Albert Almering

SF im Allgemeinen und Lem im Besonderen

(Examensarbeit)

5. Carl Amery: „Der Untergang der Stadt Passau“

5.1. Die Weltkatastrophe als Strukturelement
5.2. Die Wiedergeburt der Politik
5.3. Inkonsequenter und ökologischer Materialismus

Der „Roman“[130]Der Untergang der Stadt Passau“ entstand unter der Patenschaft des Romans „A Canticle for Leibowitz[131] von Walter M. Miller; Amery wendet sich nach der Lektüre ebenfalls der Weltuntergangsgeschichte zu. „Da kam´s mir nur darauf an, das ganze einmal weiß-blau durchzuspielen. Und somit ist die Wiedergeburt der Politik das eigentliche Thema.“ (Amery-Interview 1995, S. 2). Die Wiedergeburt der Politik nach der großen Katastrophe steht zwischen zwei Möglichkeiten: der Chance des Neuanfangs und der verpaßten Chance in der Wiederholung alter Fehler. Im Unterschied dazu deutet Gottwald die Situation deterministisch: „Bezüge zu Walter M. Millers jr.´s ´Lobgesang auf Leibowitz´ sind deutlich, hier wie dort ist die menschliche Geschichte als circulus vitiosus angelegt, aus dem kein Entrinnen möglich scheint ...“ (Gottwald 1990, S. 113). Nach Amery hat es nicht zwangsläufig wieder zu einer Politik der Macht kommen müssen (vgl. Amery-Interview 1995, S. 2). Vielleicht ist das Entrinnen doch möglich. 

Die Handlung wird auf drei Ebenen strukturiert: durch die (in Fraktur geschriebene) Chronik des Egid, die das Geschehene im Rückblick deutet, durch das präsente Handlungsgeschehen und durch eingeschobene Biographien der Protagonisten aus dem „Vorher“. 

Eine Seuche reduziert die menschliche Bevölkerung weltweit auf eine Population von fünfzigtausend Menschen, die sich über Europa verteilen. Der „Scheff“ versucht, auf den Resten der Stadt Passau ein neues Machtzentrum zu errichten, das nach dem Prinzip des Feudalismus organisiert ist. Dazu bedient er sich der Technik und der Rohstoffe, die er als Relikte der Vorseuchezeit vorfindet; um sie zu warten, fehlt es an Spezialisten, die langsam aussterben. Die neue Generation ist genußsüchtig, dekadent durch den relativen Überfluß, in dem sie lebt.

Die Bewohner von Rosenheim dagegen leben in einer egalitären Gesellschaft, die sich den Verhältnissen angepaßt hat und von Eigenproduktion lebt. Um 2013 wird eine Gesandtschaft der „Rosmer“ in die Stadt eingeladen, angeblich, um ein Bündnis zu besiegeln - in Wirklichkeit aber als Täuschungsmanöver, um das Volk der Rosmer als Hindernis im Zugriff zu den Salzbergwerken zu beseitigen. Die Gesandten, Marte und Lois, durchschauen das Blendwerk der Stadt und fliehen, um Generationen später mit ihren primitiven Waffen die Stadt Passau zu besiegen, vereint mit heranziehenden Nomaden. Begleitet wird das Geschehen durch Einschübe der Chronik des Egid, der die Ereignisse, von Latein in neumittelalterlichen Deutsch übersetzt, beschreibt.

In „Passau“ wie auch in „Kyberiade“ werden als Verfremdungselement erster Ordnung über das SF-Motiv der Katastrophe die dargestellten Gesellschaften in die Zukunft verschoben. (Dabei steht die Gesellschaft Amerys den heutigen natürlich näher als die Maschinengesellschaft Lems). Amery tastet die Grenzen der Gattung SF ab, indem er eine andere Art der „Verfremdung zweiter Ordnung“ in seinem Werk verankert:

„Im übrigen habe ich auch versucht, Elemente der eigenen, der deutschen und heimatlichen Tradition für das Genre nutzbar zu machen: im Grunde müßten sie sich viel besser als die üblichen amerikanischen Versatzstücke in dieses Grundmuster einfügen.“ (Passau, Vorwort S. 5) Der doppelte Verfremdungseffekt entsteht durch die Rückführung der an sich verfremdeten Welt auf den vertrauten Boden; ein Leser, der eine entrückte Zukunft erwartet, findet sich in der Mundart und Volkstümlichkeit Bayerns wieder - ein wichtiger Grund dafür, daß der Roman im Ausland kaum ein Erfolg werden konnte.

