Albert Almering

SF im Allgemeinen und Lem im Besonderen

(Examensarbeit)

4. Stanislaw Lem: „Kyberiade“

4.1. Märchenwelt und Zukunftswelt in den „Fabeln zum Kybernetischen Zeitalter“
4.2. Menschheit und „Roboterheit“: Auf der Suche nach Werten
4.3. „Experimenta Felicitologica“: Trurl und Klapauzius als ohnmächtige „Götter“

Die folgende Analyse orientiert sich an einer von Lem autorisierten deutschsprachigen Übersetzung, die 1983 vom Insel-Verlag herausgegeben wurde. Sieben der insgesamt fünfzehn Fabeln[93] erscheinen darin erstmalig in deutscher Sprache; die anderen wurden durchgesehen, eine neu übersetzt. Die Orginalausgabe „Cyberiada“ erschien 1965 in Kraków. Zur besseren Übersicht wird im Anhang eine Übersicht über die  Fabeln eingefügt.

Die „Robotermärchen“sind die literarischen Vorläufer zu „Kyberiade“. Bei ihnen wird schon im Titel angesprochen, was auch hier gilt: die Verwandtschaft von Märchen und SF (vgl. 4.1.).

Die Fabeln variieren in ihrer Komplexität; manche sind einfache Anekdoten, andere behandeln (sophistisch) philosophische Hypothesen über Ontologie, Metaphysik und Epistemologie. Zu den letzteren gehört die „Experimenta Felitiologica“ (15. Fabel), die man als die Kernfabel betrachten kann und die daher in 4. 4. gesondert betrachtet werden soll.

Die Idee einer technologischen Evolution entwickelte Lem bereits in dem Roman „Die Unbesiegbare“, dort steht aber noch der Mensch im Vordergrund, der sich mit einem kybernetischen Bewußtsein undefinierter Art auseinandersetzen muß[94]. Von diesem Anthropozentrismus (wie man ihn auch bei Wiener findet) wendet sich Lem in  „Kyberiade“ ab.

1950 erschienen in den USA drei Werke, die das Verhältnis von Mensch und Maschine entscheidend veränderten und an denen sich Lem später orientiert hat, sobald sie in Polen zu erwerben waren:

1. der Mathematiker M. A. Turing veröffentlichte „Computing Machinery and Intelligence“, die das Verständnis der Maschine als „technischem Sklaven“ zu einer Akzeptanz als dem Menschen beigeordnete Intelligenz  wandelte[95],

2. der Mathematiker Norbert Wiener prognostizierte in seinen Werken über Kybernetik[96], daß die Maschine ein Verbündeter des Menschen im heroischen, aber hoffnungslosen Kampf gegen das universelle Chaos sein wird,

3. der Biochemiker Isaak Asimov publizierte seine Kurzgeschichtensammlung „I, Robot“, in der die Roboter oft menschlicher erscheinen als die Menschen selbst; Lem verweigert allerdings den berühmten „Drei Gesetzen der Robotik“[97] Asimovs den Gehorsam:

„Denn intelligent sein, (Kommasetzung nach Orginal, AA.) heißt soviel wie: seine eigene bisherige Programmierung durch bewußte Willensakte, dem aufgestellten Ziel entsprechend, abändern zu können. Somit kann ein ´Roboter´ für alle Ewigkeit für den Menschen vollkommen ungefährlich bleiben, aber dann muß er auch gewissermaßen dumm sein.“ (Lem in: Barmeyer 1972, S. 170/171)[98]

Die Verständigung über künstliche Intelligenzen ist verwandt mit der Suche nach dem Kontakt mit „fremden Intelligenzen“ in anderen Romanen Lems: bei beiden entsteht der Eindruck, daß in der Gegenüberstellung mit dem „Anderen“ die Katharsis des Menschen erreicht werden  soll. In „Solaris“ und vielen anderen Romanen ist es der Protagonist, der dem „Alien“ begegnet, in „Kyberiade“ ist es der Leser selbst.     

Ein kybernetisches Zeitalter ist angebrochen. Die Protagonisten der Fabeln, Trurl und Klapauzius, sind allmächtige Konstrukteure und Erfinder, Träger der „Diplome zur Perpetualen Omnipotenz“, gleichzeitig aber auch gekennzeichnet durch „menschliche“ Schwächen[99]. Auf diese Weise wird der Leser über ihre nicht-menschliche Existenz hinweggetäuscht: sie selbst sind kybernetische Konstruktionen, deren Schöpfer nicht genannt wird[100]. In der vorwiegend von Maschinen bewohnten Welt, in der der Mensch nur als sagenhaftes Schreckgespenst erwähnt wird, erleben die beiden miteinander wetteifernden Helden Abenteuer und skurrile Situationen, die sich nach drei Kategorien[101] ordnen lassen:

> Fabeln über den Dialog mit der Maschine (die Fabeln 1 bis 3, auch 15, in der sich Trurl selbst im Computer simuliert)

> Fabeln, die sie auf (insgesamt sieben) Forschungsreisen zu anderen Zivilisationen führen (die Fabeln 5 bis 12) und

> Fabeln, in denen es um die „Beglückung“ einer bestehenden, oder von ihnen geschaffenen Welt geht (die Fabeln 14 und 15).

Eine zentrale Stellung nimmt die Tatsache ein, daß alle Versuche zu einer „vollständigen Beglückung“ mißlingen; dabei zeigt sich, daß der Mißerfolg um so schlimmer ist, je größer und allumfassender der Versuch angelegt war. „Der Ruhm jedoch hat es so an sich, daß er über Niederlagen gewöhnlich schweigt, sogar wenn die höchste Perfektion sie hervorgerufen hat.“ (Kyberiade, S. 175).

Somit wäre auch die Geschichte der Zukunft auch nur wieder eine Geschichte der Sieger? Vor diesem Hintergrund müssen positives und negatives Utopiedenken unterschieden werden: in der Gestaltung der Zukunft durch die Technik an sich erhält letztere ein positives Vorzeichen durch Lem, denn sie ist seiner Ansicht nach das bestimmende zivilisatorische Instrument. Dieses Instrument wird aber im Rahmen einer Aufklärung gedeutet, die versichert, daß die Wissenschaft an sich auf der „guten Seite“ steht. Die negative Seite zeichnet sich nicht dadurch aus, daß die Wissenschaft an sich das Vorzeichen „Gut oder Böse“ trägt, sondern erst ihre Verwendung in einem Kulturgefüge. In der so verstandenen gemeinsamen Kulturkritik nähern sich die Ansätze Amerys und Lems[102], trennen sich aber auf der Ebene der Lösungsvorschläge wieder (vgl.: 7. 4.).        

Viele Kritiker[103] behaupten, daß die Fabeln zu dem Besten gehören, was Lem je geschrieben hat: „In this cycle, Lem blends a number of Aristotelian features that tend to surface in small clusters in other volume.“ (Ziegfeld 1985, S. 82); Lem selbst wünscht diesem Werk vor allen anderen (auch den theoretischen), daß es ihn überleben möge, da es am besten Intellekt und Kunst verbindet (vgl.: Lem/Beres 1986, S. 200).

Die „Kyberiade“ verdeutlicht wie kein anderes seiner belletristischen Werke die Verbindung von schriftstellerischer Technik und philosophischer Weltanschauung Lems. Anders als in „Solaris“, Lems berühmtestem Werk, dessen Entstehung und Bedeutung er selbst nicht ganz erklären kann, sind die Konstruktionen der Fabeln analytisch entstanden.

