Albert Almering

SF im Allgemeinen und Lem im Besonderen

(Examensarbeit)

6. Stanislaw Lem: „Der Futurologische Kongreß“

6.1. Die „Erlebensebenen“ in der Erzählung Tichys
6.2. Die Linguistische Prognostik Trottelreiners
6.3. Chemokratie und Psivilisation 

In Costricana findet der achte futurologische Kongreß statt, der die Überbevölkerung der Welt und ihre Bekämpfung thematisiert. Der Kongreß beginnt unter schlechten Vorzeichen: in den Straßen um das Hilton, das die Kongreßgäste beherbergt und eine geschlossene Welt für sich ist, tobt der Bürgerkrieg zwischen der Militärregierung und Putschisten. Auch neuartige chemische Kampfstoffe, „Gutstoffe“ und Benignatoren, die Reue, allumfassende Liebe und Güte induzieren, kommen zum Einsatz. Schließlich müssen sich auch die Teilnehmer des Kongresses in die Kanalisation des Hotels zurückziehen, wobei sie den Kampfstoffen aber nicht ganz entfliehen können. Die Wirklichkeitsebenen verschieben sich durch die Überlagerung immer neuer halluzinatorischer Erlebnisse; auf einer dieser Erlebnisebenen wird Tichy so schwer verwundet, daß man ihn einfrieren muß, bis sich die Medizin seines Falles annehmen kann. Die folgenden Erlebnisse in der Zukunft des Jahres 2039 sind das Kernstück der Erzählung: Tichy ersteht von den Toten auf und findet sich in der Gesellschaftsordung der Chemokratie wieder (Tichy erwacht erstaunlicherweise geheilt aus dem Kälteschlaf - eine Erklärung für seine Genesung wird nicht gegeben). Alle Sinneswahrnehmungen und die Reaktionen der Menschen werden bis in die kleinsten Entscheidungen durch die Einnahme chemischer Mittel gesteuert. Tichy, der dieser Kultur mißtraut, gelingt es mit Hilfe des ehemaligen Futurologen Professor Trottelreiner, der ihm ein chemisches Antidot verschafft, die Mauern der „Maskone“ zu durchbrechen. Zunächst eröffnet sich Tichy durch die Einnahme des Mittels der Eintritt in die erste Hölle einer hoffnungslos überbevölkerten Welt; diese wird aber noch gesteigert durch die Existenz weiterer Antidote (jedes vorhergehende war seinerseits mit Maskonen versetzt), die immer schlimmere „Wirklichkeiten“ zeigen. Wie eine Zwiebel verliert die simulierte Welt ihre Schichten, so daß sich Tichy kaum traut, das vorläufig letzte Mittel einzunehmen.

Zum Schluß entlarvt Tichy Symington, einen Bekannten, der sich mit der Produktion von „Bösem“ zur Triebentlastung in der chemisch kontrollierten Welt beschäftigt, als Drahtzieher bei der Produktion und Verteilung der „Maskone“. Er ist der heimliche Diktator, der letzte, der um die Wirklichkeit Bescheid weiß und seinen Vorteil (unter altruistischem Vorwand) für sich nutzt. Wutentbrannt ringend stürzen Tichy und Symington aus einem Fenster - und Tichy erwacht in der Kanalisation unter dem Hilton aus seinem Alptraum. Die Revolution ist inzwischen beendet und der Kongreß geht seinem zweiten Tagungstag entgegen[142]. 

6.1. Die „Erlebnisebenen“ in der Erzählung Tichys

Tichy, der Protagonist der Erzählung, ist wie Pirx ein „intuitiver“ Held, der als solcher den Spezialisten überlegen ist. „Seit einiger Zeit hat sich die Auffassung herausgebildet, daß die Bedingungen der modernen und zukünftigen zivilisatorischen Evolution nicht perfekt spezialisierte Individuen begünstigen werden, sondern vielmehr äußerst ´flexible´, nicht in Routine erstarrte, die zur Anpassung an die veränderlichen zivilisatorischen Bedingungen fähig sind.“ (Jarzebski in: Berthel 1976, S. 80)

Die menschliche Schwäche und Unvollkommenheit, die der Leser hautnah miterlebt, wird zum Vorteil für Tichy, der um den Erhalt seiner Menschlichkeit kämpft[143]. Lem läßt Tichy[144] in der „Ich“-Form erzählen, die er sonst nur sehr selten verwendet. Dadurch wird der Leser in das Wechselbad der Erlebnisebenen stärker eingesogen.

„Annahmen des Lesers, es handle sich nur um Traum, Wahnsinn oder Halluzination sind letztlich Auflösungsversuche im Interesse der Rationalität, wenn auch unter negativem Vorzeichen. Kompliziert ist die Hinterfragung der Wahrnehmungsperspektive des Helden in der Ich-Erzählung, die von phantastischen Autoren nicht umsonst bevorzugt wird.“ (Penning in: Thomsen/Fischer 1980,      S. 36).

Lem bevorzugt sonst als untypischer SF-Autor  eine die Objektivität bewahrende „Aufsicht“ auf die Taten seiner Protagonisten, doch in diesem Kurzroman macht er eine Ausnahme.