„... ich habe nie den Wunsch gehabt, den Science Fiction-Roman zu schreiben, außer bei dem ´Passau´“ (Amery-Interview 1995, S. 3). Die Erzählung wird damit zur ursprünglichsten SF Amerys -  doch hier spielt er mit der Erwartungshaltung des Lesers, dem er doch die Einordnung seiner Erzählung überlassen möchte: welcher überzeugte SF-Leser wird einen Einblick in bayrische Geschichte erwarten, wenn er überzeugt ist, eine Kataklysmusroman des Genres vor sich zu haben? Amery bleibt seinem Stil treu: er bringt zwei kritische Massen zum Verschmelzen, die durch die „Völker“ der Rosmer und der Passauer vertreten werden.    

5.1. Die Weltkatastrophe

„Indes erzählt die Science Fiction vergleichsweise selten von Katastrophen, die dem Menschengeschlecht keine Zukunft lassen. Wichtiger sind die anderen, die es von der Vergangenheit befreien.“ (Hienger 1972, S. 104). Im Unterschied zur Apoklypse der christlichen Lehre ist das Motiv der Katastrophe in der SF nicht das Ende aller Geschichte. Die Katastrophe kann, ob nun natürlichen oder künstlichen Ursprungs, als Chance betrachtet werden, die genutzt oder nicht genutzt wird. Die hoffnungslose Situation geht ihr in den meisten Fällen voraus. In der Mehrzahl der Beispiele stehen die Überlebenden vor der Situation, in die Geschichte zurückgeworfen worden zu sein, in der sie ererbte Techniken nicht mehr auf Dauer nutzen können und eigene Konzepte entwickeln müssen. Diese Konzepte für das Weiterleben können neu sein, aber auch auf Bekanntes zurückgreifen oder beide Aspekte vereinen. Die Geschichte wird durch die Katastrophe besser korrigierbar, als durch die Zeitmaschine[132]: „Zur Kurskorrektur großer Entwicklungen sind Katastrophen erforderlich.“ (Demandt 1984, S. 92). Eine Voraussetzung ist natürlich, daß die Geschichte nach der Katastrophe fortgesetzt wird.

Formal ist das Motiv der Weltkatastrophe mit dem der Schaffung einer Alternativwelt verwandt: an eine unbestimmte Zukunft oder Vergangenheit wird die Frage gestellt: Was wäre, wenn ...?

„Historisch für das Wahrscheinlichste halte ich - neben dem immer möglichen atomaren Weltbrand, den die Parasiten in ihrer Todesangst auslösen - eine Mischung aus Katastrophen und Ansätzen, aus regionalen Zusammenbrüchen und Rettungsversuchen, aus Blindheiten und mühsam gewonnenen Klarheiten.“ (Amery 1985 a, S. 368).

Bei Amery als auch bei dem Althistoriker Demandt[133] erfährt die Katastrophe eine Aufwertung in der Interpretation als mögliche Chance; Amery unterscheidet in diesem Zusammenhang die totale von der produktiven Weltkatastrophe.

