21) Das Werturteil resultiert bei Amery aus der Spekulation über eine nicht realisierte Möglichkeit.

Zu 4.: Die vierte Möglichkeit, die Erforschung unverwirklichter Möglichkeiten, knüpft eng an die Spekulation über Wahrscheinlichkeiten an. Dabei kann das Verhältnis der geordneten, geplanten Aktionen historischer Personen zu zufälligen Ereignissen nicht eingeschätzt werden. „Indem wir an den Grenzen des Planbaren zu ermitteln suchen, forschen wir nach dem Grad an Rationalität im Geschehen.“ (Demandt 1984, S. 26) In „Phantastik und Futurologie“ versucht Lem, dieses (verkürzt ausgedrückte) Prinzip auf die Literatur zu übertragen, indem er Wahrscheinlickeitsgrade für seine „Prognosen“ verteilt. Dabei bemüht er besonders darum, die Grenzen der Wahrscheinlichkeit abzutasten: „Man muß aber auch nicht annehmen, daß die Menschen immer das weiter tun werden, was sie jetzt tun. Das muß keine historische Konstante sein.“ (Interview mit Lem in: Marzin 1985, S. 66) Auf diese Weise versucht er die Ränder eines „Trichters“ zu definieren, durch den sich neue Entwicklungen zuspitzen könnten: „Zahlreiche historische Prozesse haben Trichterstruktur. Sie beginnen in einem Zustand großer Spielbreite, wo noch allerhand möglich ist, verengen sich im Laufe der Zeit und gewinnen an Tempo im gleichen Maß, wie sie an Freiheit verlieren.“ (Demandt 1984, S. 28)  Die verschiedenen „Gesellschaftsmodelle der Glückseligkeit“ in „Kyberiade“ scheitern an dieser Struktur, da Trurl, der Weltenkonstrukteur, noch künstlich die Spielbreite der Möglichkeiten beeinflußt.

Das Spiel mit den Möglichkeiten in den historischen Wissenschaften läßt sich auch als Üben politischer Freiheit verstehen. „Nur so werden jene lautstarken Stimmen kritisierbar, die behaupten, es werde so kommen, wie sie es behaupten.“ (Demandt 1984, S. 34) In diesem hier dargestellten Stil kritisiert Amery diese Stimmen, allerdings belletristisch. „Das Meiste von dem, was in den letzten hundert Jahren an Gutem oder Schlimmen passiert ist, findet sich in den jeweils vorangegangenen Zukunftsvisionen.“ (Demandt 1984, S. 36)  Nur in Kunst und Wissenschaft gibt es nach Demandt keine solche Vorwegnahme, da hier die ausformulierte Vorstellung und die Realität zusammenfallen. 

Eine historisch-kritische Untersuchung muß, eine belletristische Bearbeitung kann sich an die Wahrscheinlichkeitseinteilung halten. Letztlich verliert aber letztere an Wert, wenn sie zu sehr ins Beliebige abdriftet: der kundige Leser nimmt dem Autor Verstöße gegen die „Spielregeln“ der Gattung übel.

2.3. „Wissenschaftliche Fantastik“ (WF)

Nach Gottwald ist die WF eine eigenständige Gattung, die sie daher in ihrer Arbeit über SF nicht berücksichtigen möchte. Was aber unterscheidet die WF so wesentlich von der SF, außer der Existenz einer eigenen, osteuropäischen Tradition?

Diente der vorige Exkurs dazu, die Werke Amerys zu akzentuieren, so soll dieser auf einen Aspekt eingehen, der bei Lem eine wichtige Funktion hat (ohne explizit genannt zu werden; Lem spricht ausschließlich von SF). In „Phantastik und Futurologie“ lokalisiert Lem das Wesen des Phantastischen als nachweislich abweichende Struktur der dargestellten von der realen Welt. Die SF-Welt wird dabei zu einer Teilmenge, da sie sich auf die „wissenschaftlich“ erklärbaren Abweichungen beschränkt (sei es auch eine mit fiktiven Quellen belegte Zeitmaschine in Amerys „Königsprojekt“).

SF und WF sind für Lem in diesem Zusammenhang Synonyme (vgl.: Thomsen/Fischer 1980, S. 58); dennoch sind sie in verschiedenen traditionellen Zusammenhängen entstanden, die sich in den Werken Lems lokalisieren lassen.

Bereits zu Beginn der zwanziger Jahre prägt sich der Begriff der „Wissenschaftlichen Fantastik“ („Nautschnaja Fantastika“) in der jungen Sowjetunion. Durch die Hinwendung vieler Schriftsteller zum Sozialismus in Verbindung mit einer zunehmenden Faszination technischer Entwicklungen, bei der der Staat selbst utopisch anmutende Projekte unterstützt, entwickelt sie sich zu einer eigenständigen Gattung. 

Die Wissenschaftlichkeit bezieht sich zunächst vor allem auf die „wissenschaftliche“ Weltsicht des Marxismus, doch wurde diese Grundlage später verschoben und es entwickelten sich die „verspielten technisch-kybernetischen Erzählungen“ (Jehmlich/Lück 1974, S. 153), obwohl der politische Aspekt dadurch nicht verdrängt wurde. Für die Anfangszeit unterscheidet Lück (vgl: Jehmlich/Lück 1974, S. 154) vier Motivgruppen, die natürlich auch kombiniert auftreten können:

1. das fantastische Abenteuer,

2. den Gesellschafts- und Staatsroman (der in der WF, im Unterschied zur SF, als integriert betrachtet werden kann, da die ideologisch-politischen Grundlagen anders sind. Ein Beispiel dafür ist Efrémovs „Andromeda -Nebel“),

3. die wissenschaftliche Fantastik im engeren Sinne (als literarische Verarbeitung eines wissenschaftlich-technischen Problems),

4. und schließlich Kurzgeschichten mit humoristischer/satirischer Pointe.