Im „Kongreß“ ist die Perspektive Tichys der einzige Angelpunkt, an dem sich die Orientierung des Lesers festmachen kann. So muß er dem Protagonisten folgen, wenn dieser immer wieder durch die verschiedensten Umstände in absurde Erlebnissituationen gezogen wird: durch chemische Kampfstoffe, Unfälle mit klinischem Tod, Kälteschlaf, chemischer Einwirkung in der Chemokratie und schließlich durch die Möglichkeit, daß alles nur ein Traum war. Bis zu diesem Erwachen allerdings wird nicht nur das Bewußtsein, sondern vielmehr die ganze Person Tichys bis zur Hirntransplantation in fremde Körper demontiert, so daß eine Definition des „Ich“ immer unmöglicher erscheint. „... ich streckte mich; mein Blick fiel auf den Spiegel, an der Gegenwand. Bandagiert und im Rollstuhl saß dort eine hübsche Negerin mit verdutztem Gesichtsausdruck. Ich berührte die eigene Nase. Das Spiegelbild tat desgleichen.“ (Kongreß, S. 49). Ein wichtiges SF-Motiv wird hier variiert: Die Dividierung eines Individuums. Dabei ist mehr die Wahrnehmung wichtig, wie sie sich dem Leser über Tichy mitteilt, als die psychologischen Zustände des Protagonisten.

In Abbildung 2. wird der Versuch gemacht, die Erlebnisebenen Tichys durch die im Text präsentierte Reihenfolge und durch eine Bindung an Orte zu ordnen (zur besseren Übersicht wurden die Übergänge von einem Zustand in den anderen durchnummeriert). Dabei können nicht annähernd die Unsicherheiten berücksichtigt werden, die sowohl Tichy als auch den Leser befallen, auf welcher Ebene er sich tatsächlich befindet: das Schaubild bezieht sich einzig auf die Beschreibungen, die Tichy aus seiner jeweiligen Situation für wahr hält. Aus diesem Grund wird auch auf eine Hierarchiesierung von Wahrheitsebenen verzichtet, obwohl aller Wahrscheinlichkeit nach der Kanal den höchsten „Wahrheitswert“ hat: in ihm erwacht Tichy nach allen Träumen (oder Halluzinationen?; der Text läßt diesen Punkt offen.).

Einzig vor Tichys Vitrifizierung hat der Leser einen scheinbaren Wissensvorsprung vor dem Protagonisten: während Tichy das Krankenhaus, in dem er nach seiner Verwundung erwacht, aufgrund der Erfahrungen, die er gemacht hat, für eine Halluzination hält, ahnt der Leser, daß diesmal die Halluzination Wahrheit ist - und wird für den Rest des Romans in diesem Glauben gelassen, bis Tichy erneut im Kanal erwacht! Hier könnte eine psychologische Deutung der Auflösung des „Ich“ ansetzen, die aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde; im Vordergrund soll die Funktion der Auflösung und Remontage des Protagonisten in einer neuen Welt stehen.

Lem benutzt den Wechsel von Erlebnisebenen, die sich ablösen und überschneiden können, um den Gehalt an empirischer Textwirklichkeit so gering wie möglich zu halten. Damit baut er eine unerhörte Spannung auf, denn der Leser muß darauf gefaßt sein, aus jeder Situation plötzlich fortgerissen zu werden, um mit Tichy woanders/als etwas anderes wieder aufzuwachen. Die vier Monate Erzählungszeit legt Lem über den Traum und die Halluzination zwischen zwei Tagen fest und gibt den verschiedenen Erzählebenen so auf der letzten Seite einen verbindenden Rahmen. Jedes rationale Element, das zwischenzeitlich im Text als Erklärung für ein Phänomen herangezogen wird, wird durch eine andere Erlebnisebene ad absurdum geführt. Eine rationale Erklärung findet sich natürlich immer in dem permanenten Einsatz von Halluzinogenen, doch entgleitet dem Leser diese Basis, da er nicht beurteilen kann, wann die Wirkung des einen Mittels anfängt und die des anderen aufhört; dazwischen liegen die Träume, in denen wiederum ebenfalls Drogen existieren.

Robert Philmus (vgl.: SFS Juli 1986) sieht im „Kongreß“ die logische Fortsetzung von Wells „The Time Maschine“; ein Mensch versucht im Alleingang, die bedrohliche Zukunft zu wenden, deren Konturen er schon in seiner Gegenwart entdeckt. Lem thematisiert die Zeitreise in seinen Kurzgeschichten und Romanen allerdings nur ungern; er bedient sich dieses SF-Motivs nur zur Veranschaulichung der selbstdefinierten „Phantomologie“:

„Lem nennt die Disziplin, die sich mit dergestalt zustandekommenden fiktiven Wirklichkeiten beschäftigt, Phantomologie und die Technik, welche es ermöglicht, eine Welt der totalen Illusion zu erzeugen, Phantomatik.“ (Thomsen/Fischer 1980, S. 359).

Durch die subversive Tätigkeit der Phantomatik[145] wird die Beziehung des Menschen zur Welt pervertiert. Sie schließt nämlich einen Test aus, der die Wirklichkeit von der Illusion trennt[146].

In der Figur Tichys schimmert die pessimistische Grundhaltung Lems durch, die dieser am Anfang der siebziger Jahre einnahm, so daß er seinen Helden nicht mehr so leichtfertig mit dem Universum jonglierend darstellen konnte (immerhin wird Tichy auf der zwanzigsten Reise der „Sterntagebücher“ zum Schöpfer unseres gegenwärtigen Universums).

Zu Beginn der Erzählung sind die parodistischen Elemente reich vertreten: im Spott über das Diskussionsverhalten der Futurologen, in der starken Überzeichnung der „befreiten Schriftsteller“, die zur gleichen Zeit im Hilton tagen.[147]

Das zentrale SF-Motiv ist die Zeitreise durch den Kälteschlaf. Nach seinem Erwachen präsentiert sich Tichy eine zukünftige Gesellschaft, für die es Basisprobleme wie Hunger, Armut, Überbevölkerung und Krieg nicht mehr zu geben scheint. In dieser Phase der Erzählung werden die parodistischen Elemente immer seltener, abgesehen von der linguistischen Theorie Trottelreiners.