Der Fabelzyklus bewegt sich auf drei Ebenen:

> spielerisch auf der Ebene der Kindergeschichte,

> auf der Erzählebene als Abenteuergeschichte (der Abenteuercharakter wird besonders bei den Reisen deutlich)

> und schließlich auf der Ebene der provozierenden Präsentation von Problemsituationen aus dem Themengebiet: Mensch - Gesellschaft - Kybernetik in satirischer Form. „Satire läßt sich weder spezifischen Gattungen noch Formen subsummieren, sondern ist allenfalls als Schreibweise zu begreifen. Ihre oberflächlichen Merkmale sind Ironie und Engagement“ (Pehlke/Lingfeld 1970, S. 114)

Die besondere Art der Verwendung einer Vielzahl von SF-Motiven zu dem genannten Zweck soll im nächsten Kapitel analysiert werden: zum Zweck der satirischen Darstellung montiert Lem an sich unvereinbare Elemente in einem anachronistischen Puzzle zusammen. Bemerkenswert ist, wie Lem die verschiedenen Regelsysteme verwandter, aber doch unterschiedlicher Genres zu einer Einheit zusammenfügt.

4.1. Märchenwelt und Zukunftswelt in den „Fabeln zum Kybernetischen Zeitalter“

„Ich kann nur feststellen, daß die `Robotermärchen` eine bloße Vorschule zur `Kyberiade` waren. Das ist an der chronologischen Abfolge zu erkennen, denn zuerst nahm ich das konventionelle Märchen zu Hilfe, und später kamen immer akrobatischere Kunststücke hinzu.“ (Lem 1986, S. 64)

Zu den augenfälligsten Kunststücken gehört die in immer komplexeren Formen verwendete Sprachmagie Lems, die nach dem Prinzip funktioniert, daß alles existiert, was benannt und definiert werden kann; daher sind Trurls Experimente in der 15. Fabel als Versuche einer Begriffsdefinition von „Glück“ aufzufassen. „The principle of creation in these stories is linguistic; creation takes place, because the appropriate words exist or can be invented ...“ (Hayles in: SFS Juli 1986, S. 296). Auf die ersten Fabeln mag das zutreffen, doch lassen sich die Fabeln nicht auf reine Sprachspiele reduzieren, da die Analogien auf viel zu komplexe Hintergründe referieren. „Sprachmagie“ ist ein Teil der Märchenregeln[104], doch ist sie ein Teil in einem größeren Zusammenhang.  

Im Vorwort zu „Solaris“kritisiert Lem den besonders in amerikanischer SF vorkommenden Usus im Umgang mit außerirdischen Intelligenzen, der sich häufig auf die Formel: „Entweder gemeinsam, oder wir sie, oder sie uns“ beschränkt. Lem bemängelt diese Tradition als „schematische mechanistische Übertragung der irdischen Bedingungen“ (Lem 1987, S. 33)

In „Kyberiade“ werden dagegen bewußt schematische Elemente irdischer Bedingungen in eine Kultur ohne Menschen übertragen - mit parodistischer Absicht. In dieser „Gegenwelt“ ist der Mensch ein Schreckgespenst aus vergangenen Zeiten. Jarzebski deutet die Fabeln als „Parodie auf eine philosophische Fabel im Stil Voltaires, eine Parodie, notabene eine vortreffliche, auf Kindermärchen...“ (Jarzebski in: Berthel 1976, S. 86). In der Form wird das Kindermärchen parodiert, nicht aber in dem Sinne, daß es keine Lehre, keine Moral gäbe, auch wenn den Protagonisten die Antworten fehlen und sie in der letzten Fabel sich an eine höhere Instanz wenden müssen: ihren Lehrern (vgl. 4. 3.).

Zur Kreation seiner phantastischen Welt benutzt Lem folgende Elemente des Märchens:

> die Erzählhandlung unterliegt einem bestimmten System von Regeln, zum Beispiel der dreimaligen Wiederholung (die Geschichtenerzählungen für einen König in der 13. Fabel beispielsweise),

> „Wunder“ und Magie stehen neben den quasi-wissenschaftlichen Erfindungen[105],

> stilistische und wortbildende Merkmale des Märchens werden mit technischen Begriffen zu Einheiten verbunden (z. B. „Kyberhexe, Elektritter“)[106],

> der Gebrauch von Symbolen ist das zentralste Stilmittel; die Symbole werden auf vier verschiedenen Ebenen verwendet:

a.) sie reflektieren eine Abstraktion, die an anderer Stelle im Text vorkommt (die Eigenständigkeit artifiziellen Bewußtseins, symbolisiert durch die immer wiederkehrende Verweigerung der Maschinen; diese Eigenständigkeit verhindert die „Beglückungsversuche“ der 14. und 15. Fabel)

b.) sie veranschaulichen eine Abstraktion durch das Hinzufügen von Details oder durch Vereinfachung eines komplexen Gedankens (das mathematisch hergeleitete Ungeheuer der 6. Fabel verhält sich wie ein bekanntes Märchenungeheuer)

c.) an ihnen kristallisieren sich Zusammenhänge heraus, die sonst diffus und subtil erschienen  (die Existenz der „Könige“ als Symbol für die Ordnung, in die sich Trurl und Klapauzius einfügen)

d.) sie fungieren als Katalysatoren, an denen sich die Handlung entwickelt (beispielsweise die Drachen als Symbol für Unwahrscheinlichkeit in der 7. Fabel)

In manchen Fabeln erscheinen die Symbole schon im Titel, so der „Dämon II. Ordnung“ als Symbol für die Waffentechnik. Die Symbole werden nicht nur als integrales Element verwendet; häufig sind sie Träger der existenziellen philosophischen Idee, die in die Fabel eingebettet ist. Anachronismen sind eine durchgehende Struktureinheit, beginnend bei den Details (Trurl kriecht nach der Arbeit an seinem Computer rußgeschwärzt aus ihm hervor) bis zu den tyrannischen Gesellschaftsformen, die durch die Herrscher symbolisiert werden. Die Anachronismen sind auf der einen Seite Träger der satirischen Darstellung[107], auf der anderen Seite fügen sie „Realismuskomponenten“ in den Text ein, die, projektiert auf den Hintergrund, auf ungewöhnliche Weise die Distanz zwischen der Welt des Textes und der des Lesers verkürzt. Auf diese Weise erst kann überhaupt das rationale Element in eine Welt eingefügt werden, die kaum noch an die physikalischen Gesetze unserer Zeit gebunden ist. Erst dadurch, daß ein Computer noch Kathoden enthält, die durchbrennen können, läßt sich zumindest ansatzweise seine Eigenwilligkeit erklären.

Die Märchenelemente schaffen eine abstrakte Wirklichkeit außerhalb der eigenen, erfahrbaren Sphäre. In dieses Vakuum setzt Lem eine eigene Ordnung und einen eigenen Moralkodex ein.

„Also: die Gesetze der Märchenwelt sind ethisch bedingt. Ihre Physik, könnte man sagen, steht auf der Seite der guten Helden.“ (Lem in: Barmeyer 1972, S. 165). Der Glaube, daß die Welt ein auf den „Menschen ausgerichteter Homöostat“ ist, wird systematisch demontiert.

Besonders auffällig ist die immer wiederkehrende Konfrontation des „weisen“ Konstrukteurs mit mehr oder minder verschrobenen „Königsrobotern“: mit König Grausam, der ein leidenschaftlicher Jäger ist (6. Fabel), mit König Balerion, der sein Staatssystem auf einem Ludus-Prinzip aufgebaut hat, um seiner eigenen Spielleidenschaft zu frönen (9. Fabel), mit König Voluptikus, der mittels einer Maschine „Träume spielt“ und sich in einem onirischen Laybyrinth verliert (Unterfabel der 13. Fabel), oder mit Exilius Tratareus, dem Tyrannen ohne Reich (12. Fabel). Gemeinsam ist diesen Herrschern, daß sie ein Faible für das Spiel in dieser oder jener Art verbindet[108]. Dieses Spiel ist zugleich immer ein Spiel mit Macht; der Umgang mit Macht wird in die Diskussion kultureller und sozialer Werte so integriert. In der zwölften Fabel befreien sich die von Lem geschaffenen Wesen selbst und besiegen den Tyrannen Exilius Tratareus. Es hat den Anschein, als wolle Lem aufklärerische Ideale auf ihre Aktualität prüfen; so stammt schließlich auch die Vorstellung von vollkommenen Automaten aus dieser Zeit. Die Automatenkonstrukteure der Aufklärung standen im Dienste des Königs und des Adels - man denke an den Flötenspieler von Vaucanson (1738) - und so ist auch die Gegenwart Truls feudalistisch strukturiert[109]. Die Gebundenheit an totalitäre Systeme zeigt zudem den utopischen Mißerfolg der Maßnahmen der Konstrukteure, die sich von dem Gedanken einer bestimmenden Autorität nicht lösen können.

