Albert Almering

SF im Allgemeinen und Lem im Besonderen

(Examensarbeit)

3. Carl Amery: „Das Königsprojekt“

3.1. Das Motiv der Zeitreise
3.2. Kirche und Welt: Der regressive Ansatz
3.3. Geschichte als „Geschichte der Sieger“

Auf die Frage, wie er bei der Konzeption eines neuen Romans vorgehe, antwortete Amery: „Meistens brauche ich zwei kritische Massen, zwei Stoffelder, die zusammenschmelzen, also im Fall von „Königsprojekt“ das vatikanische Komplott, der James Bond des Vatikans mit seiner Zeitmaschine und diese bayrische Gaudi...“ (Amery-Interview 1995, S. 1) Beide „kritischen Massen“ sollen bei der Untersuchung berücksichtigt werden. „Das Königsprojekt“ ist zunächst ein Roman mit „katholischer Thematik“ (vgl.: Amery 1967, S. 108-119).

Aus dem Nachlaß Leonardo da Vincis[71] gelangt eine Zeitmaschine in den Besitz der Kirche, die der Vatikan über Jahrhunderte hinweg benutzt, um die Geschichte in seinem Sinn zu ändern. Soldaten der Schweizer Garde werden in die Vergangenheit geschleust, um dort so unauffällig wie möglich zu operieren; diesen Operationen ist nur sehr begrenzter Erfolg beschienen. 1688 beginnt daher ein auf lange Sicht angelegtes Projekt, das Progetto Reale (Königsprojekt), von dem nicht einmal der Papst unterrichtet wird. Die Abspaltung der Anglikanischen Kirche soll dadurch unterbunden werden, daß der Anspruch der Wittelsbacher auf den schottischen Königsthron durchgesetzt wird, um in England das katholische Königshaus zu etablieren.

Nachdem Doensmaker von der „Theoretischen Abteilung“ des Projektes die englischen Jakobiten geprüft und für zu schwach befunden hat, entscheidet man sich nicht für die englisch - schottische Version, sondern zunächst nur für eine rein schottischen Erhebung. „Eine solche Aktion ist in Vorbereitung, und zwar zeichnet sich die Zusammenarbeit des lokalen Clans McLaubhraigh mit loyalen Einheiten bayrischer Gebirgsschützen und Veteranen ab.“ (KP, S. 77) Der erwähnte Clan vergibt Mitgliedschaften als touristische Attraktion. Die oben genannten „kritischen Massen“ beginnen zu verschmelzen.

Im „Königsprojekt“ verbünden sich schottische und bayrische „Provinzler“ zu einer gemeinsamen, anachronistischen Armee. Die schottische und bayrischen Provinztraditionen werden im Roman durch „Seumas“ Jimmy Krauthobler, den Jungunternehmer, der eine Mitgliedschaft im oben genannten Clan erwirbt, über das bayrische Herrscherhaus verknüpft. „Der Provinzler ist, im ganzen gesehen, politisch und sozial leistungsfähiger als der Großstätter.“ (Amery 1967, S. 51), schon deswegen, weil in der Provinz das Interesse an der Politik an (persönlich) bekannten Personen festgemacht werden kann. „Ja, der Provinzler ist schicksalsgläubig.“ (Amery 1967, S. 53) Amery spottet dieser naiven Schicksalsgläubigkeit[72], die zu blindem Aktionismus führt, aber mit spürbarer Zuneigung, indem er die Personen als Originale erscheinen läßt. Wie Lem mit Polen ist Amery eng mit Bayern und bayrischer Geschichte - auch mit ihren Skurrilitäten -  verbunden. Dieser Aspekt wäre eine eigene Untersuchung wert; im folgenden soll aber vor allem die Darstellung der Beziehung von Kirche und Welt (3. 2.) und Amerys Geschichtsauffassung (3. 3.) im Vordergrund stehen. Unter diesem Gesichtspunkt müssen auch die ausgiebigen Abenteuerhandlungen (die Schatzsuche White-Footlings alias Füßli, die Geschichte des Lia Fail, des Krönungssteins und der schottische Aufstand, u. v. m.) in den Hintergrund treten.  

Das „Königsprojekt“ endet vor allem durch die Sabotage Doensmakers ohne Erfolg; in einem geheimen Unterprojekt „Genesis 7“ wird der Krönungsstein durch Füßli auf sein Geheiß an einem Ort deponiert, an dem sich zum Zeitpunkt der Invasion ein Stausee befindet. Damit wird es unmöglich, den schottischen König zu krönen.

Die Invasionstruppen, am Stausee angekommen, stürzen sich in die Fluten und gehen in das Sagenreich Avalon ein, wo sie auf Artus, Ludwig II. und viele andere treffen.

Füßli, Flora und Prinzregent Charles Edward, der gealtert und heruntergekommen aus dem Sagenreich aufersteht, haben gemeinsam das Ende der Invasion beobachtet; Füßli zu Flora: „... unsere Ideale pflegen mit uns zu altern. Der Prinz war vierundzwanzig, als du dich in ihn verliebtest.“ (KP, S. 265) Die Geschichte der Verlierer erweist sich als edelmütiger Einsatz für Ideale, der letztlich für den Verlauf des Hauptzeitstromes ohne Konsequenz bleibt. Die Realität des Lesers bleibt am Ende des Romans unverändert.

Der Roman ist unterteilt in drei Bücher, die aufeinander aufbauen: „Die Schlüsselsoldaten“, „Flora oder Der gespaltene Fels“ und „Aphallijn“.

Im ersten Buch wird überwiegend das Projekt vorgestellt, das zweite behandelt die Desertation und die Abenteuer Füßlis, seine Begegnung mit der schottischen Patriotin Flora und die Intrigen innerhalb des Klerus (die „Spaltung des Felsens“ in Anlehnung an den Petrus-Mythos). Der dritte Teil beschreibt die mythisch-verklärte Invasion Schottlands durch die „Allied Jakobite Forces“ AJF (und ihre pragmatische Präsentation durch die Medien), an ihrer Spitze Flora: „Freue dich, Enkelin des Amphlett Fionnaghal, Erbin des Fionnaghal MacDonald, der Retterin des Righ nan Gaidheal! Vorbei sind deine bitteren Tage: die Jahrzehnte des Schweigens, der entmannenden Vorsicht, der taubstummen rechnenden Vernunft.“ (KP, S. 205) Die Sprache an dieser Stelle erinnert zugleich an Bibelpsalme und an Artus-Mythologie (nicht umsonst hat Amery dem dritten Buch einen Auszug aus Tennysons „Morte D`Arthur“ vorangestellt). Aus der zuvor beschriebenen dogmatisch-römischen Kirchenpraxis wird ein heidnisch-keltisch-christliches Element extrahiert; Amery weist damit auf einen besonderen, wenig beachteten Zug des christlichen Abendlandes hin: die Vermischung von christlicher Lehre und Herrschaftspraxis (vgl.: 3.2.).