Alternierend wechseln sich Satire und Parodie im „Kongreß“ ab. Im Unterschied zur Parodie, die durch die Nachahmung einer vorgegebenen Gattung wirkt, ist die Satire nicht an eine Gattung gebunden.

Zu den unabhängigen satirischen Elementen gehören die Anspielungen auf:

1. Auswüchse von Kultur - und Dienstleistungsbetrieben; ein Spezialist für Attentate wirbt in einer Anzeige: „... im Zeitalter der hochgezüchteten Spezialisierung tue man nichts auf eigene Faust; man vertraue dem Berufsethos und den Kenntnissen gewissenhafter Fachleute.“ (Kongreß, S. 14).

2. Verwaltungshierarchien und -strukturen; Tichy findet, nach einer Totaloperation allein zurückgelassen, ein Formblatt neben sich:

„Werter Patient (Vor- und Zuname), ... Die herzliche Benachrichtigung, die Du hiermit liest, soll Dir helfen, Dich den neuen Gegebenheiten Deines Lebens bestmöglichst anzupassen. Wir haben es Dir bewahrt. Gleichwohl entfernten wir Dir notgedrungenermaßen Arme, Beine, Rücken, Schädel, Genick, Bauch, Nieren, Leber, Sonstiges (Nichtbenötigtes streichen!)“ (Kongreß, S. 51)

3. Konkurrenzdenken und Vetternwirtschaft (beispielsweise in der Hemmungslosigkeit der Reporter zu Beginn des Kongresses)

4. Versammlungs- und Sitzungsabläufe; in diesem Zusammenhang auf Wissenschaftstheorie und -sprache, aber auch auf die Abkürzungspraxis[148] (wie sie besonders in den sozialistischen Ländern zu dieser Zeit Mode war).

5.  Charakterzüge veschiedener Personen durch eidetische Namensgebung (zum Beispiel der Futurologe Trottelreiner)

Somit umfaßt der „Kongreß“ gleichzeitig eine Satire auf die Gattung, als auch auf aktuelle kulturelle Riten. „In dem Kurzroman ´Der Futurologische Kongreß´ fehlen ... die parodistischen Elemente und die Satire beschränkt sich im wesentlichen auf die einleitende Beschreibung des Kongresses.“ (Marzin 1985, S. 18).  So ernst, wie Marzin es beschreibt, hat Lem den „Kongreß“ nicht gestaltet; auch stimmt die Beschränkung auf die Einleitung nicht, wie im folgenden Kapitel belegt werden wird. Tatsächlich nehmen die potentiell komischen Elemente zum Schluß des Romans immer mehr ab; das Spielerische wird reduziert zugunsten der Alptraumatmosphäre, die sich durch die Vielfalt von aneinandergereihten Erlebnisebenen verdichtet.

Im folgenden Kapitel soll die Untersuchung des Verhältnisses von Kognition und „Wahrheit“ auf den sprachlichen Aspekt konzentriert werden. In einem Dialog zwischen Trottelreiner und Tichy offenbart Lem dem Leser exkursartig seine Sprachtheorie, indem er sie durch Trottelreiner parodieren läßt.  

6.2. Die Linguistische Prognostik Trottelreiners

Durch die sogenannte „kognitive Wende“ am Anfang der siebziger Jahren werden die Grenzen einer Forschungsrichtung gesprengt, die sich nur auf das Verhältnis von Reiz und Reaktion konzentriert: die Untersuchung mentaler Prozesse verdrängt den Behaviorismus. Damit wird Gegenstand der Forschung, was im Menschen beim Sprechen und Hören vorgeht. Das allgemeine Problem der Wahrnehmung, das in 6.1. veranschaulicht wurde, soll nun für Lem in der Beziehung von Sprache und Wahrnehmung exemplifiziert werden. Lem hat bereits 1965/66 begonnen, sich mit linguistischen Fragestellungen auseinanderzusetzen (nach seinem gescheiterten Versuch, in  „Phantastik und Futurologie“ eine umfassende empirisch begründete Theorie des literarischen Werkes zu schaffen). In Form eines Dialoges fügt Lem seine Auffassung über das Verhältnis von Sprache, Wahrnehmung und Wirklichkeit in seine Erzählung ein.

Im „Kongreß“ versucht der ehemalige Futurologe und streckenweise Gefährte Tichys Professor Trottelreiner, die Sprachwissenschaft zum Instrument einer neuartigen Prognostik zu machen, indem er nach grammatikalischen Gesetzen neue Worte bildet und anschließend versucht, ihre mögliche semantische Bedeutung in der Zukunft abzustecken. Daß es zu diesen Begriffen keine mentale Repräsentation geben kann, stört ihn dabei nicht. Die Chiffregestalt der Umwelt wird bei Trottelreiner zum Spiel mit selbstreferentieller Semantik; Wirklichkeit wird durch ihn einer Welt unterworfen, in der das Zeichen wichtiger ist, als der Inhalt. Lem kann hier der Kunst seiner Sprachschöpfungen freien Lauf lassen, gleichzeitig hat er in ihnen ein Medium für Satire. Die Diskussion der linguistischen Prognostik ist kein notwendiger Bestandteil der Erzählung - vielmehr ist sie ein Exkurs zu einem Gedankenexperiment, das er lose an den Text angefügt hat.  

In „Vollkommene Leere“ stellt Lem fiktive Rezensionen zu fiktiven Werken zusammen. Den Gedanken, den er im „Kongreß“ mit Trottelreiner  auf der Wortebene hat beginnen lassen, wird dort auf der Werkebene vollendet. In „Nichts oder die Konsequenz“ klagt Lem über die Bodenlosigkeit der „grammatischen Maschine“, der „Mühlsteine der Substantive“ und der „Treibräder der Syntax“ (Lem 1973, S. 89). Damit bezieht er Position zu dem Vorwurf Barnows, der wie Lem selbst in den „Science Fiction Studies“ veröffentlicht: „Contemporary SF ... has failed to invent a new syntax adequate to the cognitive potentiality of our social and scientific experience.“ (Barnow in: SFS Juli 1979, S. 154). Das Problem ist also, wie diese „neue Syntax“ gestaltet sein muß: bislang entziehen sich die Mechanismen natürlicher Sprachen noch erfolgreich jeglicher vollständigen Formalisierung.