Als konstitutiv für phantastische Literatur definiert Lem, daß sie mit verschiedenen Methoden paradigmatische Strukturen aus anderen Gattungen (zum Beispiel dem Kriminalroman) entleihen kann. Der Autor hat dann die Möglichkeit, die Entlehnungen vor dem Leser mehr oder weniger zu verbergen, oder sie als entliehen zu kennzeichnen (vgl.: Lem in: Barmeyer 1972, S. 167/168). Lem kennzeichnet seine Entlehnungen deutlich und konstruiert aus ihnen die Parodie.    

Die parodistische Wirkung liegt darin, daß trotz der hohen technischen Entwicklungsstufe der Kultur, die sich durch die Aneinanderreihung verschiedenster SF-Motive[110] belegen läßt, die Situationen auf geläufige, fast schon banale Probleme referieren: auf die Eifersucht der Konstrukteure, die Tyrannei herrschsüchtiger Diktatoren, die Unerreichbarkeit einer perfektionierten Gesellschaft, aber auch schlicht Probleme im Umgang mit der Technik. Die Fabeln enden niemals mit einer Sensation, sondern entweder ergebnislos (z. B. die letzte Fabel), oder mit einem Mißerfolg, der dann vertuscht wird (z. B. die erste Fabel).

Nach Dominique Sila spielt Lem mit der Literatur, „indem er an das Polen des 17. Jahrhunderts anschließt“ (Sila in: Berthel 1981, S. 64)[111], also schon eine historische Anknüpfung vollzieht, die der (kundige) Leser erkennen kann; diese Landschaft aber bindet er an einen mythischer Raum, an eine Vorgeschichte, die nicht genannt, sondern nur vage angedeutet wird und in der der Mensch allgemein seinen Platz hatte. Zum einen wird das Modell dadurch allgemeiner und damit interkulturell übertragbar, zum anderen wird erst durch die Abkoppelung von einer direkten historischen Vorlage auch Platz für Hexen, Ritter und Wunder geschaffen. Aus diesem Grund konnte Lem mit seinen Werken auch international erfolgreich sein, was Amery verwehrt blieb. 

Als Elemente der SF gliedern sich neue, die Erfahrung des „Lesermenschen“ transzendierende Gedankenkonstrukte[112] in die Märchenwelt ein. Grenzlinien der menschlichen Moral können im Modell des abstrakten Raums abgegangen werden, so kann beispielsweise die Verantwortung gegenüber einer veränderten Schöpfung diskutiert werden, wie sie sich aus der Gentechnik entwickelt werden. Nirgendwo wird deutlicher, daß die faktischen Möglichkeiten exponential stärker wachsen als ihre ethischen Grenzwerte.

Die parodistischen Elemente beziehen sich auf die Versuche einer technologisierten Gesellschaft, sich auf dem Weg des Experiments philosophisch-abstrakten Werten wie „Glück“ zu nähern. Hier nähern sich die kulturkritischen Ansätze von Lem und Amery einander an.

Die Besonderheit in der Darstellung Lems ist das Zusammenführen dreier Ebenen: der Märchenwelt einer mythischen Vergangenheit, die bestehende Welt, in der man sich mit Postkarten verständigt (Kyberiade, S. 207), in der es aber auch tyrannische Herrscher gibt,[113] und die Zukunftswelt, in der es möglich ist, Atome zu verzwirnen und eine Nachricht den Kosmos umkreisen zu lassen. In der Einleitung zur 12. Fabelwird auch diese Zukunftswelt an ihre Grenzen geführt:

„Das Weltall ist unendlich, aber begrenzt, und deshalb kehrt ein Lichtstrahl, wohin er auch aufbricht, nach Milliarden von Jahrhunderten an seinen Ausgangspunkt zurück ... Der aber (Klapauzius, AA.) erklärte ihm (Trurl, AA.), die Nachricht spreche nicht von geheimnisvolllen Rivalen, sondern von ihnen selbst, sie habe den Kosmos umkreist.“ (Kyberiade, S. 175)

Damit wird auch die Unendlichkeit zu einem geschlossenen System. Ein ähnliches Bild von der Welt als „Schachtelsystem“ hat nach H. R. Jauß der mittelalterliche Mensch: über ihm war das Himmelszelt, darüber die Welt der Engel, darüber das Reich Gottes, unter ihm die Stufen der Hölle. Für den mittelalterlichen Menschen, so mutmaßt Jauß[114], ist dieses System integrativ; er fühlt sich in  einer Ordnung aufgehoben, in der der Platz, den er einnimmt, sein Platz war. Für Trurl wird der Kosmos zum Gefängnis, da es keine Welt über ihm gibt, an die er glauben kann; das Prinzip der Ordnung der Dinge, wie es sich dem mittelalterlichen Menschen wohl präsentiert haben mag, endet für den fast allmächtigen Konstrukteur an der Grenze der Leere und damit auch der Beliebigkeit. Wonach soll er noch streben? „Thus, science fiction thrusts the reader into a fear-inducing, unknown future, but the fable wish him back  into the comforting familiarity of a distant, ostensivly dreaming past.“ (Ziegfeld 1985 S. 91). Durch zunehmende Individualisierung und gleichzeitige Vermassung besonders in den westlichen Hemisphären verlieren die integrativen Momente der Kulturen mehr und mehr an Boden. 

Trurl und Klapauzius sind im modernen Sinne „individualisierte Charaktere“[115]; der Wechsel zwischen Extrovertiertheit und Introvertiertheit, die intellektuelle Experimentier- und die Reisefreudigkeit könnte ein Psychologe als eine unbewußte Suche nach Sinn und Werten deuten. Ist die Suche nach der absoluten Glückseligkeit in der fünfzehnten Fabel „Experimenta Felicitologica“letztlich eine Spielart klaustrophobischer Ängste, die daraus resultiert, daß ein Jenseits nicht existiert?

Diese Suche nach dauerhaften Werten soll im Folgenden, aber auch bezogen auf Lem selbst in 7.2. mit Bezug auf sein diskursives Werk untersucht werden.

4.2. Menschheit und „Roboterheit“: Auf der Suche nach Werten

Das Robotermotiv durchläuft in der SF verschiedene Stadien vom unbelebten, feindseligen Gegenüber über die Wende bei Asimov zu einer Verbesserung der Unzulänglichkeiten des Menschen (was nicht bedeutet, daß die feindseligen Roboter damit ausgestorben sind). In diesem Zusammenhang persifliert Lem immer wieder die Evolution des Menschen:

„Der Schimmel ward zu Fischlein; die krochen, als es ihnen im Wasser zu eng wurde, an Land, erprobten auf dem Trockenen viele Kniffe und saugten sich unterwegs irgendwo fest. Zu Säugern geworden gelangten sie über das Hinken zu geschicktem Gehen und dadurch, daß sie sich gegenseitig das Leben schwer machten, zu Verstand...“ (Lem in: Marzin 1985, S. 89)

inen die Menschen den Robotern als völlige Verirrung der Natur: sie bestehen fast nur aus Wasser und müssen Artgenossen, Tiere, töten, um zu leben.

Nach Lem (Lem in: Rose 1976, S. 72-88) sind in der SF die Relationen zwischen Menschen und Robotern in den meisten SF-Romanen auf etwa vier Stereotypen beschränkt, wodurch sie seiner Ansicht nach zu uninteressanten Wesen werden.