In „Die starke Position oder Ganz normale MAMUS“ (Amery 1985 b) beschreibt er in der achten Satire „Analyse und Verantwortung“ das Projekt „Futuribles Biomorphes“[134]. Jean-Jacques Smerdyayer, der Direktor der Arbeitsgruppe, stellt den Plan vor, das Überleben der Menschheit zu sichern, indem eine gezielt induzierte Epidemie die Weltbevölkerung vor der Überbevölkerung bewahrt. In diesem Sinne ist die Novelle Amerys anders als das Vorbild Millers kein Kataklysmusroman: es geht nicht um die globale, absolute Zerstörung, die auch Flora und Fauna in Mitleidenschaft ziehen würde - im Gegenteil, diese erhalten sogar eine Erholungspause von der Menschheit. Genau genommen soll die Epidemie der eigentlichen Katastrophe zuvorkommen: dem globalen Zusammenbruch durch totale Überbevölkerung.

Das Resultat der Seuche wurde bereits in der früheren Erzählung „Der Untergang der Stadt Passau“ vorgestellt: die Wissenschaftler haben sich verrechnet. Der Immunitätsfaktor wurde durch einen Irrtum um den Faktor 500 auf 1000 reduziert. Dadurch läßt sich in der Nachkatastrophenwelt der technologische Standard der Vorwelt nicht halten; stattdessen fungiert die Katastrophe als Zeitsprung einer ganzen Zivilisation in die eigene Vergangenheit - und gewinnt dadurch an Zukunft. Vor die neue Situation gestellt, hat die Menschheit die Wahl, wie sie sich in der Zukunft entwickeln möchte - mit dem Hintergrundwissen einer vergangenen Zeit, die sich in eine gefährliche Sackgasse hineinentwickelte. Die Frage ist nun, ob die Menscheit aus den Fehlern lernen kann.     

5.2. Die Wiedergeburt der Politik

Der Neuanfang in „Passau“ ist auf eine ähnliche Art mit Anachronismen[135] versetzt, wie die Fabeln der „Kyberiade“:

> Ein Anachronismus ist vor allem die gesamte Existenz der Stadt und der Gesellschaft Passaus.

> Auch die Existenz von Lois und seiner politischen Vorgeschichte zählt zu den Anachronismen; durch sie beeinflußt er Marte ideologisch, denn er kann aufgrund seiner Biographie auf Erfahrungen zurückgreifen, die Marte als Kind der Neuen Welt erst noch machen müßte: „Er hatte eine neue mitteleuropäische Politik eingeleitet - und doch nur eine schändlich alte: die alte Politik der Wölfe und Schafe.“ (Passau, S. 115). Schließlich macht sich Lois noch Gedanken darüber, wie er und die Geschehnisse um ihn herum von einer zukünftigen Geschichte gesehen werden würden - dafür muß er aber das alte traditionelle Geschichtsdenken auf die neue Situation übertragen, obwohl sein Volk noch keine Geschichtsschreibung kennt.

> Schließlich verteilen noch die subtileren Anachronismen über den Text wie der „marxistisch-dialektische Pfeil- und Bogenjäger“ (Passau, S. 116), ein satirisches Element, denn ein Proletariat kann es unter den Reiternomaden nicht geben.

Im Unterschied zu Lem, der die Handlung auf ein bis zwei Charakteren basiert, legt Amery Wert auf das psychologisch-individuelle Moment. Dabei sind die Protagonisten plastisch gestaltet, nicht als bloße Funktionsträger; eine persönliche Entwicklung allerdings durchlebt nur Marte, der einfältige Bauernfünfer, der sich schließlich als zum Anführer bestimmt entpuppt. Marte, „das Kind der stillen neuen Erde“ (Passau, S. 11), ist unter den wichtigsten Protagonisten zunächst der „edle Wilde“, unschuldig und naiv, da nicht wie Lois durch das Wissen um das „Vorher“ belastet.

Am Schluß wandelt er sich unter Verzicht auf seine frühere Unschuld zu der oben genannten Führungspersönlichkeit: er hat sich von Marte instruieren lassen und tritt damit ein Erbe aus der Zeit vor der Seuche an. „Vor einem hartnäckigen Trugschluß, der wohl bis in die Zeit des Schwärmens für den edelen Wilden zurückgeht, sei hier ausdrücklich gewarnt. Was erforderlich ist, ist kein natürliches Programm“ (Amery 1994, S. 150)[136]. Leider kann auch Amery den Imperativ der Verantwortung nur mit einem Konjunktiv beantworten: „Wären wir 400 oder 500 Millionen Menschen auf Erden...“ (Amery 1994, S. 151). An dieser Stelle beginnt schon SF.