Der „frühe“ Wittgenstein, den Lem sehr bewundert, dessen Sprachhermetismus er aber kritisch gegenübersteht, versucht, das Wesen und die Grenzen der Welt in das Wesen und die Grenzen der Sätze zu verlegen. Die Realität der von Trottelreiner analysierten Worte ist nicht existent; ein Wort oder Satz kann ohne Referenzbereich keine Bedeutung erlangen. Also muß im Sinne des „späten“ Wittgensteins die Sprache selbst die Realität schaffen.[149]

Zwei Regeln für Sprache und Information werden für die Welt im „Kongreß“ aufgestellt:

1. Die Bedeutung wird von der Wirklichkeit getrennt und bleibt verborgen.

2. Die Sprache kreiert eine Wirklichkeit, die den ausschließlichen Rahmen von Bedeutungsrelationen definiert.

In dem folgenden Dialog zwischen Tichy und Trottelreiner will letzterer ihm diese Theorie erläutern:

„- `...Bitte ein anderes Wort.`
- `Bein.`
- `Gut. was geht mit dem Bein? Beinler. Beinmal, allenfalls Beinmal eins. Beinigel. Beinzelgänger. Beinzeln und sich beinigen. Beingängig. Verbeinert. Bein dich! Beinste? Beinerlei! Beingeist. Beingeisterei.`
- `Was heißt denn das alles? Die Worte haben doch gar keinen Sinn?`
- `Noch nicht. Aber sie werden einen haben, das heißt, sie können unter Umständen Sinn gewinnen, sofern sich Beingeisterei und Beintum durchsetzen. Das Wort ´Roboter´ hat im 15. Jahrhundert nichts bedeutet, aber wenn die Leute damals die linguistisch orientierte Futurologie gekannt hätten, dann hätten sie beim Robotern die Automaten vorhersagen können!`“ (Kongreß, S. 104).

Lem spottet bevorzugt an den Stellen, an denen er selbst eine Grenze nicht überschreiten kann. Er macht sich auf der einen Seite über Sprachhermetismus lustig und weist zugleich auf die Probleme der Wirklichkeitserfahrung und der Medial-Theorie (Wirklichkeit ist nur über das Medium zu erfahren; Brechungen und Verzerrungen in der Erfahrung sind somit die Wirklichkeit) hin. Er sperrt auf der einen Seite Sprache und Welt in ein gemeinsames geschlossenes System ein, will sich auf der anderen Seite aber im literarischen Experiment über die selbstdefinierten Grenzen hinwegsetzen. Trottelreiner wird (ähnlich wie Trurl und Klapauzius) zum mittelalterlichen Sprachmagier, der Gegenstände und Ereignisse „herbeizaubert“, indem er ihnen Namen gibt. Denn: was hätte die Erfindung des Wortes „Roboter“ im 15. Jahrhundert bedeutet? Und: warum hätte man genau dieses Wort aus einer unendlichen Zahl anderer Wörter auswählen sollen? Trottelreiner ist wie Lem in dem Teufelskreis gefangen, daß die Semantik neuer Wörter wie auch die Entdeckung einer neuen Perspektive nur eine Verlängerung/ Modifizierung dessen sein kann, was bis zum Augenblick der Gegenwart erfahrbar ist.

Aus der „Beingeisterei“ entwickelt Trottelreiner eine Denkrichtung, in der sich der Mensch aus platzsparenden Gründen zum „Homo sapiens monopedes“ weiterentwickeln soll. Hintergrund der Gedanken ist aber ein Problem seiner empirischen Gegenwart, nämlich der Platzmangel durch Überbevölkerung. Was hätte der mittelalterliche Mensch unter „Beingeisterei“ verstanden, der das Problem der Überbevölkerung nicht kannte? Ebenso könnte der zukünftige Mensch unter dem semantisch nicht belegten Begriff etwas ganz anderes verstehen (beispielsweise ein zweites, in das Bein ausgelagertes Gehirn). Lem läßt den Leser durch seine doppelbödige Ironie im Unklaren über den Anspruch von Trottelreiners Thesen:

1. Zum einen hat Ironie bei Lem einen abschwächenden Charakter: da er manche Themen um seiner wissentschaftlichen Glaubwürdigkeit willen nicht direkt bearbeiten möchte, schreibt er fiktive Rezensionen zu fiktiven Bücher über genau diese Themen (z. B. über eine universelle Statistik der Menscheit in „Eine Minute der Menschheit“). Dem Vorwurf der Absurdität kann Lem damit immer wieder durch den Verweis auf die Uneigentlichkeit der Texte entgehen; wie in der Theorie der Romantiker kann er dabei seine Sehnsucht nach dem Absoluten in dem Wissen ausführen, letzteres nie erreichen zu können.

2. Zum anderen nutzt Lem die Ironie, um seine Gegenposition zu einem Standpunkt klar zu machen „Sprach- und Kulturimmanenz, notwendiges Resultat eines Rückgangs hinter die Gegenwelt des Phantastischen, heißt bei ihm: Konzentration auf eine aus den uns zur Verfügung stehenden Zeichen zusammengesetzten Wirklichkeit...“ (Piechotta in: Marzin 1985, S. 141).