Sie veranschaulichen:

1. die Relation von Mensch und Maschine (in „Kyberiade“ von Maschinen“mensch“ und Maschine)

2. das Verhältnis von Herr und mechanischem Sklaven (der in den Fabeln immer wieder rebelliert und auf seine Rechte als bewußtes Wesen pocht)

3. das Verhältnis von Mensch und Incubus/Succubus (nicht im religiösen, sondern im symbiotischen Sinn beispielsweise in Verbindung mit dem 4. SF-Motiv der Dividierung von Individuen)

4. das Verhältnis von Mensch und Transzendenz. Besonders in diesem Zusammenhang untersucht Lem immer wieder die Frage nach einer „Seele“ des Roboters im Zusammenhang mit der Existenz ihres Bewußtseins. Für Lem macht das Bewußtsein an sich die „Seele“ aus, nicht das Material, auf dem es realisiert ist; insofern sind Roboter nur als „Bewußtseinsträger“ interessant für ihn - nur daß dieses Bewußtsein dem menschlichen in satirischer Absicht nachgebildet ist. Nicht umsonst ist dieser Anthropozentrismus das Ziel seiner Satire: in der Diskussion[116] um die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz zwischen John Searle und Paul und Patricia Churchland übertitelt Searle seinen Beitrag: „Ist der menschliche Geist ein Computerprogramm?“, während die Churchlands sich in ihrer Gegendarstellung mit der Frage auseinandersetzen: „Ist eine denkende Maschine möglich?“. Obwohl die Argumentationen aufeinander bezogen sind, gleiten sie aneinander vorbei. Die Churchlands gehen nicht vom menschlichen Geist aus, da das Bewußtsein einer Maschine nicht zwingend Analogien im menschlichen Bewußtsein haben muß - daraus ergibt sich natürlich ein Meßproblem für Bewußtsein überhaupt. Lem umgeht diese Problematik, die ihm durchaus bewußt ist, mit seiner satirischen Bearbeitung.        

Vor allem nach den formalen Aspekten orientieren sich die Fabeln an aufklärerischen Vorbildern: sie haben eine geschlossene Rahmenhandlung, dem Leser wird ein Problem präsentiert, das gelöst werden muß; die Protagonisten haben eine „runde“ Charakterzeichnung: „...ich huldige dem aus der Zeit der Aufklärung stammenden Modell der didaktischen Literatur“ (Lem 1986, S. 203).

Auf der inhaltlichen Ebene werden die aristotelischen Vorgaben revidiert: die Protagonisten sind weder der positiven noch der negativen Seite zuzurechnen, Lem stellt eine Collage aus verschiedensten Textelementen zusammen und legt den Schwerpunkt auf das satirische und parodistische Element. „Eine Humoreske entsteht dadurch, daß logische Schlüsse, die aus logischen Tatbeständen geschlossen werden, zu etwas Absurdem führen.“ (Lem in: Barmeyer 1972, S. 163/164). Ein Beispiel dafür ist besonders die rebellische Maschine, die zwei und zwei als sieben in völliger Ablehnung menschlicher Logik addiert (vgl.: „Trurls Maschine“). Der didaktische Schwerpunkt verschiebt sich dadurch von der „Lehre“, die aus der Fabel zu ziehen ist, zu einer gezielten Verunsicherung des Lesers.  

Zur Technik Lems gehört es, nur ein bis zwei Charaktere plastisch zu gestalten[117]; alle anderen „Personen“, die den Verlauf der Fabeln begleiten, sind reduziert auf Stereotype (die tyrannischen Herrscher und ihre Beamten), Karikaturen, symbolhafte Vertreter philosophischer Positionen (beispielsweise der Philosoph Klapostel in der 13. Fabel, dessen Werke trotz ihrer „Genialität“ niemand beachtet) und „Funktionscharaktere“, die eine groteske Situation einleiten (Trurl konstruiert in Fabel 13 a einen Ratgeber für einen König, der ihn selbst mit ihm - dem Ratgeber -  hereinlegt).

Im Zusammenhang mit seinem Zweifel am „endgültige(n) Bild der Wirklichkeit“ weist Lem im Schlußwort des ebenfalls 1983 in Berlin erschienen „Katastrophenprinzips“ auf die Kultur der „Kyberiade“ hin:

„Vielleicht wird mit den nicht mehr menschlichen, für unsere armen Tiergehirne nicht erreichbaren, allzukomplizierten Maßstäben einmal ein „Deus ex Machina“ zurechtkommen: die entfremdete, von uns begründete Vernunft der Maschinen oder vielmehr der außermaschinellen Früchte der nur von den Menschen in Gang gesetzten Evolution des synthetischen Intellekts.“ (Lem 1983 b, S. 88)

Es ist offensichtlich, daß Lem sich in einem Zwiespalt befindet, das als Motiv immer wieder in seinen Texten erscheint: auf der einen Seite Atheist, sucht er auf der anderen nach einer „säkularen Transzendenz“, begründet auf Vernunft, Evolution und Kybernetik. Auf „Hilfe von außen“ - sei es durch Gott oder außerirdische Intelligenzen - kann sich der Mensch seiner Ansicht nach nicht verlassen. Ein Rest Hoffnung schimmert aber immer wieder durch die Oberfläche durch: insofern überschneiden sich analogische Darstellung und erwartungsvolle Spekulation; die eine kann mit der anderen kaschiert werden.  

Ein „Deus ex Machina“ wird in „Kyberiade“ in nicht eindeutiger Weise realisiert: Trurl und Klapauzius werden in den Fabeln als ganz selbstverständliche und natürliche Charaktere verwendet, so daß ihre eigentliche „Alien“-haftigkeit erst im Laufe längerer Lektüre erschlossen werden kann.[118] Allerdings durchlaufen sie, anders als Pirx oder Tichy, keine charakterliche Entwicklung; sie bleiben statische Figuren. Ihre überragenden, gottgleichen Fähigkeiten auf technologischem Gebiet sind von Beginn der ersten Fabel an offensichtlich.

„Seit einiger Zeit hat sich die Auffassung herausgebildet, daß die Bedingungen der modernen und zukünftigen zivilisatorischen Evolution nicht perfekt spezialisierte Individuen begünstigen werden, sondern vielmehr äußerst ´flexible´, nicht in Routine erstarrte, die zur Anpassung an die veränderten zivilisatorischen Bedingungen fähig sind.“ (Berthel 1976, S. 80)

Intuitive Helden wie Pirx haben diese Flexibilität durch ihre Unvollkommenheit, die sie zur Improvisation in Extremlagen zwingt; deswegen haben sie oft eine Chance gegenüber einer übermächtig erscheinenden Maschinerie. Individualität hat nach Lem einen Selektionsvorteil vor Perfektion. 

In „Wie die Welt nocheinmal davonkam“(die erste Fabel)  ist die Machine Trurls ein technisches Wunderwerk, das in der Lage ist, alles zu produzieren, was mit dem Buchstaben „n“ beginnt. Neben dieser Fähigkeit hat sie allerdings noch durchaus gewöhnliche Eigenschaften, wie zum Beispiel Starrsinn und Eitelkeit. Als Klapauzius die Maschine (nach der Art des Märchens dreimalig) testen will, fordert er als dritte Aufgabe von ihr, das Nichts zu produzieren. Deshalb verschwinden für alle Zeiten die Sanguinen, Kamikätzchen, Phantolemchen[119] und vieles mehr aus jener Welt. Entsetzt nimmt Klapauzius den Befehl zurück, da er sich erst jetzt seiner Konsequenzen bewußt wird. Die Maschine dazu: „Hätte ich das Nichts sogleich, mit einem einzigen Schlag geschaffen, hätte ja alles aufgehört zu existieren...Und wer könnte in diesem Fall und vor allem wem könnte er in diesem Fall sagen, ... daß ich eine höchst effiziente Maschine bin.“ (Kyberiade S. 13). Bemerkenswert in dieser Fabel ist das „Selbst-Bewußtsein“ der Maschine im doppelten Sinn: zum einen tritt sie respektlos vor ihrem Schöpfer auf, zum anderen hat sie die Fähigkeit zur Reflexion, die Eigenschaft, die nach Amery den Menschen erst zum Menschen macht[120]. Menschlicher und maschineller Charakter sind somit nicht mehr auseinanderzuhalten; dazu muß berücksichtigt werden, daß die Maschine von einer anderen Maschine, Trurl, gebaut wurde, die in diesem Fall die Platzhalterrolle für „Mensch“ übernimmt.