Das mythisch-anachronistische Ereignis, die „Invasion mit Stutzen und Breitschwertern“ wird zur Kontrastierung von einem Medienspektakel begleitet: „Wir werden nun dieses romantische Schauspiel für Sie weiterverfolgen und versuchen, einige der Beteiligten, welche eine lebendige Tradition unseres Königreiches so wirksam in Szene setzten, einzeln zu interviewen.“ (KP, S. 207) Die von Idealen getragene Invasion trifft nicht auf einen ebenbürtigen Gegner, sondern wird von Anfang an von den Medien kontrolliert und rationell als Entertainment verarbeitet. Die Idealisten sind die glorreichen Verlierer (vgl.: 3.3.).  

Amery überläßt dem Leser die Zuordnung des Romans zu einer bestimmten Gattung; er selbst schlägt die Bezeichnung „Lügenroman“ vor. Heinrich Böll bezeichnete ihn (nach dem Klappentext) in „Die Zeit“ als „Superkrimi“, obwohl diese Bezeichnung dem Werk kaum gerecht wird, denn nicht Verbrechen, sondern Politik bestimmt die Handlung.

Peter Kurtz bemüht sich, mit dem von Heinrich Keim entlehnten Begriff der „Bricolage“, der Transformation partieller Strukturen anderer Gattungen, Amery vor dem Signum SF zu bewahren:

„Mit diesem Begriff  lassen sich Grenzfälle der Science-fiction, wie Amerys KP (d.h. „Königsprojekt“, AA.) besser beurteilen: Requisiten der Science-fiction können übernommen werden, ohne daß der Roman zwangsläufig zu einem Science-fiction-Text mutiert.“ (Kurtz 1992, S. 58 Fußnote)

Die Frage, warum es gilt, eine solche „Mutation“ zu vermeiden, läßt er dabei offen, zumal Amery einer solchen „Ehrenrettung“ eher gleichgültig gegenübersteht. Letztlich ist die Verwendung des Zeitreisemotivs in Verbindung mit dem Requisit der Zeitmaschine, die im Text ihre eigene Geschichte hat, zentral genug, um den Roman als SF zu kennzeichnen[73]; die Maschine läßt sich auch nicht, wie Kurtz es in anderem Zusammenhang vorschlägt, durch ein anderes Requisit (die Einnahme von Drogen, vgl. Kurtz 1992 S. 37) ersetzen, ohne daß der Text maßgeblich verändert werden müßte. Form und Funktion bilden damit eine untrennbare Einheit: Dingmotiv und Strukturmotiv sind zwar nicht identisch, aber inhaltlich fest miteinander verbunden.

3.1. Das Motiv der Zeitreise

1895 verwendet Wells das Motiv der Zeitreise erstmalig in dem berühmten Roman „The Time Maschine“ (Wells 1974, dt. Übersetzung). Wie bei Wells[74] ist die Zeitreise bei Amery ebenfalls zyklisch: bis auf eine Ausnahme kehrt die Zeitmaschine immer an ihren Ausgangsort zurück, als ob sie niemals fort gewesen wäre.

In „The Time - Travel Story and Related Matters of SF Structuring“ (Lem in: Rose 1976, S. 72-88) arbeitet Lem Unterkategorien für die Zeitreise heraus; sein theoretischer Ansatz  kann auf das „Königsprojekt“ in zweifacher Weise angewendet werden:

1. als „tiers in time“ (Lem in: Rose 1976, S. 80): der Protagonist Füßli vollzieht mittels MYST mehrere Zeitsprünge, in deren Verlauf er eine persönliche Entwicklung erlebt, denn er verliebt sich in der Vergangenheit und desertiert schießlich

2.  als „gouvernments in time“ (Lem in: Rose 1976, S. 81): eine Regierung, in diesem Fall der Vatikan, versucht, die Geschichte mittels des Zeitsprunges in ihrem Sinn zu beeinflussen.

Bei Amery führt die Zeitreise nicht nur zu Frakturen des Zeitstrahles[75], vielmehr sind diese Frakturen das Ziel der Reisen (in anderen SF-Romanen müssen sie unbedingt vermieden werden, was dann in der Regel nicht gelingt: ein kleiner Fehler führt zu unübersehbaren Konsequenzen[76]). Zeitlinien werden durchbrochen, gleichzeitig aber auch historische Quellen gefälscht, um keine Komplikationen für Gegenwart und Zukunft herbeizuführen.

Die Aufgaben des Schlüsselsoldaten Füßli lassen sich auf drei Gebieten fixieren: die Eleminierung unliebsamer historischer Personen, die Zeugung von Stammhaltern[77] bestimmter Herrschaftshäuser und schließlich die Korrektur der Quellen „vor Ort“.

Die Zeitreise in SF-Romanen wird sowohl als spielerisches Element der Verfremdung[78] verwendet, als auch um größere historische Entitäten neu zu arrangieren; im oben genannten Roman landet bei Wells der Protagonist mit seiner Zeitmaschine schließlich in einer Märchenwelt, in der er um sein Leben und eine Frau kämpfen muß (das individuelle Abenteuer), um bei dieser Gelegenheit auch die zukünftige Menschheit vor dem Verfall in die tiefste Dekadenz zu bewahren.

Bei Amery wird die Zeitreise zum Funktionsträger einer Idee, die in 2.2. beschrieben wurde; ihre rationale Begründung beschränkt sich darauf eine Erfindung Leonardo da Vincis zu sein - der historisch nachweisbar gelebt hat. Eine naturwissenschaftliche Erklärung des Phänomens wird nicht versucht, entscheidend ist die Veränderung der Perspektive auf „historische Wahrheiten“. Im „Königsprojekt“ geht es um den mühevollen Versuch, eine Alternativwelt durch jahrhundertelange Vorbereitung einzuleiten, indem die kausalen Zusammenhänge geändert werden. Ein plötzlicher großer Bruch in der Geschichte ist unmöglich durch die für das Werk geltende PPPP-Regel[79]; ein rationales Element ist somit die Gebundenheit an eine Quellenlage, die verhindert, daß die Geschichte sich in Beliebigkeit auflöst.