Lems Thesen lassen sich, bezogen auf die seiner Romanfigur Trottelreiner, so zusammenfassen:

1. Die Welt des Zeichens ist die einzige uns zugängliche Welt.

2. Eine innersprachliche Beziehungswelt muß an eine außersprachliche Instanz gebunden sein.

Diese Thesen scheinen im Widerspruch zueinander zu stehen. Einen Sinn erhalten sie, wenn sie auf Lems schriftstellerisches Ziel übertragen werden: durch literarische Experimente sucht er Wege nach neuen Perspektiven, indem er versucht, das Noch-nicht-mögliche innerhalb der Grenzen der Wahrscheinlichkeit zu umreißen. Zur Verfolgung dieses Zieles gehört ein gewisser Hochmut, den er mit den Versuchen Wittgensteins, mit der Philosophie gegen das Gefängnis der Sprache anzugehen, teilt. „I am not interested in so-called linguistic poetry which creates an autonomous world that does not refer to anything existing outside this poetry.“ (Interview mit Lem in: SFS 1983, S. 5). Der Übertragbarkeit der Modelle kommt damit eine entscheidende Funktion zu: Schemata der Wirklichkeit sollen ausdehnt werden, soweit, wie diese es zuläßt.  Wie gegen den Strukturalismus entscheidet sich Lem schließlich gegen den linguistischen Ansatz, nicht aber ohne mit dessen verlockenden Möglichkeiten gespielt zu haben.

Trotz des natavistischen Sprachansatzes ist für ihn die natürliche Sprache nichts weiter als ein von Menschen erprobtes und mit Bedeutung beladenes Kommunikations- und Signalsystem. Dem Vertrauen, daß Philosophen wie Husserl oder Heidegger in die Sprache setzten, steht er mißtrauisch gegenüber: „Ich hege großes Mißtrauen gegen die Verabsolutierung von Informationswissen, das man aus dem bloßen Sprachbereich ableiten kann.“ (Lem 1986, S. 316).

Im nächsten Kapitel wird dieses Mißtrauen expandiert auf das Problem der Informationsverarbeitung im allgemeinen und die möglichen gesellschaftlichen Konsequenzen. Lem entwirft eine Gesellschaftsform, die in die Linie Orwells, Huxleys und Samjatins eingereiht werden kann.

Als Anmerkung zu diesem Kapitel läßt sich noch anfügen, daß die Sprachkritik Lems sich auf die natürlichen Sprachen konzentriert. Der Mensch selbst ist nicht fähig, über seine eigene Sprache hinaus eine Metasprache zu entwickeln, die eine Verbesserung der ethnischen Sprachen ermöglicht. Dagegen ist nach Lems Ansicht der biologische Code eine mächtige Sprache, die man zumindest teilweise in den Dienst nehmen kann für menschliche Fragestellungen. Diese Problematik wird im „Kongreß“ aber nicht mehr ausgeführt. 

6.3. Chemokratie und Psivilisation

"Auf der Erde leben 29,5 Milliarden Menschen. Es gibt Staaten und Grenzen, aber keine Konflikte. Der Hauptunterschied zwischen einstigen und jetzigen Menschen ist mir heute mitgeteilt worden. Grundbegriff ist jetzt die Psychemie. Wir leben in einer Psivilisation.“ (Kongreß, S. 66). In dem Kriminalroman „Der Schnupfen[150] (1977) entwickelt Lem bereits die Grundidee der Psychemie: durch ein aus verschiedenen Komponenten zufällig entstehendes Halluzinogen kommt es zu einer Reihe unerklärlicher Unfälle auf einer Autobahn. Aus dieser Idee, in Verbindung mit einer Anleihe aus einem anderen, früheren Roman, entstand die Chemokratie des „Kongresses“: in „Transfer“ kehrt der Weltraumfahrer Hal Bregg zu einer Erde zurück, die infolge des Einsteinschen Zeitparadoxons bereits in einer für Bregg fernen Zukunft lebt. Die Gesellschaft, die er antrifft, ist „betrisiert“, das heißt: den Menschen werden von Geburt an alle aggressiven Triebe genommen. Nach langem Ringen gelingt es Hal Bregg, sich in die Gesellschaft einzufügen; mit diesem Schluß war Lem später nicht mehr zufrieden.

„Lem untersucht die Gesellschaft als System von Elementen, zwischen denen Informationsströme verlaufen. Dieses System wird von schweren, krankhaften Störungen geschüttelt, wenn der Informationsfluß auf Hindernisse stößt, oder absichtlich blockiert wird.“ (Jarzebski in: Berthel 1976,   S. 66).

Die Gesellschaft, in der sich Tichy nach seiner Einfrierung wiederfindet, ist gleichzeitig Alptraum und Paradies. Durch die Beliebigkeit des Lebens und den Verlust jedes teleologischen Strebens ist die Mündigkeit der Bürger reduziert auf die Wahl zum Wetter von morgen. Politik, Philosophie, sämtliche Objekte intellektueller Betätigung beschränken sich auf pharmazeutische Mittel, mit denen das Individuum nur sich selbst erlebt. Neil Postman glaubt in seinem berühmt gewordenen zeitkritischen Werk „Wir amüsieren uns zu Tode“ eine Parallele dieser Tendenz im Fernsehverhalten - besonders in Bezug auf die jüngeren Generationen - zu erkennen: „Das Ungefährlichste am Fernsehen ist der Quatsch, den es produziert.“ (Postman 1985, S. 193). Weit gefährlicher ist seiner Ansicht nach die Tatsache, daß das Fernsehen auch zum wichtigsten Informationsträger für Politik, Religion und Kultur geworden ist; jedes dieser Themen aber vorwiegend nach seinem Unterhaltungswert präsentiert und beurteilt wird. 