In der westlichen SF ist der gesellschaftsprognostische Roman seltener und eher in Form der Gegen-Utopie, der apokalyptischen Vision zu finden. In der WF ist dagegen eine optimistische Gesellschaftsprognose vorherrschend; der politische Hintergrund des sowjetischen Staates bindet die WF-Schriftsteller stärker als ihre westlichen Kollegen an Themen, die sich mit einer gedeuteten oder tatsächlichen gesellschaftlichen Realität auseinandersetzten. Erst in der späteren Zeit, mit der Lockerung der politischen Verhältnisse, nähern sich allerdings SF und WF zusehends einander an. Den Beginn der neueren sowjetischen WF kann man auf die Mitte der fünfziger Jahre datieren. Einflußfaktoren sind die stark expandierende sowjetische Weltraumforschung und kulturpolitische Entwicklungen, die mit dem XX. Parteitag von 1956 verbunden sind. Viele Autoren folgen literarisch dem politischen „Weltraumwettbewerb“ mit den USA. Auf dem Parteitag wird eine neue Konzeption fixiert: Wettbewerb mit anderen Gesellschaftssystemen solle nunmehr friedlich, auf wissenschaftlichem, technologischem, sozialem und kulturellem Gebiet ausgetragen werden. „Bestimmend waren jedoch von Ende der 50er Jahre bis Mitte der 60er Jahre und als Aufguß natürlich noch länger (neben Utopien zur kommunistischen Gesellschaft, AA.) zwei andere thematische Bereiche: das Weltraumabenteuer und die Robotergeschichte.“ (Lück 1977, S. 302)

In den sechziger Jahren verstärkt sich in der WF der Anteil technischer Themen, doch sind die Variationen über Roboter und technische Wunder vorwiegend Selbstzweck; möglicherweise macht sich Lem in „Kyberiade“ auch über dieses naive Technikverständnis lustig. Doch sind nicht alle Geschichten derart unverbindlich: ein Gegenbeispiel stellt das Werk der Brüder Strugáckij dar. Sie thematisieren ethische und gesellschaftliche Konflikte in einer meist kommunistischen Zukunft.

Tatsächlich wird in den WF, in denen der gesellschaftsprognostische Zweig über den mehr technischen dominiert, die Tradition der Utopie weiter fortgeführt als in der westlichen SF[55].  Seit Mitte der sechziger Jahre setzt sich in der sowjetischen Phantastik eine Tendenz durch, die sich als „Social Fiction“ (Lück 1977, S. 315) bezeichnen läßt, eine gesellschaftsprognostische Literatur, die Lück bei Efrémovs „Die Stunde des Stieres“ beginnen läßt. In der „Social Fiction“ lassen sich zwei thematische Schwerpunkte unterscheiden:

1. eine Imperialismus- und Faschismuskritik; Émcev und Párnov haben die Notwendigkeit, sich diesem Aspekt zu widmen, unter anderem mit dem Wahlerfolg der NPD in den sechziger Jahren in Westdeutschland begründet,

2. die Entwicklung einer Prognostik aus den Grundkenntnissen des historischen Materialismus[56]

In „Kyberiade“ spottet Lem über die Lächerlichkeit autoritärer Rituale wie Bürokratismus[57] und militärischen Drill[58]. Auf der einen Seite geben ihm wohl seine Erfahrungen mit der deutschen Besetzung Polens Grund genug[59], auf der anderen Seite ist eine literarische Inspiration durch die WF nicht zu übersehen, zumal der Vergleich mit „Westliteratur“ erst ab 1956 möglich ist. Der Spott auf die Autorität ist bei Lem doppeldeutig, denn  die Kritik kann genauso auf die sozialistischen als auch die westlichen Systeme gerichtet werden. Aus diesem Grund hat weder die polnische noch die sowjetische Literaturkritik jener Jahre Lem anerkannt[60].

Letztlich hat die WF und mit ihr die „Social Fiction“ mit denselben Problemen zu kämpfen, wie die SF im Westen: in einer Flut „wissenschaftlich-fantastischer“ Veröffentlichungen divergieren die Qualitätsunterschiede in einem weiten Spektrum. Ein besonderer Umstand[61] dagegen ist die politische Ächtung, die einen Autor in seinem Schaffen beschränkte; auf eine politische Unbedenklichkeit haben die Autoren noch vor der Beobachtung der Marktlage zu achten, während sie sich im Westen weitgehend auf letzteres konzentrieren mußten, um von SF leben zu können. 

WF entstand vor allem in den sozialistisch orientierten Ländern. Motivkomplexe der SF werden von ihr aufgenommen und die ursprünglich strenge Ausrichtung auf utopische und didaktische Ziele gelockert. Eine produktive Rezeption der WF im SF-System findet dagegen nur in seltenen Fällen (Lem und die Brüder Strugáckij sind die bekanntesten Namen) statt, doch wie Gottwald von einer eigenen WF-Gattung zu sprechen, würde zu weit führen, denn dafür sind die Gemeinsamkeiten zu offensichtlich. Die Methode der erkenntnisbezogenen Verfremdung wird kombiniert mit einer Reihe von typischen Motiven, die SF und WF gemeinsam sind. Auf die Methode und besonders eine etwas ausführlichere Darstellung der Motive wird noch eingegangen werden, doch zunächst soll die Besonderheit der Makrostruktur, in die die Gattung SF eingebettet ist, in einem Exkurs betrachtet werden. Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, Trivialität und Literatizität über das besondere Verhältnis von  Literaturproduktion und -rezeption für diese Gattung zu unterscheiden, da eine solche Unterscheidung inhaltlich, beispielsweise durch die Stoffwahl, schwerlich zu treffen ist  .

2. 4.    Öffentlichkeit und SF

In „Bileams Esel“ (Amery 1991) geht Amery in dem Aufsatz „SF-Ware und Erwartungshaltung“ auf die Beziehung zwischen der Gattung SF und ihren Produktionsverhältnissen ein; er stellt darin fest, daß die SF zu neunzig Prozent von der Erwartungshaltung bestimmt wird. „Der Markt ist das allerjämmerlichste an der ganzen Geschichte. Verstehen Sie, ich habe nicht dagegen, daß es auch als Gattung läuft.“ (Amery-Interview 1995, S. 15). Amery überläßt im Unterschied zu Lem die Gattungsfrage vollständig dem Leser. Er betrachtet das Problem, dem Lem viel Engagement gewidmet hat, als nebensächlich.[62]

„Warum läßt sich das Universum, das der SF abhanden gekommen ist, nicht mehr zurückgewinnen? Man kann einfach behaupten, daß dies die Marktgesetze nicht zulassen - daß es heute keine Autoren und Verleger wagen würden, die Leserschaft einer Entziehungskur zu unterziehen, die dem Verzicht auf leichte Lösungen fiktiver Probleme gleich kommt.“ (Lem in: Quarber Merkur 1979, S. 38).