Die kleinen Brüche im Zeitkontinuum versinken aber im großen Zeitstrom, der seinen Lauf beibehält.[80] Die Ermordung Luthers beispielsweise wäre ein so eklatanter Verstoß gegen die unübersehbare Quellenlage, daß er nach den Regeln des Romans ausgegrenzt wird.[81]

In Abbildung 1. wird versucht, das Modell der Zeitreisen im „Königsprojekt“ nach Gottwald (vgl.: Gottwald 1990, S. 105) zu verbessern. Das Schaubild beschränkt sich ausschließlich auf die Zeitreisen, die direkt zur Texthandlung gehören; Reisen, von denen nur „berichtet“ wird, werden nicht berücksichtigt. Zudem befindet sich chronologisch zwischen der Reise aus dem Jahr 1564 zurück in die Gegenwart und der Reise in das Jahr 1927 eine Reise aus dem Jahr 1746 in die Romangegenwart; diese findet bei Gottwald keine Erwähnung, ebensowenig wie die Begegnung Füßlis mit sich selbst im Jahr 1953. Kurtz bemerkt kritisch zum Schema Gottwalds: „Daher gelangt sie zu dem mißverständlichen Schluß, Füßlis Zeitreisen ermöglichten `einige zirkuläre Erzählstrukturen´, wobei nur Handlungsstrukturen gemeint sein können.“ (Kurtz 1992, S. 39) Statt des Begriffes „zirkuläre Struktur“ bevorzugt Kurtz die Bezeichnung „zyklische Struktur“, der stärker den Aspekt der Wiederholbarkeit im Erleben von Zeit unterstreicht (vgl. Kurtz 1992, S. 39, Fußnote 45). Dieser Aspekt wird durch verschiedene Tautologien im Text unterstrichen.   

Die Struktur der Zeitreisen ist also zyklisch[82]; die Reisen sind ineinander verschachtelt und durch Pausen in der Romangegenwart unterbrochen. Nach seinem letzten Auftrag bleibt Füßli in der Vergangenheit und schickt die Zeitmaschine leer zurück. Wohlhabend lebt er in der Verzögerung des Zeitkreises 27 Jahre der „Echtzeit“, bis er sich schließlich im Jahr seiner Abreise selbst begegnet. Diese Begegnung wird im „Königsprojekt“ an zwei verschiedenen Stellen und aus zwei verschiedenen Perspektiven geschildert: am Anfang des Romans, als der noch idealistisch an das Projekt glaubende Füßli seinem gealterten alter ego begegnet und ihn/sich nicht erkennt und später, als der dem Trunk ergebene Füßli (jetzt unter dem Namen Fürst Araktschejew), der über die Zukunft des jüngeren Bescheid weiß, diesem an gleicher Stelle wiederbegegnet (vgl.: KP, S. 53 - 55).[83] Ein zweites, typisches SF-Motiv verwendet Amery hier für eine Nebenszene: die Duplizierung eines Individuums (vgl. 2. 4. Motiv). Die Duplizierung ist aber dem Motiv der Zeitreise untergeordnet und wird nicht mit einer eigenen Problematik verbunden. Das tautologische Element[84] wiederholt sich noch verschiedentlich: So wechselt der Gangster Tony Barello seinen Namen in Garetti, weil ihm gegenüber Füßli im Jahr 1927 seinen späteren Freund Fabio Garetti aus dem Jahr 1954 erwähnt hatte; tatsächlich ist der Sohn des Gangsters mit dem späteren Freund Füßlis identisch. In Momenten wie diesen überschlägt sich die Logik der Kausalzusammenhänge, denn Fabio Garetti existierte ja bereits vor der Zeitreise Füßlis im Jahre 1954. Durch die Zeitreise wird die Ursache für die Namensgebung Garettis aufgedeckt, die Existenz / Nichtexistenz der Person hängt aber nicht von der Zeitreise ab. Die Wirksamkeit der Zeitkorrektur wird in diesem Zusammenhang zweifelhaft, denn es scheint, daß der Hauptzeitstrom so tief in seiner Bahn verankert ist, daß auch die Existenz einer Zeitmaschine in ihn intergriert wird, nicht aber im Gegensatz zu ihm stehen kann. 

Wie Lem spielt Amery in seinen Zeitreisen mit den Möglichkeiten von Wahrscheinlichkeit und Zufall: am Anfang des Romans will sich Enigmatinger umbringen und springt von einer Anhöhe in das offene Cabrio des Zuhälters Garetti; am Ende des Romans bringt er sich tatsächlich an derselben Stelle um: Garetti, wieder beteiligt, hat seinen Wagen gegen einen geschlossenen Wagen getauscht, so daß der Fall Enigmatingers diesmal nicht durch die Sitzpolster gefedert wird.

Die Behandlng des Zufalls realisiert sich bei Amery durch die Vielzahl der „Kreise“, die geschlossen werden, als Erfüllung einer Vorsehung, eines Schicksals. An dieser Stelle zeigen sich besonders die unterschiedlichen Voraussetzungen, mit denen die Autoren Lem und Amery ihre Handlungen gestalten: Lem ist bestimmt durch seinen Glauben an ein probabilistisches, Amery an ein vorgezeichnetes Schicksal.  

Die letzte im Roman erwähnte Zeitreise ist linear mit einem Zwischenstopp: der Vatikan schickt Füßli einen Mörder, Defunderoll, einen ehemaligen Kollegen Füßlis, nach, der sich im Energiefeld der Maschine selbst erschießt. Daraufhin verschwindet die Maschine mitsamt dem toten Mörder in grauer Vorzeit und wird zerstört. Hier endet der Roman.

Der Forderung von Gottwald (Gottwald 1990, S. 107), daß „die unkontrollierte Schaffung von Alternativwelten sorgsam vermieden“ werden sollte, kommt Amery mit einer für den Roman geltenden Regel entgegen, die definiert, daß die Geschichte nicht im Widerspruch zur Quellenlage geändert werden kann. Letztlich ist es Aufgabe der Theoretischen Abteilung, die Quellenlage zu fälschen.

Hartmut Lück beschreibt, daß sich die nicht-realistische Verknüpfung eines Motivs (wie die MYST-Maschine) in eine „realistische“ Erzählwelt  unter dem Terminus „Fantastik als Methode“ zusammenfassen läßt. Was aber danach geschieht, ist häufig umso realistischer im hier entwickelten Sinne von Realismus als „gewußte Gesellschaft.“ (Lück 1977, S. 317) Die Bedeutung dieses etwas unscharfen Ausdrucks „gewußte Gesellschaft“ gibt Amery mit klaren Worten wieder: „Wer weiß, wenn etwas anderes passiert wäre, das ist also die Substanz von fast allen meinen Romanen.“ (Amery-Interview 1995, S. 4) Die in der Geschichte nicht genutzten Potentiale sind es, die ihn interessieren - im folgenden Kapitel geht es um die nicht genutzten Potentiale der Kirche.