Bezeichnend ist, daß es in „Passau“ wiederum die Kirche ist, die die offizielle Geschichtsschreibung übernimmt und damit die moralische Grenze zwischen Siegern und Besiegten ziehen kann[137]. In der Geschichtstheologie des Egid ist die „Wiederherstellung der natürlichen Dinge“ (Passau, S. 14) ein Schlüsselbegriff; der Krieg und die sich abzeichnenden politischen Konflikte mit den Reiternomaden werden allerdings nicht als Widerspruch zur Natürlichkeit gedeutet.

Die Schlacht, die am Ende des Romans entbrennt, wird ausgetragen zwischen den „gottlosen“ Passauern und den frommen Rosmern. Diese Information erhält der Leser aus der Quelle der Chronik des Egid, die aus dem Lateinischen, das Ähnlichkeiten mit dem Latein der Merowinger aufweist, übersetzt wurde. Diese Quelle und die Erklärung der Ursache der Seuche, die in „MAMUS“ versteckt ist (vgl. 5. 1.) sind das rationale Element, mit dem die Katastrophe auch für den Leser dokumentiert und begründet wird.

Der Anachronismus der lateinischen Quellendokumentation spricht der Geschichte die Eigendynamik ab: alles wiederholt sich zur Erfüllung eines schicksalshaft vorgezeichneten Weges. Nach der mittelalterlichen Periode wird sich die Neuzeit entwickeln und damit wird auch wieder das Problem der Überbevölkerung aktuell. Würde Amery den Roman fortsetzen wollen, müßte er erneut Kunstgriffe anwenden, um dem Handlungsablauf eine überraschende Wendung zu geben.

Die Natur des Menschen ist es, nur im Widerspruch mit der ihn umgebenden Natur zu existieren; diese Ansicht ist der Ausgangspunkt der philosophischen Anthropologie von Amery. Aus dieser Prämisse folgert der Religionsphilosoph Georg Picht: „Wir stehen also vor der Paradoxie, daß wir denselben Prozeß befördern müssen, von dem wir wissen, daß er die Menschlichkeit des Menschen zerstören und damit auch sich selbst aufheben könnte.“ (Picht in: Apel/Böhler/Berlich 1980, S. 457). In Passau werden die Selektionsbedingungen, denen die Menschen unterworfen sind, auf eine naturharmonische Basis zurückgewendet.

„Und tatsächlich waren die ersten Weisheiten, die ersten skills der Menschheit keineswegs das, was wir Produktionszuwachs nennen würden. Ihre ersten Weisheiten bezweckten die möglichst flexible Anpassung an die Ressourcen aus laufenden natürlichen Einkommen - ohne sogenannte `Veredelungs-Prozesse´“ (Amery 1985 a, S. 349).

Auf dieser Basis bewegen sich die Rosmer am Anfang der Novelle; die Wende wird aber schon früh in einer Bemerkung Lois`gekennzeichnet: „Man muß wieder politisch denken.“ (Passau, S. 12). Die Unorganisiertheit eines Personenverbandstaates ist für politische Aktionen nicht geeignet. Amery hat in seinem Roman Fragen aufgeworfen, die gerade in unserem Jahrhundert an Dringlichkeit zunehmen; niemand kann absehen, ob der Mensch noch weiter degeneriert, wie die Bewohner Passaus, oder ob er sich weiterentwickelt zu „etwas“, was momentan noch nicht absehbar ist. Die Frage, ob die Entwicklungen in Passau zwangsläufig waren wie in „A Canticle for Leibowitz“, oder ob die Rosmer eine Chance für einen Neuanfang hatten, kann nicht geklärt werden. In Millers Vorlage sind die Menschen durch die Erbsünde belastet, so daß der Brudermord unausweichlich ist. Amery sucht die Ursachen näher am Tatsächlichen: „Die zwei sind reingefallen, beziehungsweise, diese Nachkommen sind reingefallen. „ (Amery-Interview 1995, S. 3). Der Neuanfang war eine reale Chance, doch sie wurde nicht genutzt, weil traditionelles Denken auf eine veränderte Situation übertragen wurde, diesmal mit verkehrten Vorzeichen: nicht der technologische Fortschritt überfordert die politische Verwaltung, sondern der plötzliche „Rückschritt“, dessen Möglichkeiten von Lois erkannt werden. Doch auch er hat sich von der Vergangenheit nicht gelöst.    