Wie Amery hat auch Lem die Bedeutung der Erwartungshaltung des Leser erkannt, ist aber nicht bereit, diese zu akzeptieren. Wie in 2. bereits erwähnt, beginnt sich der „eiserne Vorhang“ zwischen „trivialisierter“ und „literarisierter“ SF-Literatur in den 1920er Jahren herauszubilden. Dieser Prozeß ist mit unterschiedlicher Intensität bis heute konstant; häufig wird besonders in Deutschland, dessen SF-Tradition nur fragmentarisch besteht, SF vor allem mit „Perry Rhodan“assoziiert; die Entstehung dieses Bildes kann allerdings nicht monokausal gesehen werden. Daher sollen im Folgenden die Komponenten der literarischen Produktion einzeln untersucht werden, inwieweit sie am entstandenen Bild teilhaben. Eine erste mögliche Definition ist: trivial ist, was Literaturkritiker dafür halten: „´Mainstream´, wie man in Amerika sagt, die Literatur, die von Reich-Ranicki und Karasek rezensiert wird.“ (Amery-Interview, S. 16) Doch Amery hat einen zutreffenden Einwand gegen diese Art von Definition: „Von den Werkzeugen, die ich haben muß, wenn ich einen guten Krimi oder eine gute SF schreiben will, davon hat die Schule Reich-Ranicki keine Ahnung; was einen guten Zeitmaschineneffekt macht und was ´up to art´ ist, das wissen die nicht.“ (Amery-Interview 1995, S. 17) Eine andere Möglichkeit, „trivialer“ von Engagierter SF wenigstens ansatzweise zu unterscheiden (und auch dann bliebe noch viel „Grenzverkehr“), soll in der folgenden kurzen Analyse der Besonderheiten der literarischen Produktion von SF skizziert werden.  

Die Verleger sind im SF-Produktionsprozeß nicht Filter für eine positive Auslese, sondern anteilmäßig beteiligt an der Inflation, die der Leser durch sein Konsumverhalten gegenüber der SF auslöst. Durch die Interessenverständigung von Verleger und Leser gerät der Autor in ein Spannungsfeld: im SF-Bereich bestimmen die Verleger vielfach den Titel, Umfang, zum Teil sogar den Inhalt der Romane. Auch etablierte Autoren müssen sich immer noch dem Publikumsgeschmack beugen. Die Produktion wird dadurch gesteuert, daß die Vertreter von Magazinen und Periodika gezielt Umfragen an die Fangemeinde richten, um die „besten“ SF-Geschichten herauszufinden. Diese SF-Gemeinden sind, wie bereits beschrieben, sehr homogen in ihrem Geschmack, so daß die „besten“ Geschichten sich häufig auf mehr oder weniger gelungene Variationen bestimmter „Abenteuerkonstellationen“ konzentrieren.

Es gibt nur wenige unabhängige Zeitschriften, die die Produktion übergreifend und kritisch beobachten. Der „Quarber Merkur“, 1963 gegründet von Franz Rottensteiner und die „Science Fiction Times“ (seit 1967) bemühen sich um eine Unterscheidung von „trivialer“ und „gehobener“ SF, erreichen aber auch nur eine sehr begrenzte Öffentlichkeit.

„Bis zum Ende der fünfziger Jahre war die SF auf einen Markt beschränkt, der hauptsächlich aus Leihbüchern und den Heftchenserien der Verlage Pabel und Moewig bestand, in denen angelsächsische SF häufig zusammen mit anspruchslosen deutschen Produktionen (z. T. Nachdrucke von Vorkriegstexten) erschien.“ (Schulz 1986, S. 78.)

Erst in den siebziger Jahren zeichnet sich dann eine Differenzierung des Marktes ab.

SF kann in der Öffentlichkeit nicht allein von Ausnahmen wie Lem und Amery betrachtet werden, die nicht an die genannten Beschänkungen eines SF-Autor gebunden sind, da es ihnen gelungen ist, sich mit ihrem Stil zu behaupten. Viele Autoren, die anspruchsvolle SF verfassen, sind gezwungen, unter einem Pseudonym auch „Pulp“ zu schreiben, um von der Schriftstellerei leben zu können. Dennoch sollte sich der Blick auf die Engagierte SF dadurch nicht verstellen lassen; der „eiserne Vorhang“, der einer angemessenen wissenschaftlichen Betrachtung der Gattung im Weg steht, kann umgangenen werden (vgl.: Schulz 1986, S. 22).

Die Rezeption der Werke Lems verfolgt einen eigenwilligen Kurs. In Europa fand er Beachtung, sobald seine Werke publiziert werden, und zwar in größerem Ausmaß als die sonst so populären amerikanischen Schriftsteller[63]. Seine Orientierung am Westen und seine Kritik am sozialistischen Polen haben Lem dabei wenig geschadet, statt dessen wurde er als einer der bekanntesten polnischen Literaten häufig staatlich ausgezeichnet. Rottensteiner stellt zur Rezeption Lems in Polen fest, daß er zwar in Millionenauflage gelesen, aber von der Literaturkritik übersehen wird. Er gilt als Außerseiter, da er sich nie politisch festlegte.