3.2. Kirche und Welt: Der regressive Ansatz

In diesem Kapitel soll die erste „kritische Masse“ (vgl. 3.) näher untersucht werden: das „vatikanische Komplott“ (Amery-Interview 1995, S. 1). Die Ähnlichkeit mit tatsächlich vorhandenen Tendenzen in der katholischen Kirche ist nicht zufällig: „In unserem Land bejaht der Katholizismus formell die demokratischen Spielregeln, die Staat und Gesellschaft bereitstellen; aber ob die Mehrheit der bien-pensants innerlich zu den Inhalten der Demokratie Ja sagen, ist immer noch sehr fraglich.“ (Amery 1967, S. 8)

In der Auseinandersetzung von Kirche und Welt hebt Amery besonders zwei Konfliktpunkte hervor, die einem gegenseitigen Verständnis entgegenstehen:

1. Die emotionale Ablehnung jeglicher Form des Sozialismus aufgrund ideologischer Schranken; seit der fortschreitenden Auflösung des Ostblockes ist dieser Konflikt weitgehend aus den Medien verschwunden, doch 1967 ist dieses Thema in der Diskussion der Gesellschaft sehr präsent.

2. Das entscheidende Hindernis sieht Amery aber im überkommenen Vorsehungsbegriff der Kirche. Er wird durch den Glauben unterstützt, daß es nicht die Sache des Menschen ist, „die großen Linien der Geschichte zu bestimmen, vor allem die Linien unserer zukünftigen Geschichte“. (Amery 1967, S. 11) Ein Resultat dieser Denkrichtung ist die weiterhin vertretene Ablehnung der Geburtenkontrolle.  

Im „Königsprojekt“ hat sich eine kleine Gruppe des Vatikans von einer fixierten Vorsehung losgesagt, ohne dabei die regressive Haltung zu verlieren. Beseelt von einer realpolitischen Strategie hat sie sich zum Ziel gesetzt, die Geschichte auf den vorgesehenen Weg zurückzuführen. Diese Gruppe verbindet den ihr eigenen Vorsehungsglauben und sie bekämpft den Kommunismus, um ideologisches Einflußgebiet zu sichern[85]:

„- `Holy smoke, Father, sehen Sie sich doch den Blödsinn an, den diese Roten verzapfen, ist doch alles gegen die menschliche Natur, wer möchte sowas schon, aber sie sind doch im Vormarsch, und sie sind so verdammt sicher ... it all fits in. Da war diese römische Republik unter Mazzini, und der war ein Freund von Karl Marx, ein ganz enger, nächtelang haben die miteinander diskutiert, habe ich selber gecheckt, Father. Die haben doch den Leonardo, die Kommies. Ohne den kämen die doch gar nie hinten hoch...`

- `Einen Augenblick. Sie nehmen also an, daß die größte Waffe Leonardos in der Hand des Feindes ist?`“ (KP, S. 27)

Der Dialog findet zwischen Dr. Enigmatinger, dem amerikanischen Rechercheur der Theoretischen Abteilung und Doensmaker, ihrem Leiter statt. Letzterer kann Enigmatinger beruhigen: die „Waffe“ ist nicht in den Händen der Kommunisten, der Rechercheur war auf eine unvollständige Quelle gestoßen, die ihn zu den oben genannten Befürchtungen führte. Auffällig in dem Dialog sind vor allem die Begriffe „Waffe“ und „Feind“: MYST wird als Instrument eines ideologischen Kreuzzuges verstanden, der sich in der Romangegenwart primär gegen die Ausbreitung des Kommunismus richtet, zuvor sich aber auch gegen andere Ziele wandte. Der evangelischen Kirche wurde in der Beseitigung Luthers (vgl.: KP, S. 98) die Grundlage zu entziehen versucht; der Abspaltung der Anglikanischen Kirche sollte durch die Stärkung des Jakobismus entgegengewirkt werden. In den Versuchen, die Kirche auf eine einheitliche Linie zu einen, spiegelt sich der oben genannte zweite Konfliktpunkt wieder: die Vorsehung wird so gedeutet, daß es nur eine einzige, katholische Kirche geben kann.

Amery unterscheidet eine progressive und eine reaktionäre Strömung innerhalb der katholischen Kirche; die letztere beschränkt sich auf ein mahnendes Warnen vor Geburtenkontrolle, Sittenverfall, Sozialismus und vielem mehr. Die reaktionäre Haltung ist (nicht zuletzt durch die weltliche Publizistik) prägend für das Bild der Kirche vor allem in der westlichen Welt. Die progressive Haltung dagegen ist durch ihre Zwiespältigkeit weit interessanter: wie weit geht die Kirche in der Anpassung an weltliche Verhältnisse?[86]

„Si pensiamo in seculi“ (ital.: „Wir denken hier in Jahrhunderten“) ist eine Redensart der kurialen Gruppe der Integralisten[87]. Mitglieder dieser Gruppe haben als Projektgruppe CSAPF im Roman den Auftrag „zur Reinigung der Quellen“ angenommen; es bleibt allerdings die gesamte Handlung über bewußt unklar, wer diesen Auftrag überhaupt erteilt hat.

„Die Integralisten weisen darauf hin, daß schließlich nicht die Kirche der Welt, sondern die Welt der Kirche weggelaufen sei.“ (Amery 1967, S. 25). Scherzhaft unterscheidet Amery die Rückschrittlichen und die Fortschrittlichen in der Kirche so: die Fortschrittlichen sind „für die Pille und gegen die Bombe“ und die Rückschrittlichen sind „gegen die Pille und für die Bombe.“ (Amery 1967, S. 19). Zu letzteren zählt er auch die Integralisten, die die totale Zerstörung einer Auflehnung gegen die Kirche vorziehen (Amery 1967, S. 21/22). Die Kritik am Integralismus macht Amery besonders an dem inneren Widerspruch fest, daß es eine bis zum „Jüngsten Tag“ fixierbare Version des Katholizismus gebe; dabei ist der Integralismus selbst ein „Spätprodukt“, das Ergebnis von Reformation und Gegenreformation.

Bezeichnend ist ebenfalls, daß in dieser Zeit, der beginnenden Neuzeit, auch eine Missionierungsbewegung begann und nicht schon nach früheren Kirchenkonflikten. Somit kann der Einsatz der MYST auch als „Mission zurück in der Zeit“ gesehen werden. Der Integralismus selbst war eine Waffe gegen die Reformation, die das Erbe des mittelalterlichen Papsttums anzutreten versuchte.