Eine Forderung Lems ist, daß die Menschen emotional lebendig bleiben müssen; so kann Tichys Verlobte sich ohne Chemie nicht für oder gegen ihn entscheiden[151]; nur Tichy ist noch in der Lage, ohne „Furosil“ wütend zu werden. „Spontanen Gefühlen darf nichts überlassen bleiben; das wäre unanständig.“ (Kongreß, S. 66) Die Kultur der Gesellschaft hat aus der Not eine Tugend gemacht; die chemischen Krücken werden nicht als notwendiges Übel betrachtet, sondern als Überlegenheit gegenüber dem „Vorher“. Deswegen wird auch Tichy in verschiedenen Situationen verächtlich als „Tauling“ beschimpft.

Wie in Lois steckt in Tichy noch ein Erbe, das ihm hilft, die Zukunft gegen den Strich zu lesen. Beide sind in der Lage, Vergangenheit und Zukunft miteinander zu vergleichen[152]; hier verbinden sich sowohl in „Passau“ als auch im „Kongreß“ utopische und antiutopische Elemente.

Die Parallele mit der uns umgebenden Welt ist eindeutig: „Die Informationstechniken haben die Situation eines Paradieses geschaffen, worin angeblich jeder, der nur will, alles erkennen kann, aber das ist eine komplette Verfälschung.“ (Pospieszalska in: Berthel 1976, S. 126). Auf diese Verfälschung geht Neil Postman[153] ein, wenn er auf die Komplikationen hinweist, die sich ergeben, wenn eine Gesellschaft der „Informationselite“ zu einer neuen Klassengesellschaft umgeformt wird.[154]

Diese Elite ist nicht darauf angewiesen, zwischen Gut und Böse im Sinne Orwells zu unterscheiden - sie hält beide Pole fest in der Hand: „Wir haben das Böse gezähmt, wie die Krankheitskeime, woraus Arzneien bereitet werden. Kultur, mein Herr, das bedeutete früher, daß der Mensch dem Menschen einredete, der Mensch müsse gut sein.“ (Kongreß, S. 93). Symington, Angestellter von „Procrustics“, einer Firma, die sich mit der Produktion von „Bösem“ zur (chemischen) Triebbefriedigung befaßt, klärt Tichy über die neue Gesellschaft auf. Am Ende zeigt sich, daß er zur Informationselite der „Sachsichtigen“ gehört, die die Wahrheit von den Menschen fernhält - wie er sagt, aus humanitären Gründen. Doch auch die scheinbar perfekt simulierte Gesellschaft hat ihre Schattenseiten: trotz allgemeinem Reichtum gibt es die „Schmierarchie“, eine gebräuchliche Bezeichnung für bestechliche Funktionäre. Es läßt sich vermuten, daß die Funktionäre die letzten tatsächlichen Ressourcen für sich beanspruchen.

Durch die allgemeine Betäubung wird eine Lösung der Probleme einer totalen Überbevölkerung endgültig verhindert. Die Konsequenzen sind im „Futurologischen Kongreß“ leicht zu erkennen: kulturelle Stagnation und Unmündigkeit der Gesellschaft, die für die einfachsten Entscheidungen in dieser Gesellschaft ein chemisches Mittel benötigt[155]

„Seit Platon in seiner Politeia die Welt der wirklichen Dinge im Rahmen einer ontologischen Setzung als Schatten der Ideen bezeichnet hat, ist es eine Frage des erkennenden Subjekts, in welcher Form eine epistemologische Definition der Außenwelt möglich ist.“ (Marzin 1985, S. 19). Lem präsentiert sich als Vertreter des Solipsismus, stellt diese Position aber auch gleich zur Diskussion, denn er läßt dem Leser den berechtigten Zweifel an der Welt, die sich ihm durch die Augen Tichys präsentiert: Ist alles nur ein drogeninduzierter Traum, sind Teile wahr und andere falsch, oder ist die Erzählung aus dem Munde Tichys so hinzunehmen, wie er sie präsentiert?  

„Lem`s approach to tyranny would seem to indicate that he´s neither pro-West nor pro-East...“ (Ziegfeld 1985, S. 22). Tatsächlich hält sich Lem aus einer solchen Parteinahme heraus; so richtet sich seine Kritik sowohl gegen das kapitalistische als auch das kommunistische System, denn die Chemokratie kann in beide Richtungen gedeutet werden. Das falsche Paradies könnte sich ebenso auf die Verspechungen des „real existierenden Sozialismus“ als auch auf die Überflußgesellschaft am Rande des Ruins, so wie Amery sie beschreibt, hindeuten[156].

In „Stimme des Herrn“ führt Hogarth, Held des Romans und Wissenschaftler, aus, daß der Menschheit im Umgang mit Technologie nur zwei Möglichkeiten bleiben: entweder muß sie „den Himmel stürmen“, oder sich abkapseln und die Technologie zur eigenen Bequemlichkeit nutzen. Sowohl in „Transfer[157] als auch im „Kongreß“ hat sich die Menschheit für letzteres entschieden. Die Anwendung von Atomkraft sieht Lem dagegen an sich positiv, wenn ihr Gebrauch in den Händen verantwortungsbewußter Experten liegt[158].

Lem spricht meiner Ansicht nach mit dem „Kongreß“eine Absage an die szientistisch-humanistische Zivilisations-Utopie aus: die menschliche Kultur ist nur in der Lage, mit den Mitteln der Technologie die Mängel und Unstimmigkeiten, in diesem Fall die brutale Wahrheit der totalen Überbevölkerung zu überdecken, nicht aber zu beheben. Schwonke beschreibt das gleiche Problem so:

„Utopie als ´Leitbild des Handelns´, als ´Wurf des Willens´- diese Charakterisierung trifft das utopische Denken des 19. Jahrhunderts, den Ausdruck des ungebrochenen Selbstbewußtseins des Menschen, der es unternimmt, die Welt aus eigener Kraft und Macht zu gestalten.“ (Schwonke 1957, S. 2).

