Albert Almering

SF im Allgemeinen und Lem im Besonderen

(Examensarbeit)

8. Schlußbemerkung und Ausblick

Die aktuellen Entwicklungen im SF-Markt zeigen ein neuerliches Ansteigen im Interesse an kybernetischen Themen, da KI und virtuelle Realitäten immer greifbarer werden. Ein Beispiel dafür sind die „Neuromancer“-Romane William Gibsons. Neben diesen Romanen erscheinen die Mahnungen Lems naiv: die Welt Gibsons ist voller Gewalt und Korruption, multinationale Konzerne kämpfen um Software, Hormone und Bioimplantate; sie werden wie die heutigen Drogen gehandelt. Diese „Cyberpunk“-Gesellschaft[177] zeichnet sich durch ein zunehmendes Wertvakuum aus, das sich fast auf den Grundwert „Leben“ (in diesem Fall „Überleben“) reduziert. Gibsons Romane sind im Lemschen Sinne kein Aufbruch zu neuen Wegen, vielmehr zeigt sich in ihnen der Trend zu gewalttätigem Pessimismus, der sich auf dem SF-Markt durchzusetzen scheint[178].

Eine Perspektive, wie es besser werden könnte, eröffnet Gibson seinen Lesern nicht, vielmehr überzeichnet er Probleme der Gegenwart und läßt sie unhinterfragt im Raum stehen. Zum utopischen Denken  gehört aber auch die Absicht, Perspektiven zu eröffnen[179]:

„... die alten Anliegen der Utopie, nämlich die kritische Darstellung der eigenen sozialen  und politischen Wirklichkeit, ihre Kritik anhand erfundener Welten - sie sind heute restlos unter das Etikett der SF subsummiert ...“ (Amery 1991, S. 277).

Das Öffnen von Perspektiven entspricht der in 2.4. erwähnten Möglichkeit der SF, Analogien zur Wirklichkeit über die Konstruktion von Modellen zu schaffen. Dabei geht es nicht darum, prognostische Aussagen über die Zukunft zu treffen (obwohl Lem gerne auch eine Spekulation wagt), sondern um die Veränderung und Erweiterung bestehender kognitiver Schemata (beispielsweise die Überwindung der anthropozentrischen Perspektive zu einer globalen Perspektive bei Amery und einer kosmischen Perspektive bei Lem). Vor allem in den Modellkonstrukten, deren Nähe zur Wirklichkeit direkt (wie bei Amery) oder abstrakt (wie bei Lem) sein kann, entwickelt sich eine didaktische Potenz für Engagierte SF. In 7.4. wurde versucht, diese eng bezogen auf die charakteristischen Merkmale der beiden Autoren darzustellen. Die Grundvoraussetzung für das Erkennen der didaktischen Potenz ist allerdings die Bereitschaft des Lesers, sich auf die Regeln und damit auf den Spielcharakter der SF einzulassen.     

Derjenige, der Fragen an die SF (auch an die Engagierte SF) stellt, wird schwerlich konkrete Anregungen für eine „Zukunftsbewältigung“ bekommen. Vielfach findet er statt dessen konstruierte Konflikte und bizarre Theorien vor, die durch blinden Aktionismus um des Abenteuers willen gelöst werden. Die konkrete Utopie widerum hat sich überlebt, da sie viel zu schnell von der Wirklichkeit überholt wird. Den Forderungen von Pehlke und Lingfeld, SF müsse Widerstände gegen die Befreiung des Menschen als konkrete gesellschaftliche Kräfte entlarven (negative SF) und deren Überwindung schildern (positive SF) kann in diesem Umfang nicht entsprochen werden (Pehlke/Lingfeld 1970, S. 149), zumal dies auf Kosten des fiktionalen, spielerischen Charakters der Gattung geschehen müßte. Besser beschreibt der Begriff der „ausmalenden Prophetie“ von Jehmlich und Lück (vgl. Jehmlich/Lück, 1974, S. 38) die mögliche Aufgabe innerhalb der Grenzen der Wahrscheinlichkeit, die auf SF übertragen werden kann.