In der zweiten Fabel „Trurls Maschine“rebelliert eine andere Maschine gegen die Logik ihres Schöpfers: in einem ersten Testlauf besteht sie darauf, das zwei und zwei sieben ergibt und zwingt später Trurl durch Gewalt, dieses Ergebnis zu bestätigen. „The new cosmology also explaines the fact, known since the 1960s, that mathematics take many forms, and the form in which it developed historically on Earth is only one of many possible varieties.“ (Lem in: SFS März 1981, S. 57). Im Scherz weist Lem in dieser Fabel darauf hin, daß unsere Logik nur eine der möglichen und denkbaren Logikformen ist. 

In „Reise Eins A oder Trurls Elektrobarde“ baut Lem auf der Geschichte von „Trurls Maschine“ auf. Weil er sich so vor Klapauzius blamiert hat, will Trurl eine Maschine konstruieren, die in der Lage ist, makellose Lyrik zu produzieren. „Zu diesem Zweck besorgte sich Trurl kybernetische Literatur im Gesamtgewicht von achthundertzwanzig Tonnen sowie zwölftausend Tonnen der allerfeinsten Poesie...“ (Kyberiade, S. 47). Wie nach einem überdimensionierten Kochrezept vorgehend konzipiert Trurl seinen Barden, ohne selbst etwas von Poesie zu verstehen. Das Experiment gelingt nach einigen Anlaufschwierigkeiten, doch erweist sich die Maschine, die Trurl geschaffen hat, als Ungeheuer, das Gedichte in jeder beliebigen Form auf Bestellung schreibt. So soll sie, von Klapauzius getestet, ein Gedicht verfassen, das von Liebe und Tod handelt, „aber alles muß in der Sprache der höheren Mathematik ausgedrückt sein, im wesentlichen Tensor-Algebra, vielleicht ein wenig höhere Topologie und Analyse. Dabei erotisch stark, sogar etwas gewagt und natürlich ganz im Geiste der Kybernetik.“ (Kyberiade, S. 56). Tatsächlich produziert der Computer ein solches Machwerk in 9 Strophen zu je vier Zeilen:

„...
Erstarren meine positiven Glieder,
Näht man mein topologisch Leichenhemd,
Vergiß mich nicht, werd mir nicht teilerfremd
Und sing am Grab mir lineare Lieder!“

(Kyberiade, S. 57)

In Beispielen wie diesen scheint es, als provoziere Lem eine Situation, um seiner Spielfreude mit Sprache Ausdruck zu verleihen. Den Anspruch, die Kunst über die Welt zu erheben[121] hat diese Art der Dichtung allerdings nicht mehr. Die Maschine gewinnt jedes Dichterduell mit den lebenden Dichtern (ein Paradoxon, wenn man bedenkt, daß diese ja auch Maschinen sind); diese beginnen sich gewaltsam gegen den Elektrobarden zu verbünden, die Situation eskaliert. Trurl demontiert ihn daraufhin und transportiert ihn zu einem fernen Asteroiden. Dort allerdings stört er die Raumfahrt, indem er Raumschiffe mit Lyrik vom Kurs abbringt. Das Problem scheint erst gelöst, als ein Herrscher aus einer fernen Galaxis die Dichtermaschine aufkaufen will; bald darauf hört man von Supernovae in dieser Galaxis, aber diese  werden in den Bereich der Sagen verdrängt. Obwohl man sich bewußt ist, wie gefährlich der Elektrobarde sein kann, will man sich nun mit den Konsequenzen nicht auseinandersetzen. Die Maschine wird in den Bereich der Sage verdrängt; niemand übernimmt die Verantwortung für sie.

Das Bemühen der Roboter um die Schaffung von Werten verliert sich immer wieder in der Sinnlosigkeit; es scheint, als ob sich Lem über die Idee des Kleistschen Marionettentheaters lustig machen möchte, denn die verlorene Unschuld des Menschen findet sich nicht einmal mehr in den Puppen wieder. „Daß diese humanisierten Automaten die Neigung haben, sich ihren Erbauern in völliger Mimikry anzugleichen ... macht sie zum Objekt satirischer Betrachtung“ urteilt Werner Berthel (Berthel 1976, S. 209., Nachwort). Wie im „Sandmann“ E.T.A. Hoffmanns ist es der Blick des Betrachters, der die Puppen beseelt - obwohl diese „Puppen“ dem Menschen augenscheinlich überlegen sind[122]. Dennoch haben sie den Effekt der Komik, nicht wie bei Hoffmann den des Unheimlichen.

Nach eigenen Angaben ist für Lem nicht das Leben an sich ein Wert, sondern das Bewußtsein. Lebendigkeit wird von ihm im Hinblick auf eine mögliche technische Evolution neu definiert[123]. „Artificial intelligence, when refined, would quite clearly be imbued with a capacity for independent thinking, action and response to man.“ (Ziegfeld 1985, S. 85)

Im nächsten Kapitel soll die Verantwortlichkeit für die Schöpfung von Bewußtsein diskutiert werden. „Zentrales Thema seiner Kyberiade ist der Nachweis, daß eine Technik und eine Literatur, die der Technik nacheifern zum Scheitern verurteilt sind, sofern sie nicht von humanistischen Prinzipien und Werten getragen werden.“ (Rothfork in: Berthel 1981, S. 78) Die Zusammenfassung Rothforks bleibt allerdings nur an der Oberfläche, denn das „sofern“ bedingt ja eine positive Lösung der aufgezeigten Probleme. Gerade in der letzten Fabel wird deutlich, daß alle Versuche, positive Werte in einer beständigen Form zu schaffen, an sich schon ein logischer Fehler sind. Lem selbst ist nicht bereit, dies widerspruchslos hinzunehmen.   

4.3. „Experimenta Felicitologica“: Trurl und Klapauzius als ohnmächtige „Götter“

In der vierzehnten Fabel „Altruizin oder der wahre Bericht darüber, wie der Eremit Bonhomius das universelle Glück im Kosmos schaffen wollte und was dabei herauskam“ wirdmit der Einführung des elektrischen Missionars Bonhomius die Verbindung von Roboterbewußtsein und Transzendenz direkt angeschnitten: es gibt eine „Robotergläubigkeit“, auch wenn nicht ausgeführt wird, wie sie sich gestaltet. Sie konzentriert sich vor allem auf die Suche nach dem absolut Guten (vgl.: Kyberiade, S. 280) und verzichtet wie fernöstliche Religionen auf ein Jenseits.

In der Fabel suchen Bonhomius und Klapauzius die MASTEN  (Wesen auf der MAximalen STufe der ENtwicklung) um Rat auf; obwohl perfekt und allmächtig zeichnen sie sich vor allem durch Kommunikationsfaulheit und allgemeine Passivität aus. Von Klapauzius als Computersimulation zur Antwort bewegt, geben sie zu, sich mit der „Felizitologie“, der absoluten Beglückung bereits beschäftigt zu haben und zwei Arten von ihr unterscheiden: die revolutionäre und die evolutionäre. Die revolutionäre Beglückung hätte dabei oft mehr Opfer gekostet als ein Krieg und die evolutionäre beruhe eben darauf, die Kulturen ihren eigenen Weg suchen zu lassen:

„Individuen kann man nicht und Gesellschaften darf man nicht glücklich machen, denn jede Gesellschaft muß ihren eigenen Weg gehen, in dem sie auf natürliche Weise Stufe um Stufe der Entwicklung durchläuft und alles Gute und Schlechte, was dabei herauskommt, ausschließlich sich selbst zu verdanken hat.“ (Kyberiade S. 289).