In den siebziger Jahren bildet sich in der BRD eine treue Fangemeinde, die nicht zum großen Teil aus typischen SF-Lesern besteht. Nach Polen sind Deutschland und Rußland die größten Absatzmärkte für Lems Werke, wobei das Interesse der deutschen Leser bis zur Gegenwart anhält und sich auch auf die theoretischen Schriften überträgt[64]. Ignoriert durch den sowjetischen Schriftstellerverband erhielt Lem doch große Anerkennung durch die Öffentlichkeit in der ehemaligen Sowjetunion; er unterhielt zudem Kontakt mit sowjetischen Kosmonauten wie German Titow. Einige kritische Romane und besonders das gesamte Spätwerk erschien nicht mehr in Russisch (zum Beispiel der „Kongreß“); man war interessiert an den Weltraumgeschichten, die mit der russischen Begeisterung für Raumfahrt in dieser Zeit einhergehen.

Die französische Rezeption setzte erst viel später ein (nach der ersten Übersetzung von 1962). Die Reaktionen sind positiv, doch bleibt die Kritik kurz und oberflächlich.

Die englische[65] und amerikanische Rezeption ist noch in den Änfängen; die Amerikaner tun sich schwer mit den experimentiellen Werken, die so sehr im Widerspruch zur eigenen ausgeprägten Tradition stehen. Das amerikanische Interesse an den formalen Variationen war und ist nur gering, in dieser Beziehung steht Lem den Trends in Europa näher[66]. Leslie Fiedler, Ursula LeGuin, Sturgeon, Solotaroff, John Updike und Kurt Vonnegut äußern sich alle sehr positiv zu Lem, können ihn aber dadurch nicht publik machen; zudem wurde er nach kurzer Zeit aus der SFWA (Science Fiction Writers of America), deren kurzzeitiges Ehrenmitglied Lem war, wieder ausgestoßen[67]. Schließlich bekam Lem auch auf dem amerikanischen Markt Anerkennung durch Updikes Features im „New Yorker“ 1979 und 1980. Zwei Tatsachen hindern ihn am endgültigen Durchbruch: er ist ausländischer Schriftsteller und schreibt zudem SF[68]. Wie eingangs in den Materialien angegeben, beschränkt sich die Literaturkritik zu Amery vorwiegend auf die dort angegebenen Titel. Es dürfte schwierig sein, die zum Teil in Mundart geschriebenen Romane in eine fremde Sprache zu übertragen, so daß auch ein Auslandserfolg wie bei Lem nicht zu erwarten ist. Amery setzt andere Schwerpunkte in seiner Kritik an der literarischen Produktion: „Es ist der juristische Apparat, der hinter dem Begriff des Streitwertes steht.“ (Amery 1967, S. 106-107). Amery bemängelt, daß der Einfluß der juristischen Abteilung eines Verlages die entscheidenden kritischen Aussagen verhindert. „Bereits heute sind nur noch zensurähnliche Maßnahmen zu treffen, wenn das alte Tabu mit neuen materiellen Interessen zusammenarbeiten kann.“ (ebd., S. 107). So ist es nach Amery unproblematisch, immer wieder Gott in der Literatur sterben zu lassen, aber die Kritik an Produktionsverhältnissen der Industrie, wie sie Max von der Grün verfaßte, kann ein juristisches Veto mit sich bringen. 

Zusammenfassend bemerkt Ulrike Gottwald: „SF als Literatur wird in Zukunft wohl nur reihenunabhängig und ohne Kennzeichnung als SF geschrieben und verlegt werden können.“ (Gottwald 1990, S. 191) Ob sich ihre resignierende Prognose erfüllen wird, kann hier nicht geklärt werden; in den letzten fünf Jahren hat sich an den beschriebenen Zuständen wenig geändert.

2.5. Eine Zwischenbilanz: Spielregeln und Motive der SF

Die Vielzahl der verschiedenen Ansätze zur Definition des Begriffes SF führt letzlich weniger zur Klärung des Begriffes, als zu einer Verunsicherung. Letztlich kann man nur wiederholen: eine Definition mit umfassender Gültigkeit gibt es noch nicht.

Die verschiedenen Ansätze sind aber in der Hinsicht nützlich, daß sie anzeigen, in welche Richtungen bereits gedacht wurde. Auffällig ist die (wenig beachtete) Uneinigkeit der Theoretiker, auf welcher Basis sie diskutieren: ist SF eine Gattung, eine ästhetische Kategorie, oder beides?

Eine Untersuchung der Gattung, wie der Strukturalist Todorov sie durchführt (vgl. 2.1.1.), indem er die von ihm aufgestellte Hypothese experimentiell anhand einer begrenzten Anzahl von Werken belegen will, um seine Untersuchungsergebnisse durch weitere Werke zu belegen, grenzt den ästhetischen Aspekt sogar definitorisch aus. Gesucht werden Merkmale des Phantastischen auf der Ebene des Textes.

Suvin dagegen definiert SF über die Wechselwirkung von Verfremdung und Erkenntnis, dem als Hilfsmittel ein imaginativer Rahmen an die Seite gestellt wird (vgl.2.1.2.). Wenn  er in diesem Zusammenhang die Geschichte der Gattung SF von den ältesten griechischen Vorstellungen über den Staatsroman der Renaissance und die Romantiker zu Verne und Wells zu einer Entwicklungslinie verbindet, kann er sich dabei ausschließlich auf eine (angenommene) Gemeinsamkeit in der Geisteshaltung beziehen.

Es ist anzunehmen, daß sich SF letztlich nur durch eine Verbindung der Gattung und der Geisteshaltung definieren läßt. Es gibt Merkmale, die die Gattung braucht, um zu dem zu werden, was sie ist, daneben erfordert es eine bestimmte „Attitüde“ (nach Amery), um aus SF eine „Literatur als ´record of total experience´“ (Amery-Interview, S. 17)  werden zu lassen. Gottwald versucht in ihrer Definition beide Aspekte zu vereinen: formaler Rahmen ist für sie die „erkenntnisbezogene Verfremdung“; die Intention kann „sowohl in inhaltlich nicht festgelegter Weise erzieherisch als auch ausschließlich an spielerischen Text- und Motivvariationen interessiert sein“. (Gottwald 1990, S. 25)

Wichtig ist die Unterscheidung von SF-“Handwerk“ und SF-Intention, um beide in einem angemessenen Rahmen zu verbinden. Die „spielerischen Text- und Motivvariationen“ gehören allerdings nicht in erster Linie zur Intention: zunächst sind sie das „Handwerk“, mit dem der Autor ein innovatives Handlungsgerüst konstruieren kann. Erst in einem zweiten Schritt, wenn das Mittel zum Selbstzweck wird, gehören Text- und Motivvariationen in den Bereich der Intentiton. Im allgemeinen sollen diese Werke, in denen das Abenteuer überbetont ist und kaum über die Textwirklichkeit hinausweist, nicht zur Engagierten SF gezählt werden[69].