Zur Zeit des Romans ist Papst Pius XII. (von 1939 bis 1958) im Amt; er galt als „politischer“ (er unterstützte offen die Frankisten!), aber auch als „moderner“ Papst, da er sich technischen und organisatorischen Fragen widmete und die „Betriebsführung“ erneuerte. Seine Art der Reaktion war fortschrittlich im oben genannten widersprüchlichen Sinne: „Wir haben neuen Dingen keinerlei Befürchtungen entgegenzuhalten, insofern es sich ausschließlich um die praktische Seite des Lebens handelt.“ (Amery 1967, S. 26). Seine Fortschrittlichkeit bezog sich auf die Mittel, nicht aber auf die Lehre. Sein Nachfolger, Papst Johannes XXIII. dagegen war auch auf einer tiefer reichenden Ebene nicht der Dynamik der modernen Welt verschlossen und forderte Offenheit und eine Unterscheidung der Geister im Sinne einer toleranten Grundhaltung. So widmete er sich auch den Theorien des Marxismus als Protestform gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung; das System an sich lehnte er ebenso ab, wie seine Vorgänger.

„Aggiornamento“ definiert Amery weder als Anpassung noch als Modernisierung; er fordert mit ihm die Erweiterung des mittelalterlichen Begriffs der Christenheit auf eine „Weltchristenheit“.

Amery sieht diesbezüglich vor allem im römischen Zentralismus eine Gefahr, der einen großen Teil der Schuld an der Unflexibilität der Kirche in der Welt trägt (vgl.: Amery 1967, S. 24). Echter Fortschritt kann seiner Ansicht nach nur von unten nach oben durchgeführt werden[88], ausgehend von einem regionalen und nationalen Katholizismus; als Beispiel seiner Zeit nennt er die französischen Arbeiterpriester, deren Engagement vom Papst abgelehnt wurde[89]. Amery beklagt das Verschwinden des Sakralen aus der Gesellschaft, durch das eine Lücke entsteht, die nur durch unzulängliche Surrogate (beispielsweise durch Okkultismus, aber auch durch das Konsumverhalten) gefüllt wird. Einen wesentlichen Faktor für das Entstehen eines solchen Vakuums hat Amery im „Königsprojekt“ in der Haltung der Kirche zur Welt versucht aufzudecken: „Nun, ich muß gestehen, es tut einem einfach leid, wenn so viele wunderbare alte Werkzeuge nicht mehr verwendet werden können, weil sie in diesen blödsinnigen Zusammenhängen stehen.“ (Amery-Interview 1995, S. 10). Diese „Werkzeuge“, die ursprünglich zur Selbsterkenntnis und zur sinnvollen Lebensführung dienen sollten, konnten leider nur allzu leicht als Herrschaftsmittel mißbraucht werden: „Wenn Sie vergleichen wollen, wie statisch die griechischen Tempel geblieben sind, ist das Christentum, das uns zugestoßen ist, eine ungeheure Dynamik mit einem ungeheuren Perversionspotential ...“ (Amery-Interview 1995, S. 9). Das „Perversionspotential“ hat den Vorteil, die Kirche flexibel auf die Veränderungen in der Welt reagieren lassen zu können, aber auch den Nachteil, daß die christliche Lehre und ihr Mißbrauch oft nur schwer voneinander zu unterscheiden sind.  

3.3. Geschichte als „Geschichte der Sieger“

Wie bereits festgestellt wurde, haben historische Themen bei Amery einen besonderen Stellenwert. Aus dem Fundus der Geschichte hat er sich zwei „kritische Massen“ (vgl. 3.) ausgesucht, die im „Königsprojekt“ zum Verschmelzen gebracht wurden. Die erste „Masse“, die offensichtlich zentraler ist, wurde im vorigen Kapitel untersucht; der zweiten „Masse“, die „bayrische Gaudi“ soll kein eigenes Kapitel gewidmet werden, da sie vorwiegend kontrasierende Funktion hat. Gegenstand dieses Kapitel soll bereits das „Verschmelzungsprodukt“ sein, die besondere Geschichtsdarstellung Amerys. In „Das Ende der Vorsehung“ untersucht Amery die Mechanismen von Wirkungs- und Erfolgsgeschichte; er wendet die eingangs nach Alexander Demandt eingeführten Prinzipien der Alternativgeschichte auf seine Interpretation der Kirchengeschichte an.  

Die Wurzeln zur Problematik des KP reichen weit zurück: seit der konstantinischen Wende ändert sich die Situation der frühen Christen von Grund auf; zwar sind sie zu dieser Zeit schon nicht mehr der strengen Verfolgung unterworfen, doch kommen sie nun in die Situation, sich selbst mit Macht auseinandersetzen zu müssen. Eine Konsequenz ist die Etablierung der Kirche als feste Institution; sie muß sich als Ganzes mit dem römischen Recht auseinandersetzen. Es bildet sich eine Hierarchie der Christen heraus, die Jesus seinen Anhängern immer verwehrt hat. Auf diese Weise öffnen sich für die Kirche zwei Fronten, eine äußere und eine innere. Das Christentum beginnt, eine weltliche Verantwortlichkeit mitzutragen: „Das uralte Problem der ´schmutzigen Hände´ ist hier zum erstenmal - und wohl in nie mehr schärferer Form - aufgetaucht.“ (Amery 1985 a, S. 55). Die innere Front gestaltet sich durch die bei Amery beschriebene Auseinandersetzung von Orthodoxie und Ketzertum, die im KP ihren Ausdruck in dem Versuch findet, die anglikanische Kirche „zu verhindern“. Die Anglikanische Kirche wiederum entsteht mehr aus den Heiratsprojekten Heinrichs VIII. und aus politischen, weniger aus kirchlichen Gründen: innere und äußere Fronten bedingen sich also auch gegenseitig. In „Das Ende der Vorsehung“ verfolgt Amery die Dialektik von Orthodoxie und Ketzerei in ihrer historischen Entwicklung (vgl.: Amery 1985 a, S. 54 - 71). Seine Ergebnisse könnten so zusammengefaßt werden: das „Heilige Büro“ der römisch-katholischen Kirche steht als Organisationsform im Widerspruch zur Lehre Christi, der eine Verfestigung in solchen Strukturen nicht gelehrt hat: „Trotz ihrer unabweichlichen Tendenz zur Kontinuität brachte es die Kirche nicht fertig, sich der Botschaft der Verheißung zu entledigen.“ (Amery 1985 a, S. 61). Aus diesem Paradoxon, daß die Kirche als Institution gerade durch ihr Fundament bedroht wird, erwächst ihre offensive Haltung gegen jede Form der Ketzerei, die sich dadurch definiert, daß sie die Amtskirche auf einen inneren Mißstand hinweist: „Für die Ketzer hat das Heilige Büro die Botschaft verraten, deformiert; aber für das Büro bestätigt die Ketzerei zusätzlich das Wirken des altbösen Feindes...“ (Amery 1985 a, S. 99).