Trurl will sich in der letzten Fabel mit diesem Bericht von Klapauzius nicht zufrieden geben. Da die alten Gesellschaften sich offensichtlich nicht beglücken lassen, will er neue schaffen, die „von Natur aus“ glücklich sind. Seine universelle Arbeitshypothese ist: „Entsprechend den Mängeln in der eigenen Konstruktion stellt jedes Geschöpf sein Ideal der absoluten Vervollkommnung auf.“ (Kyberiade S. 309). Durch eine vollkommene Konstruktion will er das Problem lösen; die letzte Fabel dokumentiert Trurls Versuche und  sein Scheitern.

„He (Lem AA.) mixes simple anecdote and pointed satire throughout the collection until he shifts at the end to the philosophical material.“ (Ziegfeld 1985, S. 26). Die letzte der Kyberiade-Fabeln ist auch zugleich die komplexeste, als ob Lem zum Schluß das Gesagte zusammenfassen wollte.

Die „Experimenta Felicitologica“  ist ähnlich der philosophischen Geschichte aus der Tradition Voltaires[124] und Swifts[125]. Trurl als „technischer Gulliver“ versucht, im (selbstgestalteten) Land der Zwerge für Glückseligkeit und Ordnung zu sorgen, scheitert aber, je mehr er sich in die von ihm parameterisierte Ordnung einschaltet. Zudem ist Trurl noch Schöpfer der Gesellschaften, die er „beglücken“ möchte und somit in besonderer Weise für sie verantwortlich.

Die Geschöpfe halten sich wörtlich an die Parameter, die Trurl ihnen eingibt; sie sind Sklaven ihres Programms. Lem präsentiert dem Leser eine Parabel über die Menschen, denn nach seiner Anschauung sind auch wir unserem genetischen Programm ausgeliefert. In den Fabeln ist das Ergebnis der Schöpfungen trotz der Parameter immer wieder eine Überraschung; schließlich sind die Schöpfungen als Experiment angelegt. Das Prinzip einer ontologischen Schuld[126] lehnt er dabei für die Schöpfung strikt ab, im Gegenteil, er dreht die Schuldfrage um und führt sie „ad fontes“: „(Somit) ... bedeutet jede Schöpfung eines denkenden Wesens, es zum Leiden zu verurteilen. ... Aber die größte Schuld - für die größte Verantwortung - liegt beim ersten Schöpfer.“  (Berthel 1976, S. 149).

Kandel deutet die Darstellung fehlerhafter Götter in „Kyberiade“ als Verspottung des christlichen Gottes, eine Deutung, die für Lem nicht angemessen ist. Der Mensch - in welcher Form auch immer - ist das Opfer der Lächerlichkeit. Nicht die absoluten Werte sind komisch, sondern die Art, wie der Mensch es versucht, sich ihnen zu nähern; nicht die Schöpfung ist komisch, sondern die Art, wie die Menschen sich selbst in ihr glorifizieren[127]. Deswegen fehlen konkrete Bezüge zu Christus, der Auferstehung oder ähnliche Topoi der christlichen Lehre.    

„Dem SF-Kitsch haftet das implizite Versprechen seiner Allmacht an...“ (Lem 1987, S. 65). Eines der starren Strukturelemente des SF-Kitsches ist die Anlehnung an Mythen[128]. Diese werden bei Lem systematisch aufgelöst: „Meine Taktik dem Kitsch gegenüber war, ihn zu verspotten...“ (Lem 1987, S. 84). Deswegen positioniert er das Motiv der Technik in einem ambivalenten Rahmen von Nutzen und Fehlfunktion; sie ist bei ihm nicht der technische, sich immer bewährende Sklave des Menschen wie beispielsweise das berühmte Raumschiff „Enterprise“. In diesen „Space-Operas“ dient die Technik als fixierter Hintergrund für Konflikte (wie Eifersucht, Machthunger), wie sie in einem nichtfiktionalen Rahmen ebenso möglich wären. Dieser Spott auf den technischen Allmachtsglauben ist, genauer betrachtet, von unerhörter Grausamkeit. Diese wird durch die Verfremdung und diverse Ablenkungsmanöver geschickt getarnt, doch schließlich sterben ganze Kulturen meßbaren Bewußtseins auf Trurls Objektträger, Kulturen die Merkmale der unseren tragen.

Es zeigt sich, das Trurl und Klapauzius ohnmächtige, da einseitig begabte Götter sind, denen sich die Schöpfung entzieht[129], der sie aber auch nicht helfen können. Der Kritiker John Rothfork (vgl.: Ziegfeld 1985, S. 90) vergleicht Trurl und Klapauzius mit Laurel und Hardy; Trurl als Laurel provoziert die komische Situation, die Klapauzius/Hardy veranlaßt, sich zu ärgern, oder seinem Freund aus Verlegenheiten zu helfen. Letztlich bezieht sich der Spott auf den Autor Lem selber: er, der literarisch mit den verschiedensten Weltentwürfen experimentiert, läßt seine eigenen Kreaturen, Trurl und Klapauzius, die ebenso wie er selbst auf der Suche nach neuen, allgemeingültigen Werten sind, scheitern: „Der Schriftsteller soll einer von uns werden; er hat kein Recht, Gott zu spielen.“ (Lem in: Quarber Merkur 1979, S. 20). Die Welt, die der Schriftsteller konzipiert, darf er innerhalb seines Werkes so gestalten, daß sie der realen Welt nicht ähnlich sein muß; eine völlige Freiheit des Bezuges ist aber nicht möglich, etwas völlig Neues ohne mögliche Analogien - die Implementation eines absolut neuen Schemas durch die Literatur - läßt sich nicht erstellen.

„Thus, in the end, the realistic writer is not responsible for the overall - e. g. the causal - structure of the real world. ... On the contrary, the SF-writer is responsible both for the world he has placed his action, and for the action as well, inasmuch as he, within certain limits, invents both one and the other.“ (Lem in: Rose 1976, S. 85)

Trurl und Klapauzius orientieren sich in dieser von Lem kreierten Welt an den traditionellen Werten von Freiheit, Einheit, Brüderlichkeit in ihren Gesellschaften (obwohl die meisten vom Grundmuster her feudalistisch konzipiert sind). Lem steht diesen Werten mißtrauisch gegenüber: „Ich vertraue nicht auf Versprechungen und glaube nicht an Versicherungen, die sich auf einen sogenannten Humanismus berufen. Gegen eine Technologie hilft nur eine andere Technologie.“ (Lem 1981 c, S. 11). Die Unvollkommenheit humanistischer Ideale steht für Lem fest (vgl.: 7.4.), daher begibt er sich auf eine Suche  nach neuen Werten, von denen er selbst keine konkrete Vorstellung hat, die er aber literarisch zu erfahren sucht. Somit ähneln seine Experimente denen Trurls, vor allem, wenn man vergleicht, wieviele von ihnen ebenfalls „auf dem Objektträger gestorben“ sind. Wie sehr die Ambitionen Lems denen seiner Figur ähneln, zeigt sich in seiner ernstgemeinten Konzeption zur Theoriegenese, die er 1982 auf einem Kolloquium über Informations- und Kommunikationssysteme vorstellt:

„Lem schlägt vor, Phänomene in genetische Strukturen zu modellieren und durch Selektoren (Codeproblem!) die Entwicklung der Phänomene mit denen der Organismen zu matchen und entsprechend  nach dem jeweiligen Vorhersageergebnis die ´wohlgeformten´ Kulturen auszusondern.“ (Hennings 1983, S. 36)

Wie Lem sich diese Form der Theoriegenese in der Praxis vorstellt, bleibt sein Geheimnis. In seiner Belletristik werden solche Probleme als gelöst vorausgesetzt. Die Ähnlichkeit der Versuchsanordnung zu denen Trurls ist offensichtlich, doch läßt er diesen damit scheitern, obwohl er persönlich weiter an eine ähnliche Möglichkeit glaubt, die auf dem biologischen Code basiert. Assoziationen zum romantischen Schreiben, besonders der romantischen Ironie, werden geweckt: Der Künstler spürt den Widerstreit von Endlichem (den tatsächlichen Möglichkeiten) und Unendlichem (den Möglichkeiten, die Lem beispielsweise im genetischen Code, aber auch im Kosmos vermutet) während des schöpferischen Vorgangs und erhebt sich darüber im Bewußtsein seiner spielerischen Freiheit.