Die „erkenntnisbezogene Verfremdung“ wiederum ist mehr als nur der formale Rahmen. Sie ist sowohl Methode als auch Ziel. Zur Methode gehört es, (vom Leser identifizierbare) Elemente der erfahrbaren Welt (auch wenn sie bereits Geschichte sind) zu isolieren und in ein Modell einzufügen, das eine neue Perspektive auf das isolierte „Modul der Wirklichkeit“ (eine Gesellschaftsordnung beispielsweise) fallen läßt; insofern ist die „erkenntnisbezogene Verfremdung“ auch das Ziel. Im Prinzip geht es darum, daß auf das bewußt provozierte Staunen das Verstehen und Lernen folgt.

„Trivial ist, wenn man so will, dann doch durch den Anspruch zu messen, die Welt, wenn nicht zu verändern, dann doch zusätzlich zu beleuchten, eine Erfahrung zu erweitern.“ (Amery-Interview, S. 16). SF, die nachweislich versucht, diesen Anspruch zu erfüllen, soll Engagierte SF genannt werden. Daß SF - wie bei Gottwald erwähnt - letztlich einen Unterhaltungscharakter hat, soll in die Definition miteingeschlossen werden; schließlich sagt dieser Begriff nichts über die literarische „Qualität“ aus.

Zunächst noch ein kurzer Exkurs in das „Handwerk“: es ist an dieser Stelle nötig, die am häufigsten vorkommenden Motive der SF zu erwähnen und kurz zu charakterisieren:

1. Die Reise durch den Raum

Sie ist wohl das bekannteste Motiv der SF; lange Zeit wurde SF aus diesem Grund in Deutschland auch „Weltraumroman“ genannt.

2. Die Reise durch die Zeit

Mit der Reise durch die Zeit hat der Mensch in der Zukunft und in der Gegenwart die Möglichkeit, den Zeitstrom seiner eigenen Geschichte umzuleiten oder ihn zumindest genauer unter die Lupe zu nehmen - meist mit der Konsequenz (oder der Intention) einer veränderten Gegenwart.

3. Alternativ- und Parallelwelten

Die Parallelwelt kann neben der uns bekannten Welt bestehen und einen völlig anderen Charakter haben. Die Alternativwelt dagegen existiert auf der Basis der bekannten Welt, deren Geschichte aber einen anderen Verlauf genommen hat (die Existenz von Alternativwelten ist häufig mit einer Zeitreise verbunden). „Die Parallelwelt wird betreten, wenn eine Romanfigur diesen Bruch vollzieht; die Alternativwelt wird betreten, wenn der Romanautor diesen Bruch durch ein besonders geschichtsträchtiges Ereignis inszeniert.“ (Kurtz 1992, S. 68)

4. Die Katastrophe

Die Katastrophe kann natürliche Ursachen (eine neue Eiszeit) oder künstliche haben; die letztere Möglichkeit ist oft in Verbindung gebracht worden mit Überlegungen, wie das Leben der Menschen beispielsweise nach einem weiteren Weltkrieg und einer nuklearen Katastrophe aussehen könnte. Für die Weltkatastrophe gilt: „Die Möglichkeiten der Gestaltung des Handlungsverlaufes liegen in den Dimensionen von Extrapolation, Inversion und Alternative ...“ (Kurtz 1992, S. 52) Nach der Katastrophe können Tendenzen, die schon zuvor angelegt waren, verstärkt werden, sie können sich zurückentwickeln, oder es kann, beispielsweise durch das Erscheinen von „Aliens“, eine völlig neue Komponente hinzugefügt werden.  

5. Die Duplizierung und / oder Dividierung von Individien

können durch Körpertausch, Persönlichkeitstransfer, durch parasitäre Intelligenzen, u.v.m. eintreten. Sehr aktuell ist auch die Problematik um das Klonen von Menschen, da dies nicht  unwahrscheinlich ist. Das Modell des Verlustes der Identität, das Gegenstand von existenzphilosophischen Denkmodellen ist, wird in Verwandtschaft mit dem Schauerroman beispielsweise behandelt, doch bleibt die rationale Erklärung (das Kloning[70] beispielsweise) bestimmend.   

6. Künstliche Menschen, Roboter

Der Traum vom künstlichen Menschen reicht weit vor die Zeit der Industrialisierung zurück und enthält mehr als den Wunsch nach einem artifiziellen „Sklaven“. Im Vordergund steht dabei der Gedanke, „daß es dem Menschen möglich sein müsse, nicht nur der Vater, sondern auch der Schöpfer von seinesgleichen zu werden.“ (Hienger 1972, S. 131) 

7. Übermenschen

Kritiker der SF werfen den SF-Autoren vor, Wissenschaft in den Bereich des Okkulten übergreifen zu lassen. Dieser Vorwurf trifft besonders die Gestaltung von Übermenschen, da beispielsweise das Vorhandensein von „Psi-Fähigkeiten“ (telekinetischen Fähigkeiten besispielsweise) nicht immer als rationale Erklärung akzeptiert wird.

8. „Aliens“

In der SF wird  - neben dem Effekt der Verzierung, der „Aliens“ als Monströsitäten zum Bestaunen freigibt - das „Alien“ in den Kontext einer alternativen Evolution und Kulturentwicklung gestellt.