Die innere Front wird damit von der Amtskirche als der äußeren Front zugehörig definiert. Im Romangeschehen gehört zu dieser äußeren Front, wie oben beschrieben, vor allem die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus. Die Konkurrenzsituation der beiden Systeme entsteht über der Gemeinsamkeit, daß beide an die Erlösbarkeit des Menschen glauben. „Geschichte ist ein ewiger Kampf zwischen Gut und Böse. ... Das latente soziale Unbehagen des Lesers verlangt nach einem Schuldigen, nicht nach Aufklärung über soziale Prozesse.“ (Pehlke/Lingfeld 1970, S. 86).

Die Lesersympathien konzentrieren sich im KP auf der Seite der naiv-komischen jakobitischen Invasionstruppen, die, berauscht vom Ruf der Geschichte, in Wirklichkeit aber im Intresse des Vatikans manipuliert, fest an ihre Sendung glauben: „Das ist natürlich die eingebaute Ironie von A bis Z. Die Ironie, die darin besteht, daß die keltische Phantasie sich die Wirklichkeit nicht gefallen läßt.“ (Amery-Interview 1995, S. 4) Entscheidend ist für Amery an dieser Stelle, daß der Zusammenhang zwischen dem Mythos um Ludwig II. und dem Prinz-Charly-Mythos verstanden wird: beide sind keltische Könige bzw. Prinzen. Motive der keltischen Geschichte ziehen sich durch den ganzen Text.

„Neben unheilvollen und segensreichen Folgen gibt es noch ein Drittes: überhaupt keine Folgen. Das Projekt könnte verschwinden, als wäre es nie gewesen.“ (KP, S. 103). Die Prophezeiung Sbiffo-Trullis[90] soll sich erfüllen: das Heer der schottisch-bayrischen Allianz versinkt in einem Meer des Mythos, Prinz Charly erweist sich als alter, verbrauchter Mann und die mächtige Waffe MYST verschwindet in einer fernen Vergangenheit, um dort demontiert und zu Schmuck verarbeitet zu werden.

Aufgrund der „Quellenlagentheorie“, die Amery als rationales Element in das Fundament seines Romans einfügt, bergen nur die „Leerstellen“ der Geschichte Möglichkeiten für Zukunftstendenzen. In dem Moment, wo in Rom die geheimen Protokolle der CSAPF gelöscht werden, wird das „Königsprojekt“ wieder zu einer Leerstelle: die „Verlierer der Geschichte“ verschwinden aus ihr im See Aphalijn - und vereinen sich mit der Welt keltischer Sagen.    

Der Hauptzeitstrang hat sich nicht geändert, so daß die „Wahrheit“ des Geschehens sich dem Leser dadurch präsentiert, daß in der Gegenwart keine Spuren des „Königsprojektes“ mehr zu finden sind. Amery benutzt einen logischen Kunstgriff in seinem Lügenmärchen: Fiktion und Wahrheit verschmelzen zu einer Einheit durch die geschickte Kombination tatsächlicher und erfundener Fakten der Geschichte (zum Beispiel die Erklärung der „Teufelserscheinung Luthers“ als Begegnung mit einem Zeitagenten, vgl.: KP, S. 98). Damit stellt er seine Satire auf ein wirklichkeitsnäheres Fundament als Lem, der sie in einen abstrakten Rahmen setzt und dann mit strukturellen Analogien zur Wirklichkeit satirisch-kritische Wirkung erreicht. Die analogischen Verbindungen haben bei Amery eine viel größere und auch explizit gekennzeichnete Verbindung zum bezichneten Objekt. 

Die offizielle Seite der Geschichtsschreibung wird im KP vertreten durch Doensmaker und Dr. Enigmatinger. Beide versuchen, die Geschichte auf einen Kurs einlenken zu lassen, der den Interessen der Kirche entspricht. Die Theoretische Abteilung entwirft eine Utopie nach den Prinzipien der Alternativgeschichte und MYST ist in der Lage, die Utopie umzusetzen, die darauf abzielt, die aus der Romangegenwart gesehene Zukunft der Kirche zu verbessern. Bei all den historischen Handlungsorten wird leicht übersehen, daß es innerhalb der Handlung um die Zukunft geht[91] und die Zukunft des Romans ist wiederum bereits die Vergangenheit des Lesers.

An dieser Stelle muß unterschieden werden zwischen weltlicher Utopie und kirchlicher Eschatologie: eschatologisches Denken ist zwar auf die Zukunft ausgerichtet, doch verleugnet es alternative Möglichkeiten zu dem als vorgezeichnet ausgegebenen Weg. Im „Königsprojekt“ wollen Kleriker dem Heilsplan Gottes nachhelfen. Die ironische Verschränkung der Elemente wird deutlich: regressive Kleriker haben Zweifel an der Richtigkeit des Geschichtsablaufs (den sie an Gottes Stelle deuten) und benutzen ein progressives, die moderne Technik übersteigendes Instrument, das wiederum selbst aus der Vergangenheit entlehnt wurde, um einer konservativen Denkweise aus der Reformationszeit zum Sieg zu verhelfen.

„Der Erfolg des Christentums besteht in seiner wirksamen Teilnahme am Aufbau eines Machtpotentials, das in den letzten Jahrhunderten insbesondere den Verlauf der Weltgeschichte bestimmt hat.“ (Amery 1985 a, S. 11). Mit dem Erfolg des Christentums ist aber nicht der Erfolg der Botschaft Christi gemeint, sondern der Erfolg der Kirche, der Theologie und des christlichen Sittengesetzts. In diesem Sinn ist die Entwicklung bis zur Gegenwart in den Augen der ersten Christen sicherlich ein völliger Mißerfolg, so urteilt Amery.

Durch die Zeit hinweg hat sich die Definition des Begriffs „Erfolg“ gewandelt: „Nicht das Erreichen ursprünglicher Ziele und Absichten ist das landläufige Kriterium des Erfolgs, sondern die Effizienz in der Durchsetzung gegenüber anderen Kräften.“ (Amery 1985 a, S. 12) und Peter Kurtz ergänzt: „Der Mensch kann die eigene Geschichte nur als Erfolgsgeschichte lesen, wenn und so lange er das Verlorene nicht berücksichtigt.“ (Kurtz 1992, S. 16).