Die Möglichkeit, Kulturen zu produzieren, wird von Lem dahingehend benutzt, bestehendes Kulturgut einer näheren Untersuchung im Modell zu unterziehen. „As man developed a culture, this artificial environment began to replace his natural environment, and a new kind of selective pressure developed in which man was an active agent.“ (Warrick 1980, S. 199) Trurl und Klapauzius sind „active agents“ in höchster Potenz; ihre eigene Existenz ist artifiziell und völlig unabhägig von der Natur (ohne Hunger, ohne Krankheiten). Es entsteht eine direkte Verbindung zwischen Schöpfung und Geschöpf, in der nicht die Natur als unbekannter Faktor und Medium mitwirkt. Verantwortlichkeit kann auf nichts abgewälzt werden; trotz allem ist der Zufallsfaktor, die Eigenwilligkeit der Schöpfung nicht auszugrenzen.

In einer intellektuellen Krise um das Jahr 1968 (die Fabel „Experimenta Felicitologica“ entstand 1971) wendet sich Lem von seiner bis dahin vertretenen Theorie des Zufalls ab und ironisierte sie als „Spiel des Universums“. In „Stimme des Herrn“ stellt Lem zwei Regeln für dieses Spiel auf:

„Two rules of the Game reveal the heretical nature of Lem´s new position. ... Rule One: Lower-order civilisations cannot find the Players who are silent and invisible. Rule Two: The Players do not approach the younger civilisations; the players do, however, wish the younger civilisations well.“ (Ziegfeld 1985, S. 120)

Lems „neuer Gott“ ist also wohlwollend, doch unfähig und den Regeln eines Spiels unterworfen, das er selbst nicht bestimmen kann.


FUSSNOTEN

  1. Es existiert noch eine sechzehnte Fabel „Die demographische Implosion“, die nicht in die Kyberiaden hineingenommen wurde: In einen Metereoliten eingeschlossen fällt Sokrates (nicht identisch mit dem historischen Sokrates) in den Garten Trurls und monologisiert über die Probleme seiner Heimat Semenia. Die Fabel ist eine kaum getarnte satirische Abhandlung zu Problemen der Überbevölkerung. Eine Fabelhandlung existiert nur ganz am Rande; diese Fabel soll hier nur wenig Beachtung finden, da sie den anderen Fabeln inhaltlich und stilistisch kaum zu vergleichen ist. (Lem: Die demographische Implosion. in: Marzin 1985, S. 89 - 119)

  2. Die Idee der kybernetischen Intelligenz hatte vor Lem schon beispielsweise Anatolij Deneprov in „Die Insel der Krebse“ (1958) umgesetzt; daß Lem sich hier von der WF hat inspirieren lassen, ist anzunehmen.

  3. „Beim Versuch, solche Maschinen zu konstruieren, usurpieren wir keineswegs Sein Vorrecht der Schöpfung von Seelen, so wie wir es ja auch nicht bei der Zeugung von Kindern tun: wir sind vielmehr in beiden Fällen Instrumente Seines Willens, und sorgen für Behausungen für die Seelen, die Er erschafft.“ (Turing 1950, S. 20)

  4. Cybernetics“ (im Original 1948); anhand dieses Buches begann Lem, sich selbst Wort für Wort Englisch beizubringen und „The Human Use of Human Beings“ (1950)

  5. 1. „Ein Roboter darf  kein menschliches Wesen verletzen oder durch Untätigkeit gestatten, daß einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.“
    2. „Ein Roboter muß dem ihm von einem Menschen gegebenen Befehl gehorchen, es sei denn, ein solcher Befehl würde mir Regel Eins kollidieren.“
    3. „Ein Roboter muß seine eigene Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel Eins oder Zwei kollidiert.“ (Asimov 1950, S. 37)  

  6. Lems Roboter betonen immerwieder die Eigenständigkeit ihres Bewußtseins: „Matrix? Die Matrix ist mir schnuppe!“ entrüstet sich in der 13. Fabel das von Trurl programmierte Ungeheuer und verweigert den Gehorsam. 

  7. Trurl sagt über sich selbst in der 13. Fabel: „... meine größte Liebe ist das Gold, meine zweitgrößte, mich zu beschweren.“ (Kyberiade, S. 189/190) Tatsächlich sind Gier und Streitsucht Charaktermerkmale, die beide Konstrukteure durch alle Fabeln begleiten.

  8. Die Kybernetik ist die Theorie aller denkbaren und möglichen  Informationsverarbeitenden Systeme. „Insofern ist die Aussage: ´Der Mensch ist kein Automat im Sinne der Automatentheorie´ grundsätzlich ein unbeweisbarer Glaubenssatz.“ (Vgl.: Anschütz 1967, S. 12, 13).  Der Mensch kennt seinen Schöpfer nicht, er kann aber an ihn glauben.

  9. Die 13. Fabel fällt aus dieser Kategorisierung heraus; die Hauptfabel bezieht sich auf das Erzählen weiterer Unterfabeln, die an sich autonom sind und den drei Kategrorien etwa so (wenn auch nicht eindeutig) zugeordnet werden könnten:  13 a zur 1. Katergorie, 13 b 1., 13 b 2., und 13 b 3. aber auch 13 a zur 2. Kategorie und 13 c 1. und 13 c 2. zur dritten Kategorie.

  10. Für Lem: „At the same time, these mechanical simulacra cause us to consider wether we ourself are programmed-products of cultural forces, manifestions, of the discourse that inscribes us.“ (Penker in: SFS Juli 1992, S. 179)

  11. So bewundert Richard Ziegfeld besonders Handlung, Charakterisierung, Thema und den verbindenden Gebrauch der Sprache (vgl.: Ziegfeld 1985, S. 103).

  12. Trurl und Klapauzius sind in der Lage, alles konstruieren zu können, was sie benennen/definieren können, ob es nun ein Drache (7. Fabel), ein Dämon zweiter Ordnung (11. Fabel), oder ein elektrischer Poet ist (5. Fabel). Die Grenzen zeigen sich erst dann, wenn der Begriff Unschärfen aufweist, wie in der letzten Fabel der Begriff „Glück“.

  13. Durch die Formel : „Enee, menee, muh, Input, Output, raus bist du“ (Kyberiade, S. 94) läßt Trurl in der 6. Fabel wie durch Magie das von ihm mathematisch konstruierte Ungeheuer verschwinden.

  14. Die Beschreibung eines Elektritters: „Seine Diamantaugen funkelten wie Sterne, er hatte die blitzenden Radarantennen keck nach oben gezwirbelt und den brilliantenbesetzten Hermelinenpelz lässig um die Schulter geworfen.“ (Kyberiade, S. 115).

  15. Trurl konstruiert sich einen Rechtsanwalt: „Und Trurl ging nach Hause, schüttete sechs gehäufte Löffel Transistoren in einen Topf, gab die gleiche Menge an Kondensatoren und Widerständen dazu, goß noch etwas Elektrolyt hinein, rührte gut um und deckte das Ganze mit einem Deckel zu...“ (Kyberiade, S. 199)

  16. Ein Kommentar von König Balerion: „... von Zeit zu Zeit sagte er, alles sei nur ein Spiel, sowohl sein königliches Regiment, als auch die ganze weite Welt.“ (Kyberiade, S. 127)

  17. In „Kyberiade“ gibt es verschiedene Beispiele für oligarchische oder monarchische Systeme, aber keines für eine vielversprechende Demokratie. Auch Trurls vielversprechendste Gesellschaftsentwürfe können nicht den Erfahrungsrahmen sprengen, in dem er selbst lebt.