5.3. Inkonsequenter und ökologischer Materialismus

„Indem sich Science Fiction um jede Bestimmtheit des Gesellschaftlichen herumdrückt, vertreibt sie alle Geschichte. Jenseits des Kapitalismus existiert nichts als die Abenteuer von Technik, Wissenschaft und entfesseltem Geist.“ (Pehlke/Lingfeld 1970, S. 66). Die SF-Romane Amerys sind besonders geeignet, den umfassenden und einseitigen Vorwurf von Pehlke und Lingfeld zu widerlegen.

Amery ist Vertreter eines „ökologischen Materialismus“[138], mit dem er sich eine Basis schafft, von der aus er sowohl Entwicklungen des Kapitalismus als auch des Marxismus kritisch beleuchten kann. Heute würde er nach eigenen Angaben den Begriff nicht mehr so nennen, obwohl sich das Problem nicht aufgelöst hat: „Der Kapitalismus ist vorläufig übriggeblieben, weil er geschmeidiger ist. Eine Auflösung gibt es nicht. Die Frage weicht auf im biosphärisch-ökologischen Kontext“ (Amery-Interview 1995, S. 11). 

Das kapitalistische System ist im Text eindeutig in der Stadt Passau realisiert: das Konsumverhalten erschöpft die Ressourcen, woraufhin die Agressivität der Expansionsbestrebungen zunimmt. Die Stadt Passau vertritt durch den Versuch, das Industriesystem zu reanimieren, die Position, die Amery als „inkonsequenten Materialismus“ bezeichnet (Amery 1985 a, S. 365); ein besonderes Kennzeichen ist die Kurzsichtigkeit der Planung.

„Die Dialektik heißt: Der Mensch kann überleben als Spezies, als Krone der Schöpfung, wenn er weiß, das er sie nicht ist. Nur das distinguiert ihn, daß er das weiß. Der Löwe oder der Ameisenbär weiß daß vermutlich nicht. Was also durchaus im Zugriff der Einsicht liegt, daß wir also nicht die Krone der Schöpfung sind in dem Sinne, daß wir machen können, was wir wollen. Diese Meta-Überlebenstaktik, das ist das Entscheidende und das unterscheidet grundsätzlich vom Kapitalismus.“ (Amery-Interview 1995, S. 12).

So aktualisiert Amery 1995 seinen Begriff vom ökologischen Materialismus mit der Forderung einer langzeitigen Planung, die nicht durch eine anthropozentristische Sicht beherrscht wird.

Der kapitalistischen Gesellschaft steht in der Erzählung allerdings nicht die marxistische gegenüber, sondern zunächst eine Gesellschaft nach den Prinzipien des ökologischen Materialismus (vgl.: Amery 1985 a, S. 364 - 367), die nach der Katastrophe  ihre große Chance hat:

„Die sinnvolle Alternative zum Großprojekt ist das Kleinprojekt.“[139] (Amery 1985 a, S. 357). Die Rosmer produzieren ausschließlich für den Eigenbedarf und nur innerhalb ihrer Möglichkeiten; zudem zeichnet sie aus, daß sie in egalitären Strukturen leben und ihnen auch die Feinheiten politischer Strategien[140] fremd sind; sie haben sie ersetzt durch eine naive Mündigkeit im Umgang mit ihrer Lebenswelt. Der „Scheff“ begeht den Fehler, Einfachheit mit Dummheit zu verwechseln und unterschätzt dadurch Lois von Grund auf.    