Amery beschreibt und kritisiert das Christentum als Faktor im Zivilisationsprozeß; bewußt grenzt er sich dabei von drei bestehenden traditionellen Positonen ab:

1. der kirchlich-konservativen, die die Entwicklungen als Abfall von ewigen Wahrheiten deutet und die somit Weltuntergangsprognosen als logische Konsequenz hinnimmt,

2. die aufklärerisch-antichristliche Position in den verschiedenen Variationen, die das Christentum als Erbschaft der Unmündigkeit begreifen[92],

3. die christlich-progressive Position; sie deutet die Entwicklung des institutionellen Christentums als Mißdeutung der ursprünglichen Botschaft. Amery unterstützt diese letzte Ansicht, kann sich aber keiner der Positionen anschließen, da sie alle Geschichte als Kampf interpretieren. „Sie interpretieren das Christentum und seine Folgen letztlich nicht als weltlichen Gegenstand, sondern als Kampf zwischen Licht und Finsternis - wobei Licht und Finsternis je nach Standpunkt verteilt werden.“ (Amery 1985 a, S. 13).

Durch die Konzentration auf funktionale Elemente möchte sich Amery von der binären Trennung in Erfolg und Mißerfolg innerhalb einer geschichtsphilosophischen Betrachtung lösen. Auf ein Aufrechnen soll zugunsten einer objektiven Untersuchung von Ursache und Wirkung verzichtet werden.

Bei der Untersuchung des KP kann man sich von den drei zentralen Fragen leiten lassen, die Amery für die Untersuchung der christlichen Tradition aufgestellt hat:

„- Welche Vorstellungen der judäisch-christlichen Tradition haben sich im Kräfteparallelogramm der Geschichte durchgesetzt?

- Auf wessen Kosten erfolgte diese Durchsetzung? - Und vor allem:

- Welcher Kritik müssen sie heute, im Kampf um das Jahr 2050 oder 2100 unterworfen werden?“ (Amery 1985 a, S. 14, 15).

Zu den Vorstellungen, die sich in der christlichen Tradition durchsetzten, gehört zum einen die in der Genesis begründete Gottesebenbildlichkeit des Menschen und den daraus resultierenden Vorang gegenüber der übrigen Schöpfung; aus diesem Vorrang resultiert die Vorstellung, sich die Erde untertan machen zu müssen. Zum anderen entspricht das Nicht-Erreichen von Zielen der Erbsünde, so daß das Christsein mit einer permanenten Motivation verknüpft wird. Aus dieser überdimensionierten Motivation heraus versucht sich Enigmatinger am Anfang des Romans zu töten, weil er die „Waffe des Vatikans“ in den Händen der Kommunisten wähnt.

Die besondere Art der Motivation zeichnet das Christsein nicht zuletzt als kulturstabilisiernden Faktor aus, der sich dynamisch mit der Welt entwickeln kann; durch den Mißbrauch allerdings wird die Motivation auf falsche Ziele gelenkt. Im Roman wird Füßli  zum Mörder (vgl.: KP, S. 116).

Die naiven Helden der jakobitischen Revolution sind am Ende des Romans ebenso erfolglos wie die klerikalen Mitarbeiter des „Königsprojektes“, doch ihre Niederlage ist glorreich, da sie nicht im Gegensatz zu ihren grundlegenden Ideen handelten: „In Aphallijn aber empfängt Ossian die Helden der jakobitischen Revolution  - die verlorene Sache trägt immer den letzten Sieg davon.“ (KP, S. 273). In seinem letzten Roman „Das Geheimnis der Krypta“ läßt Amery eine besondere Wissenschaft durch seinen Protagonisten erfinden: die Sphagistik, eine Systematik der Niederlage:

„Der Held entwirft sozusagen diese Form der Geschichte und stellt diese These auf, daß die verworfenen Potentiale eine Dimension mehr sind, als der Strich, auf dem der Erfolg geht. Also, der Erfolg geht über den Tisch und rechts und links über die breiten Dimensionen fallen die Potentiale.“ (Amery-Interview 1995, S. 3,4) 

Auch wenn ihnen kein Erfolg beschieden ist, machen die jakobitischen Revolutionäre auf ein verloren geglaubtes Potential der Geschichte aufmerksam - in aller Öffentlichkeit und mit den einfachsten Mitteln.

Am Ende lösen sich die beiden kritischen Massen gegenseitig auf: das geheime vatikanische Komplott verschwindet samt seiner Maschine im Nichts und geht nicht einmal in die Geschichte ein. Die erfolglosen Revolutionäre dagegen haben zumindest den Kreis der keltischen Sagen erweitert - nicht umsonst wurden sie in eine Linie mit der Artus-Sage gesetzt, ohne die es nach Amery keine Romantik gibt (Amery-Interview 1995, S. 4) - und damit haben sie zur Überlieferung ihrer Idee beigetragen.              


FUSSNOTEN

  1. Nicht: Michelangelo, wie Gottwald angibt (vgl.: Gottwald 1990, S. 268 und KP, S. 17).

  2. So fühlt sich Jimmy Krauthobler schon von klein auf zu Höherem berufen, da ihm als Kind die Büste Ludwigs II. auf den Kopf fiel (vgl.: KP, S. 50).

  3. Erst in der Taschenbuchausgabe erschien auf dem Titelblatt die Bezeichnung SF; die frühere, gebundene Ausgabe war nicht so gekennzeichnet.

  4. Auch eine entfernte ideologische Verwandtschaft von Wells und Amery ist vorhanden: Wells war „Fabianer“, ein Mitglied eines sozialistischen Intelligenzclubs, der seine Literatur gegen die Einseitigkeit des Literaturbetriebes und für eine Umwälzung in der Industriegesellschaft einsetzen wollte. Der historische Kontext war natürlich noch ein ganz anderer.

  5. Im Gegensatz zur Zeitvorstellung  der Antike, in der eine zyklische Zeitstruktur bevorzugt wurde, benutzt man heute das Bild eines Strahls, um Zeit zu veranschaulichen.

  6. Ein Beispiel dafür ist der Film-Dreiteiler „Zurück in die Zukunft“, in dem es nur darum geht, die Zeit um 1955 wieder so in ihren Gang zu bringen, daß die Zeugung des Protagonisten erfolgt.

  7. Das Zuchtprogramm entschuldigt die Kirche zynisch mit der Tatsache, daß Füßli nach jeder Reise als Witwer in seine Zeit zurückkehrt und daher sich mit einer neuen Partnerin eilassen darf.

  8. Gottwald reduziert das Zeitreisemotiv schlicht auf diese Funktion: „Mit dem Zeitreisemotiv ist vor allem die spielerische Seite der SF angesprochen“ (Gottwald 1990, S. 63) Im „Königsprojekt“ hat dieses Spiel eine deutlich erkennbare Funktion auch in Bezug auf die Kritik Amerys. 