  18. Das Raumfahrtmotiv der Reisen, das Robotermotiv, die Duplizierung von Individuen (in der 15. Fabel simuliert sich Trurl im Computer, damit er sich selbst helfen kann), in gewisser Weise auch das Übermenschenmotiv (bezogen auf die „sprachmagischen“ Fähigkeiten, alles innerhalb ihrer Begrifflichkeit liegende konstuieren zu können), die Existenz von Aliens und Parallelwelten mit anderen Sitten und Gebräuchen - alle Motive werden auf die eine oder  andere Art miteineander verbunden und in die Märchenwelt integriert. Einzig die Zeitreise, die Alternativwelt und das Katastrophenmotiv fehlen.

  19. Genauer gesagt: Lem verbindet die Methode der Märchenerzählung mit dem barocken Schreibstil eines Sienkievicz und Pasek, die dem westlichen Leser wohl kaum vertraut sind (vgl.: Lem 1986, S. 65); in anderen Werken zieht er eine nüchternere Art der Darstellung vor, doch für eine Satire schien sie ihm sehr geeignet.

  20. Die meisten davon hat Lem in „Summa technologiae“ als durchaus ernst gemeinte Spekulationen zusammengefaßt.

  21. Diese werden zudem ebenso gedankenlos mit Technologie unterstützt; ein Beispiel dafür ist „Die siebente Reise oder Wie Trurls Vollkommenheit zum Bösen führte“, in der Trurl dem Tyrannen Exilius, gelockt von der Schwierigkeit der Aufgabe und der Möglichkeit, sein Talent unter Beweis zu stellen, eine Bevölkerung im Kleinformat konstruiert, die dieser nach Herzenslust knechten darf. Die geschaffene Bevölkerung befreit sich aber später selbständig von der Knechtschaft des Tyrannen. Die Kritik an der Verwendung von Technologien teilt sich in zwei Richtungen, die häufig gemeinsam auftreten: in ihre mißbräuchliche und ihre unverantwortete Verwendung.

  22. Hier vergleichend zu der unterschiedlichen Rezeptionshaltung des modernen und mittelalterlichen Menschen gegenüber Literatur:“... der mittelalterliche Leser konnte Texte gerade darum genußreich finden, weil sie ihm erzählten, was er bereits wußte, und weil es ihn befriedigte, jedes Ding an seinem richtigen Platz im Weltmodell vorzufinden.“ (Jauß 1977, S. 13)

  23. „Nicht aus religiösen, sondern aus rein wissenschaftlichen Gründen wird an der Seele festgehalten.“ (Kandel in: Quarber Merkur 1979. S. 67) In „Dialoge“ hat Lem verschiedene kybernetische Beweise angeführt, aus welchen („stochastischen“, „heuretischen“) Gründen das Phänomen der Persönlichkeit unendlich wertvoll auch für die Wissenschaft ist.

  24. Spektum der Wissenschaft. März 1990. Darin: Searle, John R.: „Ist der menschliche Geist ein Computerprogramm?“ (S. 40-54) und Churchland, Paul M. und Patricia Smith: „Ist eine denkende Maschine möglich?“ (S. 47-54).

  25. Der Protagonist, sei es Pirx, Tichy, Kelvin oder Bregg ist meist psychologisch dicht erzählt; andere Personen diffundieren dagegen häufig zu bloßen Funktionsträgern innerhalb der Handlung. In diesem Zusammenhang kommt besonders Frauenfiguren bei Lem vorwiegend eine negative oder bestenfalls funktionale Darstellung zu.

  26. Ein Beispiel: nach einer Tracht Prügel, die Klapauzius ihm mit einem Stock verabreicht hatte, bemüht sich Trurl, „die Vertiefungen, die von den Schlägen verursacht worden waren, gradezuklopfen und auszubessern.“ (Kyberiade, S. 31)

  27. Ein Beispiel für  „Sprachmagie“: Begriffe, zu denen der Leser nur sehr vage Assoziationen aufbauen konnte („Kamikätzchen“ - eine Ligatur aus Kätzchen und Kamikaze), verschwinden auch sogleich wieder, so daß nur das Gedankenspiel übrigbleibt. Das Polnische ist nach Lem viel besser als das Deutsche geeignet, solche sprachartistischen Kunststücke zu vollführen; hier zeigen sich die Grenzen der Übersetzungen. 

  28. In „Die Botschaft des Jahrtausends“bedauert Amery den üblichen Mißbrauch der menschlichen Fähigkeit zur Reflexion zugunsten animalischer Bedürfnisse (vgl.: Amery 1994 S. 91). Hier geschieht genau das Umgekehrte: die Maschine erfüllt ihren Auftrag im Bewußtsein, auch selbst in dem Nichts zu verschwinden; allerdings möchte sie sich zuvor noch den Ruhm der Effizienz sichern. Zugunsten eines abstrakten Werkes verzichtet sie also auf ihre materielle Existenz.

  29. Lem zu Kunst und Wissenschaft: „Science explains the world, but only Art can reconcile us to it.“ (Ziegfeld 1985, S. 83)

  30. Vgl.: Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann. Nathanaels Blick erst beseelt die Puppe Olympia und läßt sie als Dichterin und Mensch erscheinen - allerdings nur für ihn! Dieselbe Verunsicherung des Lesers erreicht Lem mit seinen Puppen: sie haben Bewußtsein, sie imitieren den Menschen, sind ihm aber auch technologisch überlegen.

  31. Vgl.: Lems Einleitung zu „Robotermärchen“ (Lem 1985 a).

  32. Das Erdbeben von Lissabon hatte Voltaire dazu bewegt, sich von dem Gedanken zu lösen, daß die bestehende Welt die beste aller denkbaren Welten ist. Wenn im Folgenden von aufklärerischen Idealen die Rede ist, so beziehen sie sich auf die spätere, nüchternere Phase, in der auch die Natur nicht mehr uneingeschränkt als Partner gegenüber sozialen Mißständen betrachtet wird.

  33. „Swift hat die Menschheit getadelt im Namen einer nicht existenten, von ihm entworfenen besseren Menschheit. In diesem Sinn fühle ich mich ihm verwandt.“ (Interview mit Lem in: Marzin 1985, S. 70) Als Gulliver zu seiner Frau zurückkehrt, ekelt er sich zunächst sowohl vor ihr, als auch vor den Menschen allgemein. Diesen Ekel haben Gulliver und Trurl gemeinsam, ebenso wie ihre Bestrebungen, die Welt zu verbessern.

  34. „Beim Schöpfungsmythos trifft man meist auch auf ein Schuldbewußtsein des Geschöpfes gegenüber seinem Schöpfer; dem Schöpfer, als der Abstraktion aller Überichfunktionen.“ (Berthel 1981, S. 218) Lem kehrt die psychoanalytische Sicht um, denn die Geschöpfe verhalten sich unabhängig von den Erwartungen ihres  Schöpfers. Die Schaffung von Bewußtsein erzeugt in der 15. Fabel Leid, an dem der Schöpfer Trurl die Schuld trägt.

  35. Vergleichbar ist die Entstehung von Mamosch Eigensohn in Fabel 13 c 1., der aus Müll und durch Zufall entstanden, seine jämmerliche Existenz preist: „Wahrlich, ich bin schön, ja sogar vollkommen, was in aller Klarheit die Vollkommenheit jeglicher Schöpfung impliziert!! Oh, wie großartig muß erst der sein, der mich geschaffen hat!“ (Kyberiade, S. 250)

  36. Besonders im Comic, das ja einer noch höheren Konsumrate als SF-Pulp unterliegt, lassen sich viele Beispiele finden. Ein indirektes Beispiel wäre die getarnte Rückkehr von Herkules in den „Superman“-Comics.

  37. Trurl versucht immer wieder, einen Schlußstrich unter die Geschichte zu ziehen, indem er absolute Werte, wie immerwährende Glückseligkeit schaffen möchte, ohne die Notwendigkeit einer dynamischen Weiterentwicklng zu berücksichtigen. Die Schöpfungen lassen sich nicht in einem statischen Zustand fixieren, entweder entwickeln sie sich auf ungeahnte Art weiter - oder sie gehen unter. Dieselbe Flexibilität, die Lem in der Entwicklung des Individuums fordert, gilt auch für eine ontologische Entwicklung.