Diese Auflistung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit; viele Motive überschneiden sich und werden zu Mischmotiven (ein Mensch beispielsweise, der in der Retorte gezüchtet wurde und dadurch besondere Fähigkeit im telepathischen Bereich hat, gehört sowohl zu 6. als auch zu 7.). Auch zielen die Motive bei unterschiedlicher Verwendung auf verschiedene Bereiche ab; in der Begegnung mit einem „Alien“ kann sowohl dessen technische Überlegenheit beschrieben werden, als auch seine dem Menschen verschiedene emotionale Konstitution - und auch beides in Abhängigkeit voneinander:

„Die in Gedankenspielen der Science Fiction imaginierten Realitätsverschiebungen sind höchst heterogene Vorgänge. Einige ergeben sich aus wissenschaftlichen und technischen Leistungen, andere aus Konflikten und Leidenschaften innerhalb der Menschenart oder im Umgang zwischen verschiedenen Arten intelligenter Lebewesen; wieder andere sind Naturereignisse. Freilich können sie Verbindungen eingehen, einander duchdringen oder durchkreuzen, interdependente oder gegenläufige Prozesse bilden.“ (Hienger 1972, S. 176)  

Zu Recht weist Hienger auf die Kombinationsmöglichkeit der Motive hin: in Amerys „Königsprojekt“ entsteht die Duplizierung eines Individuums, des Schlüsselsoldaten Füßli, durch die Zeitreise (vgl. 3.).

Hinter der Vielfalt der Formen und ihren Verknüpfungsmöglichkeiten verbirgt sich die didaktische Potenz der SF. Das eingangs erwähnte Beispiel soll dies verdeutlichen: die Assoziationen zu dem  Begriff „Ausländer“ (dunkele Haut, Schnurrbart, Frauen mit Kopftuch, um nur einige der möglichen Klischees zu nennen) sind in Deutschland relativ einheitlich verbreitet; es ergibt sich ein Prototypenmodell für „fremd sein“. Wie werden desse Variablen aber besetzt, wenn ein menschlicher Protagonist (die Identifikationsfigur des Lesers) auf „Aliens“ trifft? Der Begriff hat mit dem Konzept „Ausländer“ nur die Relation („fremd sein“) gemeinsam, alle „freien Variablen“ (Gestalt, Verhalten, usw.) können fast beliebig besetzt werden. Je nach Gestaltung der Situation (der Protagonist könnte der Fremde unter den „Aliens“ sein, „Ausländer“ wäre in dieser Welt jeder, der humanoid, also eigentlich „vertraut“ ist), im Text könnten bestehende Schemata über einen Analogieschluß verändert/erweitert werden. Es ist natürlich nicht leicht, die Angemessenheit von Analogien zu beurteilen; das Beispiel soll nur skizzenhaft den Mechanismus veranschaulichen. Der künstlerische Anspruch von SF kann somit nicht zuletzt durch die Gestaltung und Verknüpfung von Motiven zu „analogiereichen Modellen“ beurteilt werden; letztendlich bildet erst der Leser den analogischen Schluß, denn dieser befindet sich außerhalb des direkten Einflusses des Autors.     

Aufbauend auf der Definition Gottwalds und mit den aufgeführten Ergänzungen wurde der Begriff der Engagierten SF umrissen. Im Folgenden werden je zwei Werke von Lem und Amery im Wechsel miteinander verglichen. Bei jeder Analyse wird zunächst auf die Methode der Verfremdung und die verwendeten Motive eingegangen werden, anschließend auf die Intention und die Möglichkeiten außertextualen Bezugs. 


FUSSNOTEN

  1. Eine frühe Auseinandersetzung findet sich beispielsweise bei Freud, der das Unheimliche im Zusammenhang mit E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ deutete (vgl. Freud 1969-1972).

  2. Hier zeigt sich auch die Grenze zur „Fantasy“: in der Fantasy müssen auch die zentralen Phänomene nicht rational erklärt werden, oft genügt die Erklärung durch Magie oder dämonischen Einfluß. Der gelegentlich von Kritikern an die SF gerichtete Vorwurf, in ihrer Art der Wissenschaftsdarstellung gelegentlich die Grenze zum Okkulten zu durchbrechen, ist in der „Fantasy“ oft Gegenstand der Erzählung (beispielsweise in Marion Zimmer Bradlys berühmt gewordener Artus-Erzählung „Die Nebel von Avalon“). 

  3. Ein Beispiel dafür ist Ray Bradburys Erzählung „The Third Expedition“ (in: „The Silver Locusts“, London 1960): Eine gespentische Erscheinung auf dem Mars stellt sich als Illusion der Marsianer heraus, um einer irdischen Invasion entgegenzuwirken. Doch nachdem die Illusion ihre Schuldigkeit getan hat und die Mitglieder der Marsexpedition tot sind, wird die Illusion ohne erkennbaren Grund in einem makaberen Begräbnisritual zu Ende geführt.

  4. Wobei auch bei seiner Urheberschaft noch Unklarheiten existieren; so geben Thomsen und Fischer auf zwei aufeinanderfolgenden Seiten zwei verschiedene Entstehungsdaten des Begriffes an: er soll 1926 oder 1929 in der Heftserie „Amazing Stories“ zum ersten Mal verwendet worden sein.

  5. In: Amazing Stories I. 1, 5. 4. 1926)

  6. Amery unterscheidet „Literatur-Literatur“ und „SF-Literatur“. (Gottwald 1990, S. 250)

  7. Theoretiker der Utopie - Forschung wie Schwonke und Hienger treten dafür ein, Utopie und Gegenutopie getrennt zu behandeln. „Zweckmäßig wäre es, von einer Utopie nur dann zu sprechen wenn nicht nur eine mögliche Welt, sondern die Möglichkeit einer besseren den Gedankenspieler beschäftigen...“ (Hienger 1972, S. 15). Eine solche definitorische Trennung soll für diese Arbeit nicht gelten, sowohl die positive Utopie als auch „cautionary tales“ wie Samjatins „Wir“ sollen der Einfachheit halber gemeinsam.unter dem Begriff der Utopie geführt werden.

  8. „...es gibt da beim SF einen Versuch, da ist ein Band erschienen von Gerhard Hoffmann, ´Verkabelte Gesellschaft´, da hat der Böll dringeschrieben ... die haben da so SF -Formen versucht, das ist nichts geworden. Das ist nicht ihr Ingenium, ihre Attitüde...“ (Amery-Interview 1995, S. 17)

  9. Insofern ist die Behauptung von Darko Suvin, daß sich in der SF der Staatsroman der Antike fortsetzt, sehr weit hergeholt (vgl.: Suvin in: Berthel 1976, S. 157).