  9. „Sie trägt ihren Namen, weil die meisten alten Chroniken lateinisch geschrieben sind, und weil die Veränderung eines passiven Partizips des Perfekts (PERMUTATIO PARTICIPII PERFECTI PASSIVI)  in vielen Fällen genügt, um die neue, d. h. kaum bemerkbar veränderte Quellenlage zu sichern.“ (KP, S. 296)

  10. Umgekehrt ist es in Amerys Roman „An den Feuern der Leyermark“ Amery 1988); durch eine einzelne Ursache, das Überleben eines Gesellen in den Berliner Barrikadenkämpfen, kommt es zur Neuordnung Europas; Amery bezeichnet diesen Roman als eine „positive Utopie“ (Amery-Interview 1995, S. 5).

  11. Ein Attentäter versuchte, Luther zu ermorden: er entmaterialisierte sich einfach! (Vgl.: KP, S. 98/99) Die Basis der Regel wird nicht weiter begründet; sie ist ein empirischer Wert der Romanhandlung.

  12. „The causal circle may be employed not as the goel of the story, but as a means of visualising certain theses, e. g. from the philosophy of history.“ (Lem in: Rose 1976, S. 78)

  13. „For a real tautology to become a falsehood, the device of travel in time is necessary.“ (Lem in: Rose 1976, S. 74)

  14. Das Symbol für tautologische Ereignisse ist im Text Füßlis Übergabe eines Karneolringes an sich selbst: (im Gespräch mit Flora/der Fürstin Araktschejew) „ `Ich habe ihm meinen Karneol geschenkt.` `Du hast ihn am Finger` antwortete die Fürstin, wider Willen verzweifelt. Er lehnte sich zurück und lachte hoch und kindlich: `Stimmt. Stimmt beides...!`“ (KP, S. 231) Obwohl der Ring ein Unikat ist, entsteht das Paradoxon, daß er zur gleichen Zeit an zwei verschiedenen Orten sein kann (wie auch die Person Füßlis selbst); der Zeitstrom hat in Amerys Werk im Unterschied zu Lem Priorität vor der Logik. 

  15. Die Entscheidung gegen die Stuarts in England fiel fast 100 Jahre vor der Unabhängigkeitserklärung der USA. In der Romanhandlung wird die Konsequenz abgeleitet: „Damit liege auf der Hand, daß das Problem, welches die christliche Welt heute am meisten bewege, nämlich das Vordringen des marxistischen Atheismus und seiner halbherzigen Abwehr durch die sog. Freien Nationen, letzten Endes eine Konsequenz jenes Sieges des >Löwen< über das >Einhorn< sei.“(KP, S. 35) Zur Zeit der Romanhandlung neigte sich gerade die Stalin-Ära und damit eine besonders agressive kommunistische Periode dem Ende zu.

  16. Amery benutzt den Begriff des „aggiornamento“ (vgl.: Amery 1967,  S. 17 - 33), den man frei übersetzten könnte als eine Aktualisierung: Die Frage ist, ob diese Aktualisierung an der Oberfläche bleibt (z. B. eine Unterstützung der kirchlichen Verwaltung durch moderne Datenverwaltung, wie es bereits geschehen ist) oder auch in die Tiefenstruktur vordringt. Über letzteres wird im Folgenden zu sprechen sein.

  17. Füßli beschreibt in der Vergangenheit seinen Auftraggeber, ohne ihn nennen zu dürfen: „´Die Organisation, für die ich arbeite, ist nicht gern erfolglos´... ´Sie denkt in Jahrhunderten´“ (KP, S. 147) Seine Gesprächspartnerin Flora fragt ihn daraufhin, ob er Mafiosi sei.
    Es scheint Amery wichtig zu sein, daraufhinzuweisen, auf welchen kirchlichen Ansatz seine Kritik abzielt, denn der Satz „Si pensiamo in seculi“ wird im Text als begleitendes Motiv noch dreimal wiederholt (vgl.: KP, S. 148, S. 153 und S. 229).

  18. Das gleiche Prinzip gilt bei Amery auch für den politischen Bereich: er nennt es „politische Metastasen“ (Amery-Interview 1995, S. 8). Füßli kann seine Freiheit als Christenmensch nur auf der untersten Ebene, der des Individuums behaupten; er ist die einzige Person der Kurie, der das durch seine Desertation vollständig gelingt. Sbiffo-Trulli, Enigmatinger, Doensmaker erlauben sich kleine, private „Freiheiten“ innerhalb der zentralistischen, hierarchischen Strukter, der sie nicht entfliehen können und wollen. „´Jeder von uns´, murmelte Sbiffo, `jagt dennoch seine eigene Lust´“ (KP, S. 23)

  19. Ein aktuelles Beispiel ist die drohende Kirchenspaltung der Kirche Österreichs: zahlreiche liberale Priester haben sich zusammengeschlossen und wollen sich offen gegen autoritäre Kirchenfürsten im Land auflehnen. Im Visier steht vor allem der St. Pöltner Bischof Kurt Krenn, der seine Kirche streng nach den Weisungen des Vatikan führt und liberale Theologen bereits vom Dienst suspendierte.

  20. „... so wird uns auch der Gedanke wieder vertraut, daß der Antichrist e medio ecclesiae, aus der Mitte der Kirche aufsteigen kann oder könnte.“ (Amery 1967, S. 24) Die Gestalt des Sbiffo-Trulli wurde von Amery mit verschiedenen äußeren Kennzeichen des diabolischen versehen. „Der kleine Monsignore beugt sich vor, sein Schatten wird riesig und buckelig und gehörnt an der weißen Wand...“ (KP, S. 18) Am Ende des Romans, mit dem Verlust der MYST-Maschine, verliert er seine Macht und wird, aus der Kurie ausgestoßen, zu einem belachten Sonderling.

  21. Lems „20. Reise“ des Ijon Tichy ähnelt der Amerys in manchen Zügen; Lem schreibt eine Zeitreisegeschichte, in der die Mitwirkenden eine „Geschichte der Verlierer“ verursachen. Ijon Tichy wird Chef eines Projektes, das sich THEOHIPPIP nennt (Telechronistic-Historical Engenering to Optimize the Hyperized Implementation of Paleological Programming and Interplanetary Planning), ein Dependent zu MYST. Tichy ist nicht an die PPPP-Regel Amerys gebunden und verändert die Geschichte im großen Stil (er beginnt bei der Schöpfung). Dabei unterlaufen ihm nur Fehler, die die Welt zu dem entwickeln, was wir die Gegenwart nennen: der Mensch stammt vom Affen ab und ist nicht in der Lage zu Photosynthesieren; die Sterne hängen völlig ungeordnet am Himmel usw.. Durch eine Anhäufung menschlicher Unzulänglichkeiten ist die Welt so, wie wir sie kennen; Verbesserungsversuche sind zwecklos.

  22. Zu Vertretern dieser Position gehört auch Lem, der sich als Atheist weniger über den Glauben an die Existenz/Nichtexistenz Gottes definiert, als in der Ablehnung einer Einschränkung der Vernunft durch Dogmen.