„Zukunftsschrott ist meine Bezeichnung für eine kulturelle Situation, die durch eine schnell fortschreitende Erosion der kollektiven Intelligenz gekennzeichnet wird. ... Zukunftsschrott ist genau das, was nach dem Zukunftsschock kommt.“ (Postman 1988, S, 186). Huxley´s „Schöne Neue Welt“ erscheint 1932, als sowohl in Deutschland, Italien, aber auch in der Sowjetunion auf verschiedene Art und Weise „intellektueller Selbstmord“ begangen wird. 1960 erscheint „Wiedersehen mit der Schönen Neuen Welt“ und es zeigt sich, daß die Neuauflage des Themas zeitlos ist. Im Unterschied zu Orwell werden bei Huxley die Menschen nicht durch Schmerzen, sondern durch das Vergnügen kontrolliert.

Der Geist einer Kultur kann vor allem durch zwei Arten zugrunde gerichtet werden: indem man die Kultur zum Gefängnis macht und/oder indem man die Kultur zum Varieté macht. Die erste Variante wird von Amery bereits im „Königsprojekt“ durch den Hermetismus einer klerikalen Gruppe vorgestellt. Kultur als Varieté, das bunter und angenehmer ist als ein naturangepaßtes Leben wird in diesem zweiten Roman besprochen (auch in Lems „Kongreß“ steht der Aspekt einer ablenkenden und unterhaltenden Kultur im Vordergrund).

„Stolz und Vertrauen. Das habe ich geschaffen. Elite-Bewußtsein. Und - daraus vielleicht eine Tech - eine Tech - nologie, die von Dauer ist. Mittelalterliches Niveau ungefähr. Barockes, vielleicht.“ (Passau, S. 76). So offenbart sich Lois` der betrunkene „Scheff“. Ziel ist also wieder eine elitäre und technologiegestützte Zivilisation, die sich unweigerlich wie die vergangene verhalten wird.

Seit dem Verfassungskreislauf nach Platon ist bekannt, wie leicht anarchische Zustände in eine Tyrannei münden können[141]. Eine Besserung ist nach Platon nur zu erhoffen, wenn die wahren Philosophen an die Macht kämen, oder die politisch Mächtigen zu Philosophen würden. Tatsächlich sind in den Anfängen von Passau und Rosenheim die „politisch Mächtigen“ Vertreter von Vorseucheideologien, die alte Theorien auf die neue Situation anwenden.