Der Begriff der „Engagierten SF“ ist vorwiegend innerhalb dieser Arbeit als Arbeitshypothese gültig, denn schließlich wurde er nur an insgesamt vier Werken verifiziert. Sicherlich läßt sich aber Engagement in der SF auch bei anderen Autoren und in anderen Werken finden, so daß prinzipiell einer Übertragung möglich ist. Mit dem Kriterium des Engagements, das die Konzentration auf das Abenteuer um des Abenteuers willen aus dem Fokus eines SF-Romans verdrängt, kann die zum Teil fruchtlose Diskussion um Literatizität und Trivialität der Gattung umgangen werden, zumal sich diese Frage nicht restlos klären läßt. Neben der Variationsgattung ist SF zusätzlich eine Sammelgattung, in der die Grenzen zum Schauerroman, zum Kriminalroman fließend sind; aus diesem Grund empfiehlt es sich, Strömungen innerhalb der Gattung zu isolieren und gesondert zu untersuchen, anstatt die gesamte Gattung in die Grenzen einer einzigen Definition zu binden. Die Engagierte SF ist in dieser Arbeit mit Vorsatz weniger definiert, als charakterisiert worden, denn durch den Sammelcharakter lassen sich zu jeder Regel gleich mehrere Ausnahmen finden.   

Elemente, die in der SF existieren, hielten in die verschiedensten künstlerischen Bereichen Einzug, so zum Beispiel im Film, in der Musik und in der Malerei. In der Malerei sind Künstler wie Hutter, Fuchs und Hauser bereits über Kunstkalender und Bildkarten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich; sie bedienen sich allerdings eher phantastischer Motive als solcher aus dem SF-Bereich. Der Vergleich von Literatur und Malerei bietet sich vor allem durch die Verwandschaft der Techniken an: sowohl in der einen als auch in der anderen werden verschiedene Bildebenen übergeblendet, Bedeutungsebenen durchdringen sich gegenseitig und verschiedene Realitätsgrade und Zeitmaße werden eingeführt. „Das riskante Spiel mit Zeit, Kunst und Leben vollzieht sich hier wie da als Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, als Vertauschung von Künstlichem und Lebendigem, als ein Verschwimmen von Schein und Realität.“ (Thomsen/Fischer 1980, S. 5). In diesem übergeordneten Rahmen zeigt sich, daß das Interesse an einer neuen Transzendenz des Erfahrbaren sich nicht auf eine Untergattung der „Großgattung“ SF beschränkt, vielmehr ist umgekeht die Entwicklung in Teilen der SF ein Symptom von vielen für den Versuch einer kulturellen Mängelbewältigung.

Als Leitprinzip für die Untergattung „Engagierter SF“ im Gefüge der Literaturproduktion kann gelten, was Dürrenmatt über seine Neigung zum Kriminalroman gesagt hat: „Die Literatur muß so leicht werden, daß sie auf der Waage der heutigen Literaturkritik nicht mehr viel wiegt: Nur so wird sie wieder gewichtig.“ (Dürrenmatt 1966, S. 131). Das absolute Gewicht, das durch die Gesamtheit der Leserschaft bestimmt wird, kann dennoch groß sein. 

Ein Aspekt konnte aufgrund des Umfanges und des Zusammenhanges in dieser Arbeit nicht mehr berücksichtigt werden: die Verbindung von romantischem Denken und SF. Anhaltspunkte für eine Verbindung fanden sich vielfältig in den in dieser Arbeit untersuchten Werken: der Versuch einer ständigen Entgrenzung in der Gattung, die Melancholie über nicht erreichte Träume und die ironische Darstellung von Ideen als Befreiung von den Grenzen der Wirklichkeit, die Ähnlichkeiten von Märchen und SF, schließlich der sozialutopische Aspekt an sich. Lessing sagt über den romantischen Schwärmer: „Er wünscht sich diese Zukunft beschleunigt - und wünscht, daß sie durch ihn beschleunigt werde. Wozu sich die Natur Jahrtausende Zeit nimmt, soll in dem Augenblick seines Daseins reifen.“ (Lessing 1980, S. 26). Gleiches kann auch auf den SF-Autoren übertragen werden; diesem Vergleich könnte eine eigene Untersuchung gewidmet werden.


FUSSNOTEN

  1. Menschen leben bereits mit kybernetischen Implantaten; jedes dieser Implantate nimmt ihnen ein Teil ihrer menschlichen Empfindsamkeit. Mit ein wenig Phantasie könnte man hier das „Missing Link“ in der Evolution zur Gesellschaft Klapauzius` und Truls entdecken.

  2. Neben den „Neuromancern“ gibt es auch eine aktuelle Trendrichtung der „Humanists“ (beispielsweise vertreten durch Lucius Shepard und Richard Paul Russo), die sozialkritische und pazifistische SF schreiben, ohne dabei auf die Naturwissenschaften zu verzichten. Die „hard-boiled“-SF erfreuen sich jedoch in den Fangemeinden größerer Beliebtheit durch die Akzentuierung des Abenteuers. 

  3. Als Beispiel für seine Behauptung führt Amery die Zeit des McChartyismus in den fünfziger Jahren an, als das Genre eine Fluchtstätte für „linke“ Autoren und ihre Kritik wurde.