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die meisten kritischen Gesellschaftsentwürfe im Stil „Utopias“ von Thomas Morus entworfen. Doch auch der Stil des gegenutopischen Denkens ist von Amery und Lem weiterentwickelt worden. Waren es bei Orwell oder Huxley, in Bradburys „Fahrenheit 451“ oder Kornbluth/Pohls „The Space Merchants“ nahezu perfekt funktionierende Herrschaftssysteme, deren primäre Absicht es war, die eigene Verewigung anzustreben, so positionieren Lem und Amery in ihren „cautionary tales“ (Amery-Interview 1995, S. 3) ihre Herrschaftssysteme vor dem Hintergrund nahezu apokalyptischer Entwicklungen[159].

1982 lädt die Projektgruppe INSTRAT der Freien Universität Berlin Lem zu einem Kolloquium ein, in dem interdisziplinär das Potential von Informations- und Kommunikationssystemen für individuelle und gesellschaftliche Problembewältigungen untersucht werden soll. Um dieses Potential auch für die Zukunft abschätzen zu können, werden die Konfrontation von spekulativer Literatur und verschiedenen Wissenschaften gesucht. Zu diesem Zweck entwickelt Lem die Vision der „Ethosphäre“, in der

„eine fiktive Zivilisation aus der Gefahr des Kollapses der internalisierten Werte heraus sich eine ´physikalische Ethik´ geschaffen (hat), die jegliches unethisches Verhalten antizipiert und als ´Wolke´ verhindert. Diese Vereinigung von Physik, Ethik, Technik und Logik stellt ein Reich der vollständigen Ordnung dar.“ (Hennings 1983, S. 7).

Die Idee der „phsikalischen Ethik“ findet sich sowohl in „Kyberiade“ wieder, als auch in der Chemokratie - jeweils aus der Perspektive der Schöpfer und der „Opfer“ einer solchen Ethik. Schon im Ansatz unterscheidet Lem die Denkbarkeit und die Wünschbarkeit der „Ethosphäre“. Die Denkbarkeit dieses Modells basiert für Lem auf der These, daß die Techno-Evolution die Bioevolution zwangsläufig ablösen wird. Dementsprechend wird sich auch die Ethik nicht mehr an den biologischen Bedürfnissen allein orientieren, sondern sie muß beispielsweise auf ein ganz anderes evolutionäres Tempo reagieren können.

Nach einem Exkurs ihrer Methoden sollen im folgenden die Visionen der beiden Autoren zu zukünftigen Systemen untersucht werden, sowohl in Bezug auf ihre Denkbarkeit, als auch auf ihre Wünschbarkeit.


FUSSNOTEN

  1. Der erste Kongreßtag endet schon auf Seite 38; der Rest der Erzählung konzentriert sich auf die Traumhandlung.

  2. Amery erwähnt diesen Aspekt ebenfalls in „Die Botschaft des Jahrtausends“, allerdings in einem anderen Zusammenhang: „Wenn die zukünftige Welt bewohnbar sein soll, muß sie fehlerfreundlich sein...“ (Amery 1994, S. 158) Die Alternative Amerys zur „Spezialistenmonokultur“ ist die multikulturelle Gesellschaft, in der die Vielfalt der Traditionen immer neue Lösungsansätze für zukünftige Probleme bieten kann.

  3. „Tichy“ bedeutet polnisch: „Der Schweiger“, eine ironische Anspielung auf seine Fabulierlust; im „Futurologischen Kongreß“ wird diese allerdings auf eine ungewohnt nüchterne Art reduziert.

  4. Die Phantomatik läßt sich wiederum bei Lem unterscheiden: die zentrale Phantomatik bezieht sich auf den Verlust der Wahrnehmungsfähigkeit zum Beispiel durch Drogenexperimente; die periphere Phantomatik dagegen beschreibt die Wechelwirkungen  zwischen einem Empfänger und einer künstlichen Realität, zum Beispiel in der Interaktivität von Massenmedien und Publikum (vgl.: Hennings 1983, S. 31) Im „Kongreß“ überlagern sich beide Arten der Phantomatik, so daß der Leser Subjekt und Objekt nicht voneinander unterscheiden kann. 

  5. In „Solaris“ gelingt es dem Protagonisten Kelvin, sich selbst über einen Computer zu beweisen, daß er nicht wahnsinnig ist; diese Möglichkeit hat Tichy im „Kongreß“ nicht (vgl.: Lem 1984, S. 185).

  6. Die Darstellung von Sexualität und Weiblichkeit allgemein in den Werken Lems wäre eine eigene Untersuchung wert. Verkürzt läßt sich sagen: Frauen haben bis auf wenige Ausnahmen nur funktionalen Charakter, da Lem seinen Protagonisten nicht von dem von ihm gewählten Hauptproblem ablenken möchte. Sexualität schildert Lem häufig in einer Kombination aus kaum verholenem Abscheu und Spott.

  7. „Stanley Hazelton aus der Abordnung der USA schockierte sofort das Auditorium, denn er wiederholte nachdrücklich: 4, 6, 11 und somit 22; 5, 9,  ergo 22; 3, 7, 2, 11, und demzufolge wiederum 22!!“ (Kongreß, S. 24) Um Zeit zu sparen, verweisen die Futurologen mit Zahlen auf die Abschnitte ihrer Referate; „22“ bedeutet, wie Tichy später nachschlägt, die endgültige Katastrophe.