  10. Weitere Entwürfe idealer Staaten, die die Moderen geprägt haben, finden sich bei Francis Bacon in seinem Werk vom „Neuen Atlantis“ (die „machbare Welt“ der regierenden Naturwissenschaften), bei Adam Smith und Macchiavelli; auffällig ist bei diesen Autoren das Ziel der restlosen Regulierbarkeit, der Beherrschbarkeit der Welt durch die Naturwissenschaften. Dieses Gedankengut war sicher angemessen für die Entwicklungen in der Zeit, hat aber nichts von seiner Aktuallität verloren.

  11. „Utopie und utopisches Denken sind historische Phänomene. Utopische Darstellungen sind nach Inhalt und Form variabel, ihr Gehalt und Funktion können sich wandeln.“ (Schwonke 1957, S. 1.)

  12. Im Gegensatz zur angelsächsischen Praxis wurden in Deutschland die Begriffe Science Fiction und Utopische Literatur lange als Synonyme gebraucht, zum Beispiel in der Utopie-Diskussion der sechziger und siebziger Jahre.

  13. Darko Suvin ist der Herausgeber der Science Fiction Studies, einer Zeitschrift, in der auch Lem in seiner „dritten Phase“ viele Beiträge veröffentlicht hat.

  14. Es führt keine direkte Linie vom Staatsroman zur SF. Auch die Verbindung von Utopie und SF kann zum Teil nur über Umwege gefunden werden, indem man das Utopische als „Erscheinungsform des Phantastischen“ definiert (vgl.: Barmeyer 1972, S. 14). Tatsächlich geht es ja auch nicht um eine genealogische Linie, sondern um die Übernahme einer Funktion durch den SF.

  15. Pehlke und Lingfeld konstituieren für die SF sogar eine Trennlinie zwischen didaktischem und utopischem Anspruch: „Science Fiction verfolgt nicht utopisch-theoretische Ziele, die sie in adäquat gewagte Bilder zu kleiden hätte, sondern sie verfährt, darf man ihren Wortführern Glauben schenken, weit eher didaktisch. Antizipatorisch entwirft sie Trends der Zukunft, wirft ihnen konventionelle Handlungen über und versucht so, auf Umwegen planerisch-erzieherisch zu wirken.“ (Pehlke/Lingfeld 1970, S. 11) Der ausgeführte Gegensatz ist allerdings nicht zu erkennen, sollte doch gerade der utopische Roman erzieherische Wirkung haben.

  16. An gleicher Stelle kritisiert sie auch die antagonistisch entgegengesetzte Position, wie sie von Jörg Hienger vertreten wird: er definiert SF als „Spannungsliteratur“ und vernachlässigt dabei die engagierten SF-Texte (vgl. Gottwald, S. 24)

  17. „SF kann demnach als ein Literaturgenre angesehen werden, das sich der Methode der erkenntnisbezogenen Verfremdung als eines formalen Rahmens bedient und in seiner Intention sowohl´in inhaltlich nicht festgelegter Weise erzieherisch als auch ausschließlich an spielerischen Text- und Motivvariationen interessiert sein kann.“ (Gottwald 1990, S. 25) Zu dieser Definition fügt Gottwald noch den Unterhaltungsaspekt als konstitutiv zu.

  18. Gottwald selbst hat den Begriff von Darko Suvin übernommen (Gottwald 1990, S. 22).

  19. Vgl. dazu: Hienger: „Gedankenspiel“, Lem: „perspektivische Literatur“, Schwonke: „prognostische Orientierung“.

  20. Peter Kurtz kritisiert den Begriff der erkenntnisbezogenen Verfremdung: „Science fiction ist m. E. nicht die ´Literatur der erkenntnisbezogenen Verfremdung´ (Suvin 1978, S.24), sondern die der informationsverarbeitenden Spekulation.“ (Kurtz 1992, S. 58). Seine Kritik bezieht sich vor allem darauf, daß man nichts über die Erkenntnisfähigkeit eines Leser aussagen kann. Letztlich ist der Begriff der „informationsverarbeitenden Spekulation“ insofern nichtssagend, als daß er auch auf andere Arten der Belletristik übertragen werden kann; er erfaßt nicht die (mögliche) Charakteristik der „Engagierten SF“ über das „Staunen“ (die Verfremdung) zum „Verstehen“ (des Modelles hinter dem Spiel mit der Wirklichkeit) und schließlich zum „Übertragen“ zu kommen.

  21. Ein kleiner Vorgriff: Lem versteht sich nicht als sozial oder politisch engagierter Schriftsteller, seine Interessen liegen nach eigenen Angaben auf dem Gebiet der Kybernetik und Philosophie; dennoch haben seine Texte genügend politische Potenz, um als Utopien gewertet zu werden.

  22. Vgl.: Delany, Samuel; Hacker, Marilyn (Hrsg.):  1970. S. 7. Meiner Ansicht nach sollte aber der Begriff „Science“ als Hinweis auf die Anlehnung an ein bestimmtes Regelsystem nicht unterschlagen werden, um beispielsweise die Grenze zur Fantasy zu unterstreichen.

  23. Deutlich läßt sich diese Entwicklung im theoretischen Werk Amerys verfolgen, der von einer Kirchenkritik über eine Kritik der ökologischen Politik schließlich in der „Botschaft des Jahrtausends“ die Menscheit vor die Wahl der Existenz / Nichtexistenz stellt.

  24. „On a chessboard , for example, the king has it´s specific meanings within the rules of the play, but has no reference outside the rules ...“ (Lem in SFS März 1973, S. 23).

  25. Vgl.: Dürrenmatt 1985. „Geht man von einer Geschichte aus, muß sie zu Ende gedacht werden.“ (Anhang)

  26. Leider gibt es noch keine Untersuchung zur WF nach der politischen Wende in der Sowjetunion; die Nähe zur westlichen SF ist wahrscheinlich größer geworden, doch kann an dieser Stelle kein Urteil über den Wandel im politischen Gehalt abgegeben werden.