FUSSNOTEN

  1. Peter Kurtz weist zu Recht darauf hin, daß es sich der Form nach eher um eine Erzählung als um einen Roman handelt (vgl.: Kurtz 1992, S. 50).
  2. A Canticle for Leibowitz“ ist ein Kataklysmusroman: die Erde wird durch einen Atomkrieg zerstört. Nach einem „finsteren“ Mittelalter folgt eine Renaissance der Wissenschaften und Künste. Die Industriealisierung verändert das Gesicht der Erde und am Ende wird die Zivilisation wie die vorangegangene durch einen Atomkrieg zerstört. In einer Hinsicht unterscheidet sich die erste Katastrophe von der zweiten: auf einem anderen Planeten befinden sich einige menschliche Kolonien, die die Geschichte der Menschheit fortsetzen können, falls die irdische Menschheit dazu nicht mehr in der Lage sein sollte. Für diesen Fall hat die Kirche vorgesorgt; der ehrwürdige Vater erwartet allerdings auch von der außerirdischen Menschheitsgeschichte nichts anderes als von der irdischen, denn der Mensch ist das gefallene Geschöpf, dessen Ungehorsam gegenüber Gott den Brudermord nach sich zieht.
  3. „Indem die Zeitreise eine verpaßte Möglichkeit in eine realisierte verwandelt, verschenkt sie wieder eine verwirklichte. Jeder Sieg über die Zeit ist damit vom Standpunkt der Science Fiction aus zugleich eine Niederlage.“ (Hienger 1972, S. 113,114) urteilt Hienger über die Möglichkeiten der Zeitreise; das muß nicht in allen Fällen so sein (man denke an Wells, der seinen Zeitreisenden die Zukunft der Menschheit retten läßt), doch beeinflußt die Zeitreise in den meisten Fällen nur eine kausale Verkettung von Ereignissen (mit den entsprechenden Verzweigungen), deren Entwicklung nicht völlig zu steuern ist. Die Weltkatastrophe dagegen schafft mit einem globalen „set up“ eine klare Ausgangslage, von der aus man die weiteren Entwicklungen betrachten kann. 
  4. „Vielleicht ist der Tod auf allen Ebenen das Mittel, in dem sich der Naturverlauf normalisiert.“ (Demandt 1984, S. 118)
  5. In „Das Geheimnis der Krypta“ wird in umgekehrter Zeitfolge schließlich der Urheber der Idee der künstlich induzierten Seuche vorgestellt: es ist Korbinian, der gleichzeitig auch der Erfinder der „Sphagistik“, der Wissenschaft der Niederlage ist; auch Smerdyayer kommt in diesem Roman vor.  
  6. Insofern ist die Behauptung von Kurtz zu relativieren, die eher auf den Kataklysmusroman zutrifft: „Die Weltkatastrophe dagegen bedeutet den vollständigen Verlust der Traditionen und stellt daher für die Nachgeborenen den Anfang der Geschichte dar.“ (Kurtz 1992, S. 59) Zur fatalen Entwicklung kommt es ja gerade dadurch, daß die Rudimente einer vergangenen Zeit omnipräsent sind.
  7. Keine der handelnden Personen behält in „Passau“ die unschuldige Reinheit der Person wie „Sonne-von-links“ in „An den Feuern der Leyermark“, der Indianer, der nach Bayern ausgewandert ist.
  8. In der „Magnalia Dei per Gentem Rosmeriorum“ läßt sich verfolgen, wie die Selbstverteidigung der Rosmer in einen „Heiligen Krieg“ umgedeutet wird: (in Frakturschrift) „Und als Werkzeug des Zornes war das Volk der Rosmer auserwählt, weil von Anfang an Feindschaft gesetzt war zwischen ihnen und dem Babylon Passau.“ (Passau, S. 7) Wie im „Königsprojekt“ übernimmt die Kirche säkulare Verantwortung durch ihre Parteilichkeit. In Passau wurde auf die stützende Rolle einer Religion bewußt verzichtet; Geschichte wird durch die Bürokratie in den Händen Eva Piczien verwaltet.
  9. In der Biographie des Lois Retzer wird bemerkt, daß dieser bereits vor der Katastrophe in seiner Studentenzeit plante, eine Arbeit mit dem Titel „Grundriß des ökologischen Materialismus“ zu veröffentlichen (vgl.: Passau, S. 98). Im Text kann er als Sprachrohr Amerys gelten; indem Lois am Ende scheitert, gibt auch er seine Ratlosigkeit gegenüber der gegenwärtigen Situation zu.
  10. Auch in Amerys Europa-Konzeption beispielsweise bevorzugt er die „kleine Lösung“: „Amery schlägt für Europa eine Föderation aus vierzig Bundesstaaten mit eigenen Aufgaben und regionalem, auch historischem Profil vor.“ (Kurtz 1992, S. 21)
  11. „Lois erklärt Malte den Begriff „Politik“ so: „Du sitzt auf was und gibst es nimmer her, auch wenn  du selber gar net alles brauchst.“ (Passau, S. 104)
  12. Das Terrorregime der „Dreißig Tyrannen“ hatte ernüchternd auf ihn gewirkt, nachdem er seine Hoffnung auf die Oligarchie von 404/03 v. Chr. gesetzt hatte.