  8. „Unsere Sprache beschreibt zuerst einmal ein Bild. Was mit dem Bild zu geschehen hat, wie es zu verwenden ist, bleibt im Dunkeln. Aber es ist ja klar, daß es erforscht werden muß, wenn man den Sinn unserer Aussage verstehen will. Das Bild aber scheint uns dieser Arbeit zu überheben; es deutet schon auf eine bestimmte Verwendung.“ (Wittgenstein 1971, S. 219). 

  9. Der Roman blieb lange bei Lem in der Schublade; obwohl früher geschrieben, erschien er erst nach dem „Kongreß“.

  10. Eine der vielen kleinen, durchaus komisch-satirischen Situationen, die Marzin nur am Beginn des Textes entdecken kann, die sich aber über die ganze Erzählung verteilen, auch wenn sie häufig mit Unheimlichkeit gepaart sind (vgl. Marzin 1985, S. 18).

  11. „Im übrigen lernt fast niemand Geschichte; die Schulen bieten statt dessen ein neues Fach namens Zukunde, die Lehre von dem, was erst in der Zukunft geschehen wird.“ (Kongreß, S. 86) Kritisch befaßt sich Lem hier mit dem kulturellen Umdeutungs-/Ablenkungsprozeß, obwohl er selbst als Autor eine ahistorische Haltung einnimmt.

  12. „In Huxleys Version dagegen bedarf es keines Großen Bruders (wie bei Orwell, AA.), um den Menschen ihre Autonomie, ihre Einsichten, ihre Geschichte zu rauben. Er rechnete mit der Möglichkeit, daß die Menschen anfangen, ihre Unterdrückung zu lieben und die Technologien anzubeten, die ihre Denkfähigkeit zunichte machen.“ (Postman 1985, S. 7) In diesem Kommentar zu Huxleys „Brave New World“ zeigt Postman eine der gefährlichsten Situationen auf, der sich der Mensch in der „Moderne „stellen muß. Orwell fürchtete jene, die dem Menschen Informationen vorenthalten; Huxley die, die die Öffentlichkeit mit Informationen so überhäufen, daß man sich vor ihnen nur in Passivität und Selbstbespiegelung retten kann. (vgl.: Postman 1985 S. 9,10).

  13. In „Kyberiade“ geht Lem in der 11. Fabel scherzhaft mit den Konsequenzen einer Informationsüberflutung um: um Mäuler, den Informationsräuber zu besiegen, konstruieren Trurl und Klapauzius einen Dämon II. Ordnung, der den Piraten so sehr mit unnützen Informationen versorgt, daß dieser buchstäblich  von ihnen gefesselt wird: „Doch da schloß er die Augen und erstarrte, erdrückt von der Informationslawine ...“ (vgl.: Kyberiade, S. 173).

  14. Ziegfeld behandelt den „Kongreß“ nur sehr stiefmütterlich (vgl.: Ziegfeld 1985, S. 123-127). Es scheint, als habe er seine Bedeutung nicht recht einordnen können. Er beschreibt ihn als handwerklich gut, doch müsse die Zukunft erst eröffnen, ob ihm eine tiefere  Bedeutung zukomme. Seine Interpretation ist einseitig festgelegt auf „an elaborate spoof on modern man´s dependence on drugs“ (Ziegfeld 1985, S. 123). Es sieht Lem nicht ähnlich, seine Erzählung auf ein solch vordergründiges, wenn auch fundamentales Problem zu stützen. Meines Erachtens liegt eine Interpretation des Textes im postmanschen und beckschen Sinn näher, da zu Lems Schwerpunktthemen das Nichtzustandekommen von Kommunikation gehört.

  15. In „Eine Minute der Menschheit“ (Lem 1983 a, S. 10)  stellt Lem fest: „Die Werbung ist als Neue Utopie Gegenstand eines Kultes.“ Der Einsatz von Werbemitteln steigt seiner Ansicht nach umgekehrt proportional zur Qualität der Ware. Die Betäubung der Gesellschaft durch Überinformation im Sinne Postmans und die (tatsächliche) partielle Betäubung in der chemokratischen Gesellschaft weisen deutliche und nicht zufällige Parallelen auf.

  16. Der sowjetische Kosmonaut German Titow, der sich zu Transfer äußert, deutet die betrisierte Gesellschaft gar nicht so negativ: „Damit hoffen die Erfinder auf ewig Kriege zu verhindern.... Und wirklich, die Menschheit verändert sich.“ (Titow  in: Berthel 1976, S. 144). Seine Kritik richtet sich bemerkenswerter Weise nicht gegen die geistige Kastration, sondern gegen die Bourgeoisie, in der es keinen Heldenmut und keinen Opferwillen mehr gibt. In diesem Sinn deutet auch Fajnburg, ein Literaturkritiker in der ehemaligen UdSSR Lem als kommunistisch (vgl.: Fajnburg in: Berthel 1976, S. 141).

  17. Demzufolge war die Schließung des Atomkraftwerks in Zwentendorf/Österreich per Volksabstimmung seiner Meinung nach völliger Unsinn: „Wir leben in einem Zeitalter der Experten. Wenn sie erkranken, werden sie keine Umfrage machen in der Bevölkerung ... sondern Sie gehen zu einem guten Facharzt.“ (Interview in: Marzin 1985, S. 68). In Ansichten wie diesen werden Amery und Lem zu Antagonisten.

  18. Sowohl im „Passau“ Amerys, als auch im „Kongreß“ Lems ist die Ursache für die absolute Katastrophe die Überbevölkerung. Im „Passau“ wurde dieser Katastrophe durch eine kleinere, künstlich induzierte Katastrophe vorgebeugt, doch bleibt sie eine Drohung der Zukunft, da es abzusehen ist, daß auch die überlebende Menscheit eines Tages wieder vor dem gleichen Problem stehen wird (vgl. 5. 5. Die Wiedergeburt der Politik).