  27. Historischer Materialismus im Sinne einer ökonomischen Geschichtsphilosophie, nicht aber als Wissenschaft der Geschichte; Marx entwickelte diese Lehre aus dem religiösen Sozialismus Saint-Simons und der idealistischen Geschichtsphilosophie Hegels. Aus dieser Zusammenführung folgerte er: „Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte.“

  28. In der 10. Fabel vertreibt Trurl ein auf dem Planeten der Stahlaktiten gelandetes  Ungeheuer, indem er dessen Widerrechtlichkeit mit bürokratischem Formalismus bearbeitet: „Ich habe mich einer speziellen Maschine bedient, eine Maschine, die mit einem großen >>B<< beginnt, und mit ihr ist noch niemand fertiggeworden, solange der Kosmos Kosmos ist.“ (Kyberiade, S. 152)

  29. Der Effekt des Gargancjan in der 4. Fabel besagt nichts anderes, als daß Intelligenz und Militarismus einander ausschließen: „Oberhalb einer gewissen Grenze verwandelt sich das Militärische ins Zivile, und zwar deshalb, weil der Kosmos als solcher zivil ist.“ (Kyberiade, S. 46)

  30. Bis heute hat sich bei Lem eine gewisse Verbitterung gegenüber den Deutschen gehalten: „Lernen die Völker aus der Geschichte ? ... Wenn es um die Deutschen geht, habe ich meine Zweifel.“ Lem, Science Fiction 1987, S. 153)  Beide Grundelemente der „Social Fiction“ sind also bei Lem zu finden, sowohl die Totalitarismuskritik, als auch die Prognostik, allerdigs hat er beide gemäß seiner Interprtation auf eine freiere Ebene überführt.

  31. Erstaunlicherweise sind Eingriffe oder Restriktionen der Werke ausgeblieben, obwohl gerade der politisch-satirische Gehalt der „Kyberiade“ nicht zu übersehen ist. Allerdings mußt Lem zu verschiedenen sowjetischen Ausgaben  (zum beispiel zu „Solaris“ erklärende Vorworte im Sinne der Zensur hinzufügen. Der Erfolg der frühen Werke Lems war in der sowjetischen Öffentlichkeit überragend; erst durch die Anerkennung im Ausland konnte er sich auch in Polen durchsetzten.

  32. Amery relativiert diesen Unterschied, denn für ihn ist die politische Kontrolle in der BRD durch das Rechtssystem bedingt und damit lediglich subtiler (vgl.: Amery 1967, S. 120 - 127). 

  33. „Die Gottwald, die hat eine ganz nette Definition gehabt, aber sehen Sie, sowas vergeße ich wieder, weil es mit nicht wichtig ist.“ (Amery-Interview 1995, S. 17)

  34. Bellow könnte den Vergleich wagen, doch hat er keine vergleichbare Publikation theoretischer Werke. Lem als Schriftsteller, Theoretiker und Kritiker erlangte seine Sonderstellung nicht zuletzt durch seine Vielseitigkeit.

  35. Am Ende der siebziger Jahre galten Tolkien und Lem als die beliebtesten Autoren der deutschen Studentenschaft (vgl.: Jürgen Bursche in der FAZ vom 2. Feb. 1979, Nr. 28. S. 25.).

  36. Die Lizenzausgabe erscheint bei Secher und Warburg; in England haben es ausländische Autoren noch schwerer als in den USA, sich durchzusetzen.

  37. So wollten „Helen and Kurt Wolff Books“, Lems Vertreter in den Staaten, eine englische Version der „Summa technologiae“ herausgeben, konnten aber keinen Verleger dafür finden.

  38. Die sogenannte „Lem-Affäre“, bei der Lem aus der SFWA ausgeschlossen wurde, weil „sich Lems nicht sehr schmeichelhafte Meinung von der SF herumgesprochen hatte, nachdem ein Aufsatz aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. Februar 1975 auszugsweise in der Atlas World Review als ´Looking down on Science Fiction: A Novelist's Choice for the World's Worst Writing´ übersetzt worden war.“ (Rottensteiner in: Marzin 1985, S. 78). Lem selbst stand seinem Ausschluß relativ gleichgültig gegenüber.

  39. Nur in den „Science Fiction Studies“ konnte Lem seine theoretischen Werke auszugsweise in Englisch veröffentlichen. Das deutsche Dependant dazu ist der „Quarber Merkur“ des Österreichers Franz Rottensteiner, der Lem der hiesigen Öffentlichkeit präsentierte.

  40. An dieser Stelle muß eine Lücke in der Definition geschlossen werden: es gibt anspruchsvolle Werke, die sich hauptsächlich auf eine Motiv- und Textvariation konzentrieren, ohne dabei trivial genannt werden zu können. Ein Beispiel dafür ist die Kurzgeschichte Lems „Die Patrouille“ (In: Lem 1976, S. 7 - 31). Das SF-Motiv ist ein einfacher Raumpatrouillenflug: Pirx jagt einem Lichtpunkt auf seinem Radar nach und verliert sich beinahe in der Unendlichkeit, bis er sich schließlich dazu zwingen kann, aufzugeben. Eine Untersuchung seines Raumschiffes ergibt, daß der Lichtpunkt eine technische Störung war. Die Geschichte klingt zunächst banal, entscheidend ist aber wie Pirx zwischen Jagdfieber und Vernunft hin- und hergeworfen wird. Schließlich siegt bei Pirx die Vernunft; zwei seiner Kollegen hatte die gleiche Situation das Leben gekostet. Die Intention ist die Darstellung des Menschen in einer Extremsituation und sein Entwicklungsprozeß zu einer Entscheidung, insofern weist das Abenteuer über sich hinaus.

  41. Gerade das „Kloning“ ist schon kein SF mehr: am 25. Oktober 1993 wurde in den USA das erste Menschen-Kloning durchgeführt, auch wenn der Klon das Zellstadium nicht überlebte. Das Klonen von Tieren gehört bereits zum Handwerk. Für die Idee des Klonens gilt die gleiche Grundidee wie in 6. für den künstlichen